Neue Wege – Gemeinsame Verantwortung in der Krise

Die Metall- und Elektro-Industrie blickt in mehrfacher Hinsicht auf ein als „historisch“ zu wertendes Berichtsjahr zurück: Historisch ist zunächst der globale Nachfrageeinbruch, der Deutschland 2009 die bisher größte Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte beschert hat. Der konjunkturelle Absturz war fast doppelt so groß wie in allen bishe rigen Rezessionen zusammen und fünfmal so tief wie nach der Ölkrise 1974. Dies traf die stark auf den Weltmarkt ausgerichteten Metall- und Elektro-Unternehmen mit besonderer und kaum vorhersehbarer Wucht: Beinahe über Nacht brachen Aufträge weg, binnen kürzester Zeit wurde die Produktion um Jahre zurückgeworfen.
Mag auch der Tiefpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung überwunden sein, inzwischen sind sich die Experten einig: Selbst wenn neuerliche Rückschläge durch die Griechenlandkrise und andere konjunkturelle Risiken ausbleiben, wird es mindestens noch bis 2012 dauern, bis die M+E-Industrie den Rückstand aufgeholt haben und wieder auf ihr Vorkrisenniveau zurückgekehrt sein wird.
Historisch ist aber auch die Art und Weise, wie die Metall- und Elektro-Industrie auf diese nie dagewesene Krise reagiert hat. An vorderster Stelle sind hier die Unternehmen zu nennen, die in einer enormen Kraftanstrengung hunderttausende von Stammarbeitsplätzen über das erste Krisenjahr gerettet haben – immer mit dem Ziel, eingespielte Teams zusammenzuhalten und den Verlust von wertvollem Know-how und Erfahrungswissen zu verhindern.
Diese finanzielle Rosskur hat die M+E-Betriebe bis an die Substanz belastet; Reserven und Eigenkapital wurden aufgezehrt, Liquidität und Ertragslage verschlechterten sich zum Teil drastisch. Mehr als 1.700 M+E-Unternehmen mussten im vergangenen Jahr Konkurs anmelden, das ist eine Zunahme um 68 Prozent. Die Folgen sind dramatisch: Nach den bisher vorliegenden Daten ist die Metall- und Elektro-Industrie 2009 insgesamt erstmals in der Nachkriegsgeschichte in die Verlustzone gerutscht.
Auch den Arbeitnehmern und ihren Familien wurden zum Teil schmerzhafte Zugeständnisse abverlangt. Doch der Erfolg ist unübersehbar: Die von vielen erwartete Katastrophe auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist bis jetzt ausgeblieben.
Während die Produktion im Jahresdurchschnitt 2009 um 23,1 Prozent unter den Vorjahresschnitt abstürzte, verringerte sich die jahresdurchschnittliche Beschäftigung nur leicht um 3,2 Prozent. Trotz nie dagewesener Unterauslastung haben die M+E-Betriebe bisher also in einem Umfang Arbeitsplätze stabilisiert, den niemand für möglich gehalten hätte.
Die Tarifparteien haben diese Strategie der Beschäftigungssicherung durch einen nach Form und Inhalt „historischen“ Tarifabschluss flankiert. Damit es so weit kommen konnte, mussten neue Wege beschritten und neue Formen des gemeinschaftlichen Krisenmanagements erprobt werden. Eine klassische Tarifrunde, das war Gesamtmetall und IG Metall rasch klar, würde der Ausnahmesituation nicht gerecht; nur durch einen engen Schulterschluss zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaft, Betriebsräten und Politik würde sich die Krise überwinden und der Industriestandort Deutschland sichern lassen.
Das Krisenpaket vom Februar 2010 spiegelt diesen Schulterschluss zwischen den Sozialpartnern wider: Erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland gelang noch innerhalb der Friedenspflicht eine Einigung, welche die Betriebe stärkt und zugleich die Arbeitsplätze sicherer macht: durch ein Moratorium bei den Tabellenentgelten, eine Vergünstigung der gesetzlichen Kurzarbeit und ein neues tarifliches Kurzarbeitsmodell mit Teillohnausgleich.
Selten wurde ein Tarifvertrag derart in den Medien gefeiert wie der in Düsseldorf erzielte Pilotabschluss. Die Journalisten werteten ihn als klug, vorbildlich und mustergültig, bezeichneten ihn als tarifpolitischen Meilenstein, sogar von einer Zeitenwende war die Rede. In höchsten Tönen gelobt wurden Mut und Weitblick, Verantwortungsbewusstsein und Kompromissbereitschaft der Beteiligten.
Neue Wege – das Motto unseres diesjährigen Geschäftsberichts – sind wir aber nicht nur in der Tarifpolitik gegangen. Auch in der Sozialpolitik musste Gesamtmetall auf die Krise reagieren. Hier drohte den Unternehmen ein drastischer Anstieg der Beiträge zum Pensionssicherungsverein.Insbesondere unserem Einsatz ist es zu verdanken, dass diese Lasten über mehrere Jahre verteilt und damit eine sonst drohende Verzehnfachung der Beiträge vermieden werden konnte. Das hat die M+E-Betriebe in einer schwierigen Situation spürbar entlastet.
Auf europäischer Ebene haben wir ebenfalls neue Wege eingeschlagen und, zusammen mit dem Europäischen Metallgewerkschaftsbund EMB, den Sektoralen Sozialen Dialog für die europäische Metall- und Elektro-Industrie ins Leben gerufen. Nun ist dieses Gremium nicht der Ort, um industriepolitische Vorstöße zu verabreden. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Ansatzpunkten für gemeinsame Initiativen mit den Gewerkschaften. Auf jeden Fall ist es klug, miteinander im Gespräch zu sein – zumal die Grenzen zwischen reinen Arbeitgeber- und Wirtschaftsthemen auf europäischer Ebene immer mehr verschwimmen.
Im wahrsten Wortsinn neue Wege ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) gegangen. Sie ist zum Jahreswechsel von Köln nach Berlin umgezogen, um noch näher an den politischen Entscheidern und den Meinungsbildnern zu sein. Im zehnten Jahr ihres Bestehens geht sie in der Hauptstadt mit neuer Geschäftsführung und neuer PR-Agentur an den Start. Sie will sich künftig auf weniger, dafür grundsätzliche Themen konzentrieren und diesen noch mehr Gehör verschaffen.
Dr. Ulrich Brocker