Artikeldienst 7/2007 Beitrag 2

Gießereien: Masse dank Klasse

Insgesamt zwölf Branchen sind unter dem Dach der Deutschen Metall- und Elektro-Industrie versammelt. In einer Serie wollen wir diese Branchen mit ihren jeweiligen Besonderheiten vorstellen. In dieser Ausgabe beginnen wir mit den Gießereien, die in den vergangenen Jahren einen tief greifenden Strukturwandel erlebten, der in einen soliden und lang andauernden Aufschwung mündete.

Branchen der M+E-Industrie: Gießereien - Masse dank Klasse

Düsseldorf. Es ist noch gar nicht so lange her, da hätte die alte Weisheit „wir haben keine Chance – also nutzen wir sie“ durchaus die Situation der Gießerei-Branche in Deutschland getroffen. Dem Wirtschaftszweig der Gießereien wurde nämlich ein langsames und unaufhaltsames Sterben vorausgesagt. Zu hoch waren die Arbeits- und Energiekosten am Standort Deutschland, und zu groß schien die Konkurrenz in Osteuropa und Asien. Doch nach einem tief greifenden und schmerzhaften Strukturprozess erlebt die Branche geradezu eine Wiedergeburt. Die Zeiten, als Kunden deutschen Gießereien den Rücken kehrten und ihre Produkte lieber in Osteuropa oder Asien bestellten, sind vorbei. Viele kommen jetzt zurück und sorgen mit dafür, dass die Branche einen Rekord nach dem anderen aufstellt.

So hat sich die Kapazitätsauslastung in diesem Jahr auf mehr als 96 Prozent erhöht – als ideale Auslastungsmarke gelten 90 Prozent. Einige Unternehmen haben Aufträge bis 2013 in den Büchern. Klaus Urbat, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Gießereiverbandes (DGV), vergleicht die Arbeit der rund 630 Gießereien inzwischen sportlich: „Die Firmen machen Klimmzüge, um ihre bevorzugten Kunden zu bedienen.“ Das sind „unglaubliche Zeiten“, war denn auch der Tenor vieler Diskussionen auf der Gießerei-Fachmesse „Gifa“, Mitte Juni in Düsseldorf.

DGV-Präsident Arnold Kawlath mahnt angesichts dieser Stimmung jedoch zur Zurückhaltung: „Wir sollten nicht euphorisch werden. Den überaus positiven Daten steht nämlich eine unverändert kaum kalkulierbare Situation auf dem Rohstoff- und Energiesektor gegenüber.“ Doch angesichts der boomenden Konjunktur möchte das im Moment eigentlich niemand hören. Denn die Globalisierung mit dem weltweit wachsenden Bedarf an Maschinen aller Art, in denen fast ohne Einschränkung gegossene Teile aus Eisen und Nichteisenmetallen vorkommen, lassen die Nachfrage und die Bedeutung der Branche kontinuierlich wachsen.

Dabei zählen die mittelständisch strukturierten Gießereien mit einem Anteil von nur einem Prozent an der gesamten Industrieproduktion in Deutschland zu den kleinen Industriezweigen. Rund 85 Prozent der Unternehmen beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter, lediglich fünf Prozent mehr als 500 Mitarbeiter. Die insgesamt 80.000 Beschäftigten fertigten 2006 5,5 Millionen Tonnen Gusskomponenten mit einem Produktionswert von 12 Mrd. Euro, und 2007 wird wohl das fünfte Rekordjahr in Folge werden. Nach den USA, China, den GUS-Staaten, Japan und Indien ist Deutschland der sechsgrößte Produzent der Welt und der größte in Europa.

Doch die Größe allein ist nicht entscheidend. So ist die wirtschaftliche Bedeutung der Branche schon aufgrund ihrer Zulieferfunktionen enorm. Kaum eine Sparte des verarbeitenden Gewerbes kann darauf verzichten. Ob im Automobil-, Maschinenbau oder in der Luft und Raumfahrt, Gussteile kommen überall zum Einsatz. Und das Erfolgsrezept der deutschen Gießereien heißt dabei: Masse dank Klasse. Nicht die Tonnage ist entscheidend – das können andere bei einfachen Massenprodukten billiger – sondern die Technologie.

„Was uns von vielen anderen unterscheidet“, so Heiko Lickfett, Geschäftsführer beim DGV, „ist der technologisch hochwertige, maßgeschneiderte Guss, der in vielen Fällen bereits in der ersten Entwicklungsphase zusammen mit unseren Kunden erarbeitet wird.“ Und da sind deutsche Gießereien mit ihrem Know-how und Ingenieurleistungen Weltspitze. „Es gibt praktisch so gut wie keine Form, die nicht gegossen werden kann“, so Lickfett.

Und auch bei den Größen gibt es kaum Grenzen: das reicht von 3,9 Gramm leichten Gussteilen mit komplizierten Raumstrukturen bis zu massiven Großteilen mit über 250 Tonnen, beispielsweise Rahmen für riesige Pressen, Walzenständer oder Turbinengehäuse. Unabhängig von der Größe hat jedes Teil seine entwicklungs-, material- und verfahrenstechnologischen Herausforderungen. Fehler, vor allem bei Großteilen, die oft bis zu zwei Wochen kontrolliert auskühlen müssen und einen enormen Material- und Arbeitswert haben, können sich die Betriebe nicht leisten. „Beim Gießen“, so Lickfett, „spielen daher Computer eine wesentliche Rolle.“

Gerade in den EDV–Bereich haben deutsche Gießereien in den letzten Jahren kontinuierlich investiert. Ganze Gussabläufe werden nämlich am Computer simuliert, unterschiedliche Auskühlphasen berechnet und mögliche Fehlerquellen analysiert. Die Rechneranforderungen sind dabei enorm. Um beispielsweise für die Rotornabe einer mittelgroßen Windkraftanlage (ca. sechs bis sieben Meter im Durchmesser) mögliche Fehler auszuschließen, werden rund 160 Millionen Kontrollpunkte angelegt. Damit alle dafür notwendigen Daten berechnet werden können, braucht ein Computer mit 32 Parallelprozessoren rund acht Tage. „Der erste Guss“, so Lickfett, „muss halt sitzen.“

Und die Teile werden immer komplexer. Vorbilder kommen dabei zunehmend aus der Natur. Die Evolution hat eine unendliche Vielfalt an Konstruktionen entwickelt, die sich vielfach auf die Technik übertragen lassen. Eine sehr moderne Entwicklung ahmt zum Beispiel für Teile im Automobilbau die Struktur von Schilfrohren nach. So werden durch eine hochfeste, dichte Aluminium-Oberfläche und einem Kern aus geschäumten Aluminium hochsteife Konstruktionsteile mit geringstem Gewicht gefertigt, etwa für Pkw-Längslenker.

Um einen anhaftenden Ölfilm mit ausgezeichneten Notlaufeigenschaften, unter anderem für Nocken- und Kurbelwellen, zu erreichen, haben sich Ingenieure Anregungen bei Bienen und Hummeln geholt. Die haben feinste Verästelungen an ihren Beinen, an denen die Pollen hängen bleiben. Das Pendant in der Technik sind mikroskopisch kleine Öltaschen, die durch Grafiteinschließungen beim Gießen entstehen und als Transportmittel für das Schmieröl dienen.

Gerade in diesem Bereich, der Bionik, sehen viele Experten die Zukunft. Die deutsche Gießereibranche ist hier weltweit mit führend. Die hohe Qualität der Branche und des Standortes wissen längst auch ausländische Unternehmen zu schätzen. So verlagerte beispielsweise unlängst ein amerikanischer Konzern zwei Gießereien von England nach Deutschland. Vor diesem Hintergrund lautet das Credo eher selbstbewusst: Wir haben viele Chancen - und wir nutzen sie.