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"Ein Umdenken muss stattfinden" 



Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk zur Rente mit 67 und der Situation älterer Mitarbeiter in der M+E-Industrie
Herr Kannegiesser, ist es ein Problem, in der Metall- und Elektro-Industrie einen Arbeitsplatz zu finden, wenn ich über 50 oder 60 bin?

Das ist in der Regel, wenn es sich um Fachkräfte handelt, kein Problem.

Wie kommt es dann, wenn fast jeder Zweite früher in Rente geht, mit Abschlägen sogar. Da stimmt doch einfach etwas nicht. Die meisten wollen nicht länger arbeiten.

Also, für unsere Industrie trifft das sicher nicht zu. Im Gegenteil. Wir haben in den letzten zehn Jahren die Zahl fast verdoppelt; die Zahl der Älteren über 60 sogar auf jetzt 154.000. Man muss ja auch berücksichtigen, dass noch bis vor wenigen Jahren von allen politischen Kräften - auch von den Gewerkschaften , von uns allen - sogar der Vorruhestand begünstigt worden ist. Damals war die Devise: Jung für Alt. Das heißt, wir haben ein demographisches Wechselbad hinter uns. Wir haben bei immer weniger werdenden jungen Leuten eine hohe Zahl von Älteren. Und darauf mussten sich die Betriebe einstellen. Das ist nicht schlagartig gegangen. Und für unsere Industrie stimmt das sowieso nicht: „jeder Zweite geht früher“. Wenn das in anderen Bereichen so zutreffen sollte, dann hat das sicherlich verschiedene Gründe, die nicht nur an den Betrieben oder an der Arbeit liegen, die die Leute früher kaputt macht, wie es jetzt immer so schön im Bildzeitung-Stil heißt. Es liegt natürlich auch daran, dass manche sich leisten wollen oder können, eher in den Ruhestand zu gehen.

Auf der anderen Seite, gerade auch in Ihrer Industrie, wird viel im Schichtdienst gearbeitet. Da wird verlangt, dass gewisse Stückzahlen auch erfüllt werden. Ältere sagen, da kann ich nicht mehr mithalten. Muss da auch ein Umdenken, bei der Personalentscheidung zum Beispiel, stattfinden? Bei der Gesundheitsvorsorge, wie es auch Ursula von der Leyen angemahnt hat?

Ja, selbstverständlich. Da hat auch schon ein Umdenken in erheblichem Maße stattgefunden. Verbesserung von Ergonomie, Verbesserung von Gesundheitsvorsorge bei den Älteren – da muss natürlich auch ein Umdenken stattfinden, denn sowas ist nicht nur eine Bringschuld der Betriebe. Nun muss man andererseits in Perspektiven denken. Und in Perspektiven heißt: die Rente mit 67. Die wird im Jahre 2029, also in kleinen Trippelschritten erreicht werden. Bis dahin wird sich unser Arbeitsmarkt, wird sich auch die Struktur unserer Arbeitsplätze noch einmal gewaltig verändern. Wenn Sie auf Schichtarbeit und solche Dinge hinweisen: das ist jetzt schon ein ganz kleiner Prozentsatz derjenigen, die Schichtarbeit leisten. Also, ob wir diese Art von Arbeitsplätzen überhaupt noch in 20 Jahren in Deutschland haben werden, das ist eine zweite Frage.

Aber es wird uns vorausgesagt, dass wir mobil sein müssen, immer neue Arbeitsplätze anstreben dürfen. Und da sagen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit deutlich, dass Leute ab 50 Probleme haben, einen Arbeitsplatz zu finden, weil die Firmen lieber Jünger nehmen.

Ja, nur wenn Sie in Zukunft keine Jüngeren mehr bekommen und gleichzeitig das Element Erfahrung immer wichtiger wird, dann müssen wir uns doch daran anpassen. Und das heißt eben auch, es gibt überhaupt keine Chance, den dann vorhandenen Rentner in 20 Jahren und den Jüngeren überhaupt den Lebensstandard zu sichern und den Aktiven auch, wenn wir nicht dazu kommen, dass wir uns umschichten und umorientieren. Die Lebenserwartung wird bis dahin noch einmal im Durchschnitt um drei Jahre höher sein in 12, 15 Jahren. Ich beobachte in meinem Umfeld, zumindest in den Betrieben, die ich überschaue, meine eigenen, dass durchaus an vielen Arbeitsplätzen manche sogar mit einem lachenden und einem weinenden Auge, immer mehr mit eineinhalb weinenden Augen, wenn sie noch gesundheitlich fit sind, in den Ruhestand gehen. Wir haben in unserer Industrie vor mehreren Jahren einen Tarifvertrag abgeschlossen, der einen flexiblen Übergang ermöglicht. Solche flexiblen Übergänge wird es in Zukunft mehr geben. Also es wird nicht mit dem Fallbeil von heute auf morgen die Rente mit 67 gelten. Es wird auch in Zukunft - differenziert nach Belastungen, differenziert nach Gesundheitszustand – Möglichkeiten geben, einen flexiblen Übergang in die Altersteilzeit zu haben, wie wir es teilweise schon verwirklicht haben.


.Das Interview führte Frau Birgit Harprath.
Gesendet am 03.01.2012

 
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