Girls’Day Akademie: Wo Mädchen von Technik schwärmen

Gutes immer noch etwas besser machen

Junge Frauen in Deutschland verfügen über eine besonders gute Schulbildung. Dennoch entscheidet sich die Mehrheit von ihnen immer noch für typisch weibliche Berufe und Studienfächer. Die Girls’Day Akademie möchte gezielt Mädchen, die sich in der Berufsorientierung befinden, bei einem möglichen Weg in einen MINT-Beruf oder Studiengang unterstützen und begleiten

Die Teilnehmerinnen der Girls’Day Akademie der Realschule Güglingen treffen sich einmal pro Woche in der Schule.Stuttgart. Die Skepsis ist bei Julia längst gewichen. „Am Anfang habe ich mir schon die Frage gestellt, ob ich das mit der Technik überhaupt kann“, sagt die 15-jährige Schülerin, „aber ich merke jetzt, dass es Spaß macht, und es ist auch echt interessant.“ Ähnlich sieht es Mitschülerin Sarah: „Ich habe auch erst gedacht, Technik, das wird nichts. Aber es ist was geworden, ich habe es gut hinbekommen, und mir hat es auch Spaß gemacht.“ Für die zweite Sarah in der Runde war das alles nicht ganz so neu. „Ich komme aus einem kleinen Dorf“, sagt sie, „da macht man viel selber, und das hat mich vorher schon interessiert.“ Die drei Mädchen besuchen die neunte Klasse der Realschule Güglingen, eine halbe Autostunde nördlich von Stuttgart. Sie nehmen seit Anfang des Schuljahres an der sogenannten Girls’Day Akademie teil und sagen voller Überzeugung, „dass es sich bisher voll gelohnt hat“, wie Julia meint.

Bei der Akademie handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Girls’Day (www.girls-day.de), der seit 2001 jedes Jahr im April (in diesem Jahr am 26.) bundesweit durchgeführt wird. Tausende von Schülerinnen nutzen jährlich diesen Tag, um für sich wertvolle Einblick in technisch-naturwissenschaftliche Berufe in den unterschiedlichsten Unternehmen zu erhalten. Doch ein Tag pro Jahr ist für eine intensive Auseinandersetzung der Mädchen mit den umfassenden Möglichkeiten in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) viel zu kurz.

Unter anderem auf Initiative des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall hat man daher im Jahr 2008 in Baden-Württemberg die Girls’Day Akademie, quasi den Girls’Day für ein Jahr, ins Leben gerufen. „Wir wollten es einfach nachhaltiger machen“, sagt Elisabeth Römpp, Projektleiterin beim Bildungsträger BBQ in Ludwigsburg, „dadurch ist die Girls’Day Akademie entstanden, die einmal in der Woche als Arbeitsgruppe an den teilnehmenden Schulen stattfindet, wodurch die Mädchen viel tiefere Einblicke bekommen und viel bessere Chancen haben, sich mit den beruflichen Feldern auseinanderzusetzen.“ Das Ziel sei schließlich eine vertiefte Berufsorientierung und mehr Selbstbewusstsein der Teilnehmerinnen im Zusammenhang mit technisch-naturwissenschaftlichen Inhalten.

Die Kooperation aus Schulen, Hochschulen, Arbeitsagenturen und Unternehmen hat dabei für die Schülerinnen der Klassen 7 bis 10 von Gymnasien, Haupt- und Realschulen ein abwechslungsreiches Programm gestaltet, das Informationen zu verschiedenen naturwissenschaftlich-technischen Berufsbildern, praktische Beispiele, Unternehmensbesichtigungen und Präsentationstechniken vereint. Die Gruppen von 10 bis 20 Schülerinnen treffen sich einmal pro Woche nach dem Unterricht und werden in der Regel von Lehrkräften ihrer Schule betreut.

Die Verantwortlichen möchten mit der Akademie dazu beitragen, dass möglichst viele junge Frauen traditionelle Rollenmuster bei der Berufswahl ablegen. Nach wie vor beschränke sich nämlich mehr als die Hälfte aller Mädchen bei der Job-Wahl auf zehn Ausbildungsberufe, unter denen sich aber kein naturwissenschaftlicher oder technischer befindet. In der Rangliste der gewählten Berufe liegt bei jungen Frauen der erste aus der Metall- und Elektro-Industrie auf Platz 51. „Dabei kommt es in den M+E-Berufen nicht nur auf Präzision und auf den Umgang mit Technik, sondern auch auf Teamarbeit und das abteilungsübergreifende Denken an“, sagt Gabriele Sons, Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Zudem seien die Chancen auf eine Karriere für Mädchen noch nie so gut gewesen wie heute. Sie ist sich daher sicher, dass die Ausbildung und die Arbeit bei M+E für viele junge Frauen genau das Richtige sei – „sie wissen es nur noch nicht", so Sons weiter.

Neben technischen Kursen, Theorie und Betriebsbesichtigungen, stehen auch sogenannte Softskills, wie etwa Selbstbehauptung auf dem Plan. Auf dem Foto zeigt eine Trainerin den Mädchen, dass mit dem richtigen Willen selbst dicke Bretter zu knacken sind.Damit sie genau das leichter erfahren können, gibt es die Girls’Day Akademie. Das setzt auf beiden Seiten, bei den Schülerinnen und bei den Lehrkräften, Interesse und Engagement voraus, wie etwa bei Beate Ackermann, Fachlehrerin für Berufskunde und Technik an der Realschule Güglingen. „Ich selbst“, sagt die Pädagogin, „bin Techniklehrerin aus Leidenschaft, ich mache das liebend gerne, es interessiert mich, macht mir Spaß, und diese Begeisterung möchte ich eben an die Mädels weitergeben.“ Und bei denen kommt es an. Es sei zwar schon anstrengend, meint Julia, „aber sie probiert, es wirklich spaßig rüberzubringen, nicht so wie in der Schule. Wir machen viel Gruppenarbeit, und wenn wir eine Woche viel Theorie machen, machen wir in der nächsten Woche wieder etwas Praktisches, aber auch Ausflüge und Firmenbesichtigungen.“ Auch Sarah macht die Akademie viel Freude. „Und wenn mir etwas Spaß macht, dann gehe ich da auch gerne hin und investiere die Zeit dafür“, sagt die Schülerin.

Auch wenn die Lerneinheiten meist in der Schule stattfinden, haben sie nichts mit dem üblichen Unterricht zu tun. Stattdessen stehen der Bau und die Programmierung von Robotern oder die Konstruktion von Solarzellen auf dem Stundenplan. Für Julia und ihre Mitschülerinnen ist genau das am wichtigsten, „wenn man am Ende ein Ergebnis in der Hand hält, das man selber gebaut hat“. Darüber hinaus werden den Schülerinnen Wege in ingenieur- oder naturwissenschaftliche Berufe aufgezeigt. Exkursionen zu Unternehmen und Hochschulen, kurze Praktika und Workshops sowie verschiedene Trainings für Bewerbungen, Selbstbehauptung oder Präsentationen runden das Angebot ab.

Mit der freiwilligen Teilnahme an der Girls´Day Akademie, so hoffen die Veranstalter, würden sich die Schülerinnen der gesamten Auswahlmöglichkeiten für ihre berufliche Zukunft bewusst und beschränkten sich nicht auf die „typisch weiblichen“ Berufsbilder. „Wir haben bei einigen Mädchen gesehen, dass sie durch die Akademie viel mehr Interesse an einem technischen Berufe bekommen haben“, sagt Elisabeth Römpp. Bei manchen, bei denen die Interessen schon da waren, sei es unterstützend gewesen. „Die haben da einfach noch einmal den Input bekommen, dass es wirklich was für sie ist und dass sie jetzt wirklich Kfz-Mechatronikerin lernen können, und dass es gar nicht so schlimm ist, in dieser typischen Männerdomäne eine Ausbildung zu machen.“ Eine Erfahrung, die Antonia Hörmann aktiv machen will und den Verantwortlichen in einer Email mitteilte: „Einen Platz für ein kooperatives Mechatronik-Studium habe ich auch schon – auf den Studiengang kam ich durch die Girls’Day Akademie.“

Mehr als 450 Schülerinnen haben bis heute die unter der Regie von Südwestmetall durchgeführten Veranstaltungen durchlaufen. Zurzeit finden in Baden-Württemberg 18 Akademien statt. Seit zwei Jahren gibt es die ersten auch in Berlin. Hier wurden die Girls’Day Akademien im vergangenen Dezember sogar ins Regierungsprogramm aufgenommen, mit der Willenserklärung, die Reihe stärker auszubauen.

„Unser Ziel in Baden-Württemberg ist es nun“, so Projektleiterin Römpp, „dass nach einer dreijährigen Förderung die Schulen die Girls’Day Akademie selbständig weiterführen können.“ Bei der Realschule Güglingen ist es jetzt soweit und Lehrerin Ackermann freut sich schon darauf, auch wenn es eine Menge zusätzlicher Arbeit bedeutet. Doch der Einsatz sei die Mühe wert: „Wenn ich jedes Jahr nur ein Mädchen für einen technischen Beruf begeistern kann und das nachher an der richtigen Arbeitsstelle landet, dann hat sich die Sache bereits gelohnt.“