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Die hohe Produktivität in Deutschland kann die Arbeitskosten nicht wettmachen 




Unter den wichtigsten Industriestandorten der Welt ist die Arbeit in Deutschland am teuersten. Die Gewerkschaften bestreiten diese Tatsache nicht. Aber sie sagen: Der hohe deutsche Stundenlohn wird durch entsprechend Vorsprünge bei der Arbeitsproduktivität ausgeglichen. Diese Aussage verkennt die Rolle der Arbeitsproduktivität im Standortwettbewerb.

Bei Standortentscheidungen ist die Arbeitsproduktivität nur von nachrangiger Bedeutung.
Wenn ein Betrieb bei einer Investitionsentscheidung die wichtigsten Standortfaktoren abgleicht, rangiert die Arbeitsproduktivität weit hinten. Bei definierter Technologie und vorgegebenem Maschinenpark sind auch die an der Anlage darstellbaren Arbeitsproduktivitäten weitestgehend vorbestimmt - und zwar unabhängig davon, wo die neuen Kapazitäten aufgestellt werden. Die benötigten qualifizierten Arbeitskräfte sind im Bereich der mittleren und gehobenen Technologie heute fast überall in Europa vorhanden. Daher schlagen im Investitionskalkül die Unterschiede bei den Arbeitskosten voll durch – zu Lasten des Standorts D.

Die deutsche Industrie liegt im internationalen Produktivitätsvergleich auf einem Mittelplatz.
Im Ranking der 14 Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt lag die deutsche Industrie 2004 bei der Arbeitsproduktivität auf Platz 7. Sie hat im Vergleich zur Konkurrenz aus den USA und Frankreich deutlich Terrain verloren, ihre Position gegenüber Japan und Großbritannien ungefähr gehalten und gegenüber Italien verbessern können. Die derzeit riesigen Vorsprünge gegenüber Osteuropa sind mit Vorsicht zu betrachten. Da dort immer noch Uralt-Anlagen gefahren werden, ist die Produktivitätsstatistik nicht aussagekräftig. Bei den meist von Westinvestoren errichteten jüngeren Anlagen gibt es kaum noch Produktivitätsunterschiede.

Die Gegengewichte zu den hohen deutschen Arbeitskosten bilden andere Standortfaktoren.
Trotz der erheblichen Arbeitskostennachteile entscheiden sich immer noch viele Investoren für den Standort Deutschland. Das liegt vor allem am Netzwerk, in das Betriebe mit technologisch anspruchsvoller Wertschöpfung in Deutschland eingebunden sind: Zulieferer, Kunden, Forschungs- und Weiterbildungseinrichtungen und Verkehrsinfrastruktur gibt es in vergleichbarer Dichte und Qualität anderswo nur in ganz seltenen Ausnahmefällen. Das Zulieferernetzwerk, das den stärksten Standort-Magnet darstellt, ist daher unbedingt zu erhalten – auf keinen Fall darf die kritische Masse unterschritten werden.
 
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