Handlungswille und Gestaltungskraft – auch in der Krise

Ein so dramatisches Berichtsjahr hat Gesamtmetall selten erlebt. Blickten wir im Sommer 2008 noch auf einen Aufschwung zurück, der der Branche eine beispiellose Beschäftigungsdynamik mit mehr als 240.000 zusätzlichen Stellen beschert hatte, erlebte die Metall- und Elektro-Industrie in den Monaten danach den tiefsten Absturz der Nachkriegsgeschichte. Das stellte auch die Tarifpolitik vor besondere Herausforderungen.
Dennoch haben wir auch unter diesen extremen Bedingungen, für die es keine Vorlagen gab, zukunftweisende Ergebnisse gefunden und damit nicht nur unsere Lösungskompetenz, sondern auch unseren Gestaltungswillen unterstrichen. Mit dem Tarifvertrag zum flexiblen Übergang in die Rente vom September 2008 ist uns der Spagat gelungen, besonders beanspruchten Mitarbeitern weiterhin einen vorzeitigen Ausstieg zu ermöglichen, aber alle anderen Arbeitnehmer länger im Erwerbsleben zu halten, wie es die demografische Entwicklung erfordert. Der Entgelttarifvertrag vom November 2008 mit seinen Flexibilisierungs- und Differenzierungsoptionen ermöglicht den Betrieben passgenaue Lösungen und trägt damit dem Umstand Rechnung, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise die M+E-Unternehmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlicher Wucht betrifft.
Die Metall- und Elektro-Verbände haben sich nicht nur bei der Regelung der Arbeits- und Einkommensbedingungen als wirkungsmächtige Akteure erwiesen; ihre Mitgliedsunternehmen haben auch ihre soziale Verantwortung als Arbeitgeber unter Beweis gestellt. Selbst im tiefsten wirtschaftlichen Absturz seit Bestehen der Bundesrepublik haben sie ihre Beschäftigten so lange wie möglich gehalten – auch aus Eigeninteresse an qualifizierten Fachkräften, die sie für den nächsten Aufschwung benötigen, aber vor allem als Zeichen der Verbundenheit mit ihren Mitarbeitern und deren Familien. Geschäftsleitung, Betriebsrat und Belegschaften sind alle miteinander Opfer der Krise, und nur gemeinsam werden sie die Krise überwinden – als Leistungs- und Verantwortungsgemeinschaft, die einen offenen, kooperativen und fairen Umgang miteinander pflegt, wie er für die Mehrheit der mittelständisch geprägten Metall- und Elektro-Industrie selbstverständlich ist.
Ob die jüngsten konjunkturellen Lichtblicke mehr sind als ein Silberstreif am Horizont, kann derzeit niemand genau abschätzen. Wir rechnen auf absehbare Zeit noch nicht mit einer nachhaltigen Verbesserung der Lage. Abwegige Schuldzuweisungen an die Arbeitgeber („Krisengewinnler“) sowie die Rufe nach einem stärkeren Einfluss der Arbeitnehmervertreter auf die Unternehmenspolitik und des Staates auf die Wirtschaft insgesamt weisen wir nachdrücklich zurück. Wir werden den Aufschwung weder herbeitarifieren noch herbeiregulieren können. Nur unternehmerisches Engagement und Innovationsgeist werden uns aus der Krise führen.
Umso wichtiger ist es gerade in Wahlkampfzeiten, dass die betrieblichen Handlungsoptionen nicht beschnitten werden. Der Staat muss sich nach der Krise so schnell wie möglich zurückziehen – nicht nur aus der Wirtschaft und den Unternehmen, sondern auch aus der Gestaltung der Arbeits- und Einkommensbedingungen. So sieht es die Soziale Marktwirtschaft vor, die wie kein anderes Ordnungsmodell unternehmerische Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung, Wettbewerb und sozialen Ausgleich miteinander verbindet. Dieses Modell schließt übrigens ausdrücklich die negative Koalitionsfreiheit ein – und mit ihr das Recht der Unternehmen, sich in Arbeitgeberverbänden ohne Tarifbindung zu engagieren und weder allgemeinverbindlichen Tarifverträgen noch gesetzlichen Mindestlöhnen unterworfen zu werden.
Hierfür wollen wir uns auch in Zukunft einsetzen und haben deshalb die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft um weitere fünf Jahre verlängert. Wer unser bewährtes Ordnungsmodell dem Zeitgeist opfert, legt die Axt an die Wurzeln unserer Wirtschaftsverfassung, aus der wir über sechs Jahrzehnte Kraft und Stärke gezogen haben. Der Flächentarifvertrag hat bewiesen, dass er keine Schönwetterveranstaltung ist, sondern auch in stürmischen Zeiten den Unternehmen genügend Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Die ihn tragenden Organisationen – Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften – haben demonstriert, dass sie auch in Krisenzeiten gestaltungsfähig und handlungswillig sind. Wenn wir uns in den kommenden Wochen und Monaten auf die Grundpfeiler unseres Ordnungsmodells mit der Sozialen Marktwirtschaft und dem Flächentarifvertrag mit betrieblichen Öffnungen zurückbesinnen, haben wir gute Voraussetzungen, die Krise zu meistern, vielleicht sogar gestärkt aus ihr hervorzugehen.
Der vorliegende Geschäftsbericht stellt zunächst schlaglichtartig die wichtigsten Ergebnisse des Berichtszeitraums (1. Mai 2008 bis 30. April 2009) dar, dann geben die einzelnen Arbeitsbereiche von Gesamtmetall Auskunft über ihre Tätigkeit. Die im Frühjahr 2009 im Rahmen der Zertifizierung durchgeführte Umfrage unter unseren Mitgliedsverbänden zeigt, dass sich die Arbeit von Gesamtmetall weiter verbessert hat und dass die Beratungs- und Unterstützungsqualität durchgängig Spitzenwerte erreicht. Das ist nicht zuletzt der Sachkunde und dem Engagement der Mitarbeiter zu verdanken, die in diesem Geschäftsbericht erstmals mit Foto abgebildet werden. Das verschafft dem Leser nicht nur einen besseren Eindruck von den jeweiligen Ansprechpartnern; der Verband zeigt hiermit auch im Wortsinne Gesicht.
Dr. Ulrich Brocker