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Weiterbildung: Das Modell der ZF Lemförder GmbH 



Viele Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie haben die Krise als Chance begriffen und ihre Mitarbeiter für die Zeit danach weiterqualifiziert. Mit einem regelrechten Bildungsverbund hat die ZF Lemförder GmbH ein besonderes Modell entwickelt.
Lemförde. „Viele haben uns prophezeit, dass wir es nicht schaffen würden – sie alle haben sich geirrt.“ Karl-Josef Hüter, Geschäftsführer der ZF Lemförder GmbH, wirkt sichtlich zufrieden, aber auch ein wenig stolz bei diesem Satz. Und das hat durchaus seine Berechtigung. Denn was das Tochter-Unternehmen der ZF Friedrichshafen AG, einem der weltweit führenden Automobilzulieferer, im Krisenjahr 2009 bei der Weiterbildung auf die Beine gestellt hat, ist außergewöhnlich. Rund 2.000 von etwa 3.000 Mitarbeitern wurden in diesem Zeitraum qualifiziert.

Viele Frauen nutzen bei ZF die Weiterbil-dungsangebote, um sich vor allem in techni-schen und handwerklichen Fähigkeiten zu schulen.Dabei war das Bildungsprogramm bei der ZF Lemförder GmbH, deren Firmensitz sich in Lemförde am Dümmersee, nordöstlich von Osnabrück, befindet, alles andere als von langer Hand geplant. Als sich 2008 die ersten Auswirkungen der Krise bemerkbar machten, gingen die Verantwortlichen erst noch davon aus, „dass das mit Ausnutzung der Stunden-Konten, dem Abbau von Resturlaub und der Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit zu machen sei“. Doch wenige Wochen später brachen dann die Umsätze – und dabei traf es die Automobilbranche besonders hart – quasi von einem Tag auf den anderen dramatisch ein.

„Uns war zu diesem Zeitpunkt sofort klar“, blickt Hüter zurück, „dass wir die Krise nur mit dem massivem Einsatz von Kurzarbeit meistern konnten, die wir aber nutzen wollten.“ Vor diesem Hintergrund vereinbarten Geschäftsführung und Betriebsrat direkt im Januar des vergangenen Jahres, mindestens 50 Prozent der anstehenden Kurzarbeitszeit mit Qualifizierungsmaßnahmen zu belegen. „Und das vor allem sinnvoll“, sagt Hüter, „denn die Mitarbeiter sollten keinesfalls den Eindruck bekommen, dass es sich hier um eine Art Beschäftigungstherapie handelt.“ Geschäftsführung und Betriebsrat stellten daher auch von Anfang an klar, dass die Weiterbildung verpflichtend sei. Das größte Problem dabei: Wie organisiert man Weiterbildungsprogramme für mehr als 2.000 Mitarbeiter, die an sechs Produktionsstätten verteilt sind und sich zudem noch in zwei verschiedenen Bundesländern (Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen) befinden?

Ein großes Weiterbildungsinteresse zeigten auch ältere Arbeitnehmer„Wir haben überall nachgefragt, wie das gehen kann“, erinnert sich Hüter. Doch etwas Vergleichbares hatte es zuvor noch nicht gegeben. Die Verantwortlichen bei ZF Lemförder sprachen mit Arbeitsagenturen, mit Bildungsträgern, mit Schulen und mit Kommunalpolitikern. Die Bereitschaft zu helfen war bei allen direkt vorhanden. Nicht zuletzt die starke Verankerung des Unternehmens als größter Arbeitgeber in einer ländlichen Struktur hat zusätzliches Engagement freigesetzt.

Herausgekommen ist schließlich eine Art Bildungsverbund, an dem sich gut ein Dutzend regionale Berufschulen und andere Bildungseinrichtungen beteiligten. Besonderes Engagement zeigten die Schulen, die in ihren Übungswerkstätten ganztägige Weiterbildungskurse anboten, ohne dass der normale Unterricht gestört wurde. Für die beteiligten Lehrer sei das schon eine Herausforderung gewesen, meint Hüter. Aber auch für viele ZF Lemförder-Beschäf­tigte, für die es mehr als ungewohnt war, stunden­lang die Schulbank zu drücken.

Eine weitere Schwierigkeit bereitete die Logistik. Schließlich mussten die vielen Menschen zu den einzelnen Bildungsstätten gebracht und auch wieder abgeholt werden. Die Verantwortlichen organisierten daher einen entsprechenden Busdienst. Rund sechs große Reisebusse waren jeden Tag im Einsatz. Morgens glich der Parkplatz vor dem Werkseingang dann auch mehr einem Busbahnhof. Das alles war eine echte organisatorische Herausforderung. „Doch ohne die große Unterstützung der Arbeitsagenturen und Bildungsträger hätten wir die Kurzarbeit und Qualifizierung für diese hohe Zahl an Mitarbeitern nicht auf die Beine stellen können“, so Geschäftsführer Hüter.

Wichtig sei auch die große Bandbreite der Bildungsangebote und deren hohe Qualität gewesen, was maßgeblich zur Akzeptanz bei den Beschäftigten beigetragen habe. Rund 70 Mitarbeiter nutzten übrigens die Weiterbildungsmöglichkeiten, um mit sechs- oder zwölfmonatigen Kursen eine Berufs-ausbildung mit IHK-Abschluss zu erreichen. Was Hüter besonders freut ist die Tatsache, dass darunter viele Frauen – auch ältere – waren, die ihren Abschluss teilweise mit Auszeichnung machten.

Viele Frauen nutzen bei ZF die Weiterbildungsangebote, um sich vor allem in techni-schen und handwerklichen Fähigkeiten zu schulen.Qualifizierungsmaßnahmen wurden jedoch nicht nur extern, sondern auch intern durchgeführt. Um die Produktionsmethoden zu verbessern, entwickelten die Verantwortlichen beispielsweise eine modulare Übungsfabrik und installierten diese in einem separaten Raum auf dem zentralen Werksgelände. In der Übungsfabrik können die echten Prozesse in der Produktion in kleinerem Maßstab nachvollzogen und optimiert werden. Die einzelnen Elemente sind so flexibel, dass sie schnell in einen Container gepackt und zu jedem Standort von ZF Lemförder gebracht und dort eingesetzt werden können. „All diese Maßnahmen“, so Hüter, „haben bei vielen Mitarbeitern einen Aha-Effekt ausgelöst, was Bildung angeht.“

Das Thema Weiterbildung wird bei ZF Lemförder mit dem Ende der Krise daher keinesfalls vorbei sein. Im Gegenteil. Lebenslanges Lernen ist das Thema im Unternehmen. So gibt es beispielsweise im ZF- Konzern eine Betriebsvereinbarung, nach der jeder Beschäftigte einen Anspruch auf insgesamt fünf Freistellungsjahre hat, um diese für Qualifizierungsmaßnahmen zu nutzen.

Viele Frauen nutzen bei ZF die Weiterbildungsangebote, um sich vor allem in techni-schen und handwerklichen Fähigkeiten zu schulen.Eine besondere Nachhaltigkeit in Sachen Bildung verspricht sich ZF Lemförder mit dem neuen Bildungszentrum, das in diesem Jahr fertig gestellt werden soll. Das Konzept ist außergewöhnlich. So werden sich in einer einzigen großen Halle die Ausbildungswerkstatt, die Fertigung von Prototypen und das Weiterbildungsunternehmen BFW befinden. Die Durchlässigkeit zwischen den Bereichen gehört dabei zum Prinzip. Das Zentrum mit seinem zusätzlichen Verwaltungs- und Seminartrakt könnte nach den Vorstellungen der Verantwortlichen durchaus auch für Handwerksbetriebe aus der Umgebung, die ihre Mitarbeiter weiterbilden möchten, zur Verfügung stehen.

Die Überlegungen bei ZF Lemförder gehen aber noch weiter. „Wenn wir in Deutschland auf Dauer den qualifizierten Nachwuchs in den technischen Berufen sichern wollen“, so Hüter, „müssen wir das Interesse für mathematisch-naturwissenschaftliche und technische Dinge eigentlich schon im Kindergarten fördern.“ Gerne würde er daher die Einrichtung künftig als Verbindung zwischen Schule und Arbeitswelt sehen. Der ZF Lemförder-Geschäftsführer möchte, dass hier künftig ein MINT-Zentrum (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) für die Schüler und Lehrer der Region entsteht.

Die Aufbruchstimmung am Dümmersee ist für den Besucher spürbar. Das Motto „Krise als Chance“ wirkt hier sehr konkret. „Wenn wir all die Aktivitäten der vergangenen Monate zusammenfassen“, sagt Hüter, „können wir uneingeschränkt feststellen, dass wir mit einer in der Breite höher qualifizierten Belegschaft aus der Krise herauskommen, wovon alle, natürlich auch das Unternehmen, auf lange Sicht profitieren werden. Auf den Punkt gebracht: Wir sind stärker als vorher.“

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ZF Lemförder GmbH
Alexander Hesselbarth
Tel: 05474 – 60 2190
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