Umwelttechnologien I: Ladestationen für Elektrofahrzeuge - Der Schlüssel zur Elektromobilität

Der Anteil von Elektrofahrzeugen am Straßenverkehr wird in den kommenden Jahren deutlich zunehmen. Neben der permanenten Optimierung der Fahrzeuge stellt vor allem die flächendeckende, einheitliche Ladetechnik eine besondere Herausforderung dar. Ein mittelständisches Unternehmen aus dem Sauerland ist jetzt dabei, einen internationalen Standard zu setzen.

Kirchhundem. Die Idee kam bei der Zeitungslektüre. Als Walter Mennekes im Sommer 2008 in einer deutschen Wochenzeitung ein Interview mit VW-Chef Martin Winterkorn las, in dem der sich über die Zukunft der Elektromobilität ausließ, war er im wahrsten Sinne des Wortes elektrisiert. Wenn das die Zukunft des Automobils ist, so die Überlegung des Geschäftsführers der Mennekes Elektrotechnik GmbH & Co. KG, dann böte sein Unternehmen die besten Voraussetzungen, um eine entsprechend notwendige Lade-Infrastruktur zu entwickeln. Als einer der weltweit führenden Hersteller genormter industrieller Steckvorrichtungen, sagte sich der Vollblutunternehmer aus dem sauerländischen Kirchhundem, „haben wir hier eine historische Chance, die sich einem nur sehr selten eröffnet“.

Die Produktion von Steckverbindungen reicht bei Mennekes von Kleinteilen...Kurz nach der Lektüre des Interviews gab Mennekes der Entwicklungsabteilung des Unternehmens den Auftrag, „eine ganzheitliche Lösung zu entwickeln, welche die Anforderungen der Energieversorger, Netzbetreiber, Automobilhersteller und Verbraucher berücksichtigt“. Da geht es um weit mehr als lediglich Stecker und Steckdose. Soll die künftige Elektromobilität Sinn machen, müssen beispielsweise regenerative Energiequellen mit ihren schwankenden Leistungen durch intelligentes Energie-Management besser nutzbar gemacht werden. Zudem muss sich die Leistungsfähigkeit der Energienetze nach den Bedürfnissen der Verbraucher richten. Manche der künftigen Elektroautos werden in kurzer Zeit aufgeladen, andere stehen Stunden oder Tage still.

Damit jedes Fahrzeug bedarfsgerecht geladen werden kann, brauchen die Energieversorger Informationen über die jeweiligen Anforderungen, das heißt, die Ladestationen müssen kommunikationsfähig sein. Solche Schnittstellen sind auch die Voraussetzung, um die Ladevorgänge abrechnen zu können. Doch das Anforderungsprofil ist damit noch längst nicht vollständig. Sicherheit, Installations- und Wartungsfreundlichkeit sowie Handling waren weitere Herausforderungen, denen sich die Mennekes-Entwickler stellen mussten.

Doch die sauerländer Tüftler brauchten nicht bei Null anzufangen. Bereits in den 1990er-Jahren hatte das Unternehmen mit dem „CEEplus“ ein Steckersystem entwickelt, das über einen Stecker sowohl Strom- als auch Daten- bzw. Signalübertragung ermöglichte. Nach intensiven Gesprächen mit Energieversorgern, Automobilherstellern und anderen Experten entwarfen die Mennekes-Ingenieure einen Stecker, der nahezu allen möglichen Anforderungen gerecht wird: Er ist geeignet für unterschiedlich starke Ladeströme über ein- und dreiphasige Anschlüsse, beherrscht die Datenkommunikation und kann den Strom in beide Richtungen übertragen. Die Energie kann dadurch sowohl vom Stromnetz in den Fahrzeugakku übertragen als auch aus dem Fahrzeug ins Stromnetz eingespeist werden. Für die so genannten Smart-Grids – die intelligenten Stromnetze der Zukunft – ein wichtiger Punkt.

.. .über große Stecker für besondere Anforderungen...Getreu dem Firmenmotto „Plugs for the world“ hat Mennekes diesen Stecker Anfang vergangenen Jahres bei der Internationalen Elektrotechnischen Kommission (IEC) in Genf als offenen Normenentwurf eingereicht. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass das mittelständische Unternehmen aus dem Sauerland zumindest für Europa einen Standard setzen könnte. International gibt es bis jetzt nur zwei weitere Entwürfe, aus Japan und Italien. Technisch ist der Stecker aus Kirchhundem beiden Konkurrenten überlegen. Doch für Walter Mennekes ist das noch keine Entscheidung. So sind nicht immer unbedingt die technischen Aspekte ausschlaggebend, wenn es um Normierungen geht. Mennekes verweist dabei auf den weltweiten Video-Standard VHS, der dem damals konkurrierenden Beta-System in vielen Punkten unterlegen war, sich aber dennoch durchsetzen konnte.

Zumindest in Europa erfreut sich das Mennekes-System des Zuspruchs der führenden Automobilkonzerne und Energieversorger. Letztere bestellen mittlerweile komplette Ladestationen, um diese in diversen Pilotprojekten unter Alltagsbedingungen zu testen. Vor allem die Stadtwerke in Deutschland zeigen starkes Interesse. Fast täglich entstehen neue Pilotprojekte. Und die Nachfrage wächst weiter. Spätestens seit dem Deutschen Elektromobilitätsgipfel im Frühjahr dieses Jahres ist das Thema öffentlich präsent. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel dann auch noch auf der Hannover Messe einen Mennekes Ladestecker medienwirksam in den Händen hält, tut das ein Übriges.

.. bis zu kompletten Industrieanlagen, die nach individuellen Wünschen gefertigt werden.Seit Ende vergangenen Jahres häufen sich auch noch die Anfragen aus dem Ausland. „Im Moment“, so Walter Mennekes, „können wir gar nicht alle Anfragen bedienen.“ Das soll sich ab Herbst ändern, wenn die Ladestationen in Kleinserie produziert werden. Bei aller Euphorie bleibt der Unternehmer aber realistisch. „Von einem Massenmarkt mit einer flächendeckenden Infrastruktur, sind wir noch weit entfernt. Allerdings befinden wir uns in einer äußerst spannenden Phase, weil der Grundstein für diesen Megatrend gerade gelegt wird.“ Wie wichtig Mennekes diesen Bereich nimmt, untermauert allein schon die Tatsache, dass dafür in Kirchhundem 20 neue Stellen geschaffen wurden.

Und das in Zeiten, in denen der Umsatz krisenbedingt um gut 20 Prozent zurückgegangen ist. Aber genau das hat System: „Wir sind ein global tätiges Familienunternehmen“, sagt Walter Mennekes, „das in ein dichtes Geflecht sozialer Bezüge eingebunden ist und nicht den kurzfristigen Erfolg sucht, sondern langfristig denkt.“ Neben den Neueinstellungen wurden im vergangenen Jahr auch noch Investitionsentscheidungen von mehr als 10 Millionen Euro getroffen. Es entstanden neue Produktionshallen mit hochmodernen Maschinen für die Prozessoptimierung der Fertigung.

Ladestation für Elektrofahrzeuge.Produziert werden bei Mennekes bereits seit 1935 Industriesteckvorrichtungen in verschiedensten Ausführungen, vom einfachen Serienstecker bis hin zu individuellen Steckdosen-Kombinationen, die je nach Kundenanforderungen entwickelt und gebaut werden. Die Produktpalette ist so im Laufe der Jahre auf über 11.000 Serien- und Sonderprodukte angewachsen. Vertrieben werden die Steckvorrichtungen in 90 Ländern der Erde – allein 70 Auslandsvertretungen sorgen für entsprechende Marktnähe. Weltweit beschäftigt das Unternehmen rund 800 Mitarbeiter, davon mehr als zwei Drittel in Deutschland, von denen wiederum 470 im Stammwerk in Kirchhundem tätig sind. Zur Zukunftsorientierung gehört für Mennekes aber auch die eigene Ausbildung. Zur Zeit werden im Sauerland 50 junge Leute in elf Berufen ausgebildet. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Mennekes einen Umsatz von 100 Millionen Euro, die Hälfte davon fiel auf den Export.

Doch auch Mennekes muss sparen. Eine für dieses Jahr ursprünglich geplante große Feier anlässlich des 75-jährigen Firmenjubiläums wurde abgesagt. „Es müssen halt Prioritäten gesetzt werden“, sagt der Firmenchef. Und die liegen vor allem bei den Mitarbeitern. Mit Hilfe von großzügigen Arbeitszeitmodellen konnten bis jetzt trotz Krise alle Beschäftigten gehalten werden. Das soll auch so bleiben und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens nach der Krise weiter stärken.