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Arbeitgeberverband Gesamtmetall: Geschäftsbericht 2010/2011
Vorwort
Wer hätte das gedacht: Nach einem beispiellosen Einbruch hat die M+E-Industrie im Jahr 2010 einen ebenso einzigartigen Aufholprozess erlebt. Auftragseingänge und Produktion legten kräftig zu, selbst die Gewinne, die 2009 auf den tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken waren, kletterten wieder nach oben.
Auch die Beschäftigung entwickelte sich besser als erwartet. Hatte Gesamtmetall ursprünglich noch mit einer Fortsetzung des Stellenabbaus bis zum Jahresende 2010 gerechnet, war bereits im März der Tiefpunkt erreicht. Seither bauen die M+E-Unternehmen wieder Stammkräfte auf. Diese Entwicklung stimmt auch für die kommenden Monate zuversichtlich, zumal – wie schon im vorigen Aufschwung – abermals mehr Stammarbeitsplätze geschaffen wurden als neue Zeitarbeitsstellen. Von einer Verdrängung der Stammbelegschaften kann also nicht die Rede sein. Im Gegenteil könnte das Tempo des Arbeitsplatz-Aufbaus 2011 sogar noch zulegen – wie stark, hängt unter anderem von der weltwirtschaftlichen Entwicklung und den Rahmenbedingungen auf dem heimischen Arbeitsmarkt ab.
Trotz der guten Zahlen besteht zu verfrühtem Jubel kein Anlass: Bei Auftragseingang und Produktion waren im März 2011 jeweils erst 85 Prozent des Einbruchs aufgeholt, und die Gewinne lagen noch ein Viertel unter dem Niveau von 2007.
2010 wird deshalb nicht als Rekordjahr, sondern als Jahr des Aufholens in die Geschichte eingehen. Noch hat die M+E-Industrie in der Breite nicht wieder das Vorkrisenniveau erreicht, und auch danach steht das Wachstum noch nicht auf solidem Fundament. Die EU-Schuldenkrise, die Katastrophe in Japan, der starke Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise – all das zeigt, dass die Lage volatiler wird, und darauf müssen sich unsere Unternehmen einstellen.
Zur Gesundung hat die Tarifpolitik entscheidend beigetragen. Die Weitsicht der Verhandlungspartner hat sich im abgelaufenen Geschäftsjahr ausgezahlt: Der Verzicht auf eine dauerhaft wirksame Tabellenerhöhung half den Betrieben, durch die Krise zu kommen, und ermöglichte es ihnen, mehr als 800.000 Stammkräfte zu halten, für die es eigentlich keine Arbeit gab. Zugleich konnten im Jahr 2010 die Reallöhne der Mitarbeiter durch Einmalzahlungen stabilisiert werden. 2011 wurde nicht nur die vereinbarte Tabellenerhöhung von 2,7 Prozent gezahlt. Für die Mehrzahl der Beschäftigten wurde die im April fällige Erhöhung, wie vom Tarifvertrag ausdrücklich ermöglicht, sogar um zwei Monate vorgezogen. Durch den fairen Umgang mit diesem Instrument haben die Betriebe gezeigt, dass Flexibilität keine Einbahnstraße ist, sondern auch den Arbeitnehmern zugutekommen kann. Auf beiden Seiten wurde dieser konstruktive Kurs der Tarifparteien übrigens durch eine nahezu stabile Mitgliederentwicklung honoriert.
Die Sicherung von Fachkräften ist – neben der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der Verbesserung der Flexibilität – auch die wichtigste Herausforderung für die M+E-Industrie auf europäischer Ebene. Im Wissen darum hat Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser im Herbst 2010 für zwei Jahre die Präsidentschaft des europäischen Dachverbandes CEEMET übernommen.
Unter seiner Führung wollen wir auch auf europäischer Ebene für die Metall- und Elektro-Industrie werben und mit der ersten europäischen Fachkräftemesse neue Wege beschreiten, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Unter der deutschen CEEMET-Präsidentschaft soll außerdem die Präsenz unserer Arbeitgeberverbände in Brüssel ausgebaut werden. Immer mehr Mitgliedsverbände eröffnen dort Büros oder verstärken ihr Engagement in europapolitischen Angelegenheiten – und unterstützen damit die Arbeit der internationalen Abteilung von Gesamtmetall.
Sie wissen: Die nationalen Spielregeln werden schon heute zu mehr als zwei Dritteln von der Europäischen Union bestimmt. Je weiter weg die Entscheidungsträger vom tatsächlichen betrieblichen Alltag sind, umso praxisfremder drohen etliche Vorhaben zu werden. Deshalb ist eine gleichermaßen starke wie konstruktive sozialpolitische Interessenvertretung auf europäischer Ebene notwendig. Hierzu trägt Gesamtmetall entscheidend bei. Wir steuern den Sektoralen Sozialen Dialog (SSD) für die europäische Metall- und Elektro-Industrie, wir vertreten die Interessen der Mitgliedsverbände und Mitgliedsunternehmen in den beiden SSD-Arbeitsgruppen „Bildung und Ausbildung“ sowie „Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“. Außerdem hat Gesamtmetall den Vorsitz des EU-Ausschusses von CEEMET inne und ist Mitglied der Expertenarbeitsgruppe der EUKommission zur Evaluation der Richtlinien im Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz.
Die demografische Entwicklung – insbesondere das Thema Fachkräftesicherung – stand in den ersten Monaten des Jahres 2011 auch im Zentrum unserer Öffentlichkeitsarbeit. Ob auf Fachtagungen, in Pressekonferenzen oder Zeitungsartikeln – stets hat Gesamtmetall die Anstrengungen der Mitgliedsverbände und ihrer Unternehmen zur Nachwuchswerbung und Fachkräftesicherung hervorgehoben – zuletzt sogar auf einer gemeinsamen Veranstaltung mit der IG Metall auf der HannoverMesse.
Ob durch unsere InfoMobile, die Internet-Plattform „THINK ING.“ oder in Dutzenden von anderen Projekten: Wir setzen uns für mehr Mädchen in MINT-Fächern und in Männerberufen ein, propagieren flexible Arbeitszeitmodelle, fordern mehr Frauen in Führungspositionen – und weisen zugleich die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote und einer Familienpflegezeit als untaugliche Mittel zurück.
Das Thema Demografie prägt auch das Bild dieses Geschäftsberichts, der diesmal – in seiner Fotoauswahl – als Leistungsschau sämtlicher Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände gestaltet ist und deren Aktivitäten im Bereich Nachwuchswerbung und Fachkräftesicherung illustriert. Ob es um die Integration noch nicht ausbildungsreifer Jugendlicher, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder um lebenslanges Lernen, Gesundheitsförderung und alternsgerechte Arbeitsplätze geht – die Fotos zeigen Projekte unserer Mitgliedsverbände oder ihrer Mitgliedsunternehmen.
Was Gesamtmetall politisch forderte, vollzog die Geschäftsstelle praktisch mit dem Wechsel in der Hauptgeschäftsführung im November 2010. Gesamtmetall bedankt sich auch an dieser Stelle noch einmal herzlich bei Dr. Ulrich Brocker, der den Verband mit großer Erfahrung, ruhiger Hand und höchstem persönlichem Einsatz durch drei konjunkturell schwierige Jahre geführt hat. Mit einer Nachfolgerin hat Gesamtmetall in der Debatte um mehr Frauen in Führungspositionen einen sichtbaren Akzent gesetzt. Schon seit Jahren gelingt es Gesamtmetall, durch Teilzeitmodelle und Telearbeit wertvolle Mitarbeiterinnen an das Haus zu binden. Diese Personalpolitik zeigt Wirkung: Inzwischen sind bei uns 40 Prozent der Geschäftsführung, gut ein Drittel der Referenten und Abteilungsleiter sowie mehr als die Hälfte aller Mitarbeiter Frauen.
Gabriele Sons
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