"Als die Rente mit 65 eingeführt wurde, lag die Lebenserwartung bei 45 Jahren"

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Dr. Brocker in der Braunschweiger Zeitung über die Rente mit 67

Als die Rente mit 65 eingeführt wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei rund 45 Jahren. Das war 1916. 2029, wenn die Rente mit 67 endlich gilt, kann ein 60-jähriger Mann damit rechnen, fast 83 Jahre alt zu werden. Wir werden zum Glück im Durchschnitt älter und bleiben dabei gesünder, entsprechend länger beziehen wir Rente. Auf der anderen Seite gibt es weniger Kinder, weniger jüngere Erwerbstätige und weniger Beitragszahler zur Rentenversicherung. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass das auf Dauer nicht zusammenpasst. Es gibt nur genau drei Möglichkeiten: Noch mehr Geld vom Einkommen abziehen, jedem Rentner weniger Geld bezahlen, oder länger arbeiten.

Auf diese Wirklichkeit mit dem Argument zu antworten, dass doch kaum ältere Arbeitnehmer arbeiten, ist Heuchelei. Nicht zuletzt die Gewerkschaften und Sozialdemokraten haben viele Jahre lang ältere Arbeitnehmer aus den Betrieben herausgedrängt, mit satten Anreizen zur Frührente. Dass Unternehmen und Mitarbeiter diese genutzt haben, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Die Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer ist ein Ergebnis dieser Politik. Inzwischen ist die flächendeckende Frühverrentung abgeschafft – prompt ist der Anteil älterer Beschäftigten stark gestiegen.

Natürlich wird nicht jeder bis 67 arbeiten können, so wie heute nicht jeder bis 65 arbeiten kann. Aber es muss zum Regelfall werden. Wo nötig, gibt es weiterhin die Möglichkeit, vorzeitig in Rente zu gehen. Wir haben für unsere Branche einen Tarifvertrag abgeschlossen, der denjenigen einen früheren und finanziell abgesicherten Übergang vom Erwerbsleben in die Rente ermöglicht, die unter erschwerten Bedingungen gearbeitet haben. Anstatt die Menschen mit einer Diskussion um die Rücknahme der Rente mit 67 zu verunsichern, sollte die SPD deshalb lieber mitwirken, das Bild vom arbeitenden Älteren immer mehr zum 'gefühlten' Normalfall für die Menschen zu machen. Und übrigens auch die Kranken- und Pflegeversicherungen fit zu machen für die alternde Gesellschaft.

Gastbeitrag von Dr. Ulrich Brocker für die Braunschweiger Zeitung.
Erschienen am 31. August 2010.