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Die Geschichte der Voßstraße 16: Im Zentrum der [Ohn-]Macht 




Als am 19. März 1890, einen Tag vor Bismarcks Rücktritt, der „Verband Deutscher Metallindustrieller“ gegründet wurde, befanden sich die Eigentümer der Voßstraße 16 auf einer Reise in Rom. Damals ahnte noch niemand, dass Verband, Adresse und in gewisser Weise auch die Nachfahren der ehemaligen Besitzer über hundert Jahre später, nach einschneidenden welthistorischen Ereignissen, zusammenkommen würden.

Rund 20 Jahre vor der Verbandsgründung wurde das Deutsche Kaiserreich proklamiert, und damit beginnt auch die Geschichte des Grundstücks. Ungefähr in den heutigen Grenzen erscheint es erstmals in einem Plan der Deutschen Bau-Gesellschaft von 1871, der den Bau einer „Neuen Strasse“ im Regierungsviertel zwischen der Wilhelmstraße und Königgrätzerstraße (heute: Ebertstraße), auf dem ehemaligen Voß’schen Gelände vorsah.



Am 22. April 1872 erwarb der Privatbankier Friedrich Meyer (1820-1881) das Grundstück Nr. 16 (zuerst als 15, dann 15a gezählt) und ließ darauf im Stil der italienischen Neorenaissance eine Villa errichten.Der Einzug der Familie und des Bankhauses E. J. Meyer erfolgte 1875.

Das Erbe des Bankiers übernahm sein Sohn, der Germanist Richard M. Meyer (1860-1914). Er und seine Frau Estella (1870-1942) führten ein geselliges und künstlerisches „offenes Haus“, in dem – Angehörige des Hochadels ausgenommen – regelmäßig Repräsentanten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur verkehrten. 1914 erlitt diese Blüte der Geselligkeit mit Meyers Tod einen jähen Einbruch.

Das für die Vertreter der Metallindustrie zukunftsweisende Jahr 1918 brachte für die Familie den allmählichen Niedergang: ein Sohn fiel vor Verdun, die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, Rezession und Inflation in den 1920er Jahren bedeuteten erhebliche Einbußen für das vormals immense Vermögen, mehr und mehr Partien des Hauses wurden vermietet.

Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten führte noch 1933 zur Selbstauflösung des Arbeitgeberverbandes, bedeutete aber für die Familie erst den Anfang der Repressionen: Bereits 1936 wurden Meyers zum Verkauf des Grundstücks gezwungen, da die gesamte Nordseite der Voßstraße dem Neubau der Reichskanzlei weichen musste. Als eines der letzten Gebäude wurde die Meyer’sche Villa 1938 abgerissen. Doch auch von der 1939 eingeweihten Neuen Reichskanzlei blieben nach Kriegsende nur Ruinen – Meyers überlebten die Judenverfolgung in Berlin, mussten nach Kriegsende mehrere Jahre in Flüchtlingslagern verbringen und ließen sich schließlich in Hessen nieder.

Berlins alte Mitte mit dem Regierungsviertel fand sich im sowjetischen Sektor. Die restliche Bausubstanz von Alter und Neuer Reichskanzlei wurde abgetragen, 1959 das gesamte Gelände eingeebnet und die Stahlbetontrümmer und Bunkeranlagen durch einen „Hügel“ übererdet, der nach dem Bau der Mauer 1961 im so genannten „Todesstreifen“ lag. Wo einst das Machtzentrum des Deutschen Reiches gewesen war, befand sich nun ein Vakuum.

Im November 1989 wurde die Mauer an der Leipziger Straße geöffnet, wenige hundert Meter von der einstigen Voßstraße Nr. 16 entfernt. Das aus den Akten der 1930er Jahre rekonstruierbare Grundstück wurde 1999 an die Erbengemeinschaft Meyer zurückgegeben und von dieser an die Züblin Projektentwicklung verkauft. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall erwarb das noch im Bau befindliche Objekt und bezog es 2003. Die „Villa Voß“ knüpft in vielerlei Hinsicht – nicht nur in der Namensgebung – an eine Tradition an, die 70 Jahre zuvor gewaltsam zerstört worden ist. Die Nummer 16, bislang das einzige Grundstück in der Voßstraße, auf dem seit der Wende ein Gebäude errichtet werden konnte, befindet sich erneut in einer exklusiven und politisch zentralen Lage.
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Die Autorin, Myriam Richter, ist Doktorandin am Institut für Germanistik II der Universität Hamburg und schreibt zur Zeit u.a. im Auftrag von Gesamtmetall eine ausführliche Geschichte des Hauses "Voßstraße 16"
 
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