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Kannegiesser in der FAZ: Lohnvorteile in Osteuropa kein Grund zum Fatalismus
Wenn wir nicht auf Kostensenkung aus wären, gäbe es einen großen Teil der Wirtschaft hier nicht mehr. Wir sind in einem Umstrukturierungsprozess, zu dem auch eine langfristig verlässliche Lohnpolitik gehört.
Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, hat vor einer zu starken Verbetrieblichung der Tarifpolitik gewarnt. „Wenn wir die Betriebsräte systematisch und grundsätzlich zur Tarifpartei machen, haben wir am Ende nur noch Betriebsgewerkschaften, ähnlich wie die Pilotenvereinigung Cockpit“, warnte Kannegiesser im Gespräch mit dieser Zeitung in Berlin. Zur Tarifpartei gemacht, die auch zum Konflikt fähig sein müsse, könnten die Betriebsräte „ihre eigentliche Funktion des Ausgleichs nicht mehr erfüllen“. Wenn man das Wohl des Unternehmens im Auge habe, dürfe man den Betriebsräten daher keine zu weit reichenden Regelungsbefugnisse übertragen, mahnte Kannegiesser. Vielmehr müsse der Flächentarifvertrag seine Leitfunktion behalten und von einem großen Teil der Betriebe auch „eins zu eins“ angewendet werden können. Dieser Flächentarif aber sei um betriebliche Besonderheiten zu ergänzen. Kannegiesser reagierte damit auf die Ankündigung der IG Metall, sie wolle angesichts der zunehmenden Betriebsnähe der Tarifpolitik in den Unternehmen tariffähig werden und dort Kraft für die jeweilige Auseinandersetzung entfalten (F.A.Z. vom 17. Februar). Die Gewerkschaft dürfe nicht versuchen, aus möglichen Konflikten in den Betrieben organisationspolitisches Kapital zu schlagen. Vielmehr müsse sich die IG Metall darauf einlassen, gemeinsam mit den Arbeitgebern an der Lösung konkreter betriebswirtschaftlicher Probleme mitzuarbeiten, verlangte der Gesamtmetall-Präsident. „Das ist der schwierigere Weg, der einen längeren Atem erfordert. Aber es ist der solidere Weg.“ So wie der Arbeitgeber stets die Belange und die Interessen seiner Mitarbeiter im Auge haben müsse, sei umgekehrt auch die Gewerkschaft gefordert, künftig „ein Stückweit betriebswirtschaftlicher zu werden und zu denken“. Den Einwand, daß dies aus gewerkschaftlicher Sicht leicht als Aufforderung zum massiven Verzicht auf Besitzstände gewertet werden könne, wies Kannegiesser zurück. „Man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Wenn wir nur auf Kostensenkung aus wären, gäbe es einen großen Teil der Wirtschaft hierzulande nicht mehr.“ Deutschland habe ein so gut funktionierendes Netzwerk aus Zulieferern, Handwerk und Dienstleistungen wie kaum ein anderes Land. Das müsse möglichen Kostenersparnissen durch eine Betriebsverlagerung ins Ausland gegengerechnet werden. Die Arbeitskosten bräuchten daher nur „in verkraftbaren Größenordnungen“ zu sinken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Kannegiesser sieht Deutschland in einer Übergangsphase des Strukturwandels. Wenn dieser den Unternehmen gelinge, werde es auch keine massiven Entlassungswellen mehr geben. Es gebe angesichts der Kostenvorteile insbesondere in Osteuropa keinen Anlaß zu Fatalismus. „Nur wenn die Umbruchphase nicht gelingt, kann es eine Spirale nach unten werden.“ Zu dem Umstrukturierungsprozeß gehöre eine langfristig verläßliche Lohnpolitik, die sich an der durchschnittlichen Leistungskraft der Wirtschaft orientiere und zum Ziel habe, „daß die Lohntabellen weitgehend stabil bleiben“. Bisher habe man immer nur auf die konjunkturelle Entwicklung geschaut und beim kleinsten Anzeichen einer Besserung gleich einen lohnpolitischen Aufschlag gefordert. Durch die prozentuale Einkommenserhöhung sei jeweils ein dauerhaft höheres Lohnniveau erreicht worden, das im nächsten Abschwung zu einem Stellenabbau geführt habe. Diese Stop-and-Go-Politik, die man bei der Arbeitszeit durch die Einführung von Konten überwunden habe, müsse auch im Entgeltbereich beendet werden, sagt Kannegiesser. Konjunkturelle Spitzen dürften nicht tabellenwirksam werden, sondern müßten durch Prämien oder Einmalzahlungen ausgeglichen werden. „Wir müssen alles tun, was wirtschaftliches Wachstum und Dynamik wieder in Gang setzt“, mahnt der Gesamtmetall-Präsident. „Das mag wie bei größeren Geschwindigkeitsunterschieden wie bei einer Stauauflösung vorübergehend zu einer sozialen Schieflage führen. Aber nur wenn wir Überschüsse erwirtschaften, können wir auch wieder etwas verteilen.“ Die Überlegungen der Bundesregierung, die Unternehmen steuerlich weiter zu entlasten, nannte Kannegiesser hilfreich. Dies könne eine zusätzliche Erleichterung für die Unternehmen im Umstrukturierungsprozeß sein und komme einer „zusätzlichen Sauerstoffzufuhr“ gleich. Kannegiesser lobte zugleich die Kreditwirtschaft, die bei der Darlehensvergabe an den Mittelstand inzwischen ihre Zurückhaltung ein wenig gelockert und zu einer „neuen Beweglichkeit“ gefunden habe. Das Gespräch führte Nico Fickinger. |
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