"Die Löhne sind selbst in der Krise gewachsen - uns muss keiner Nachhilfestunden erteilen"

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in der FAZ über die wirtschaftliche Lage, Einkommen der Arbeitnehmer und Zeitarbeit

Herr Kannegiesser, hat sich die Kanzlerin schon bei Ihnen gemeldet?

Bis jetzt noch nicht, wollte sie das?

Zumindest wollte sie mit den Arbeitgebern über eine faire Teilhabe der Beschäftigten am Aufschwung sprechen.

Bisher hat sich jeder Aufschwung positiv für die Arbeitnehmer ausgewirkt, und das wird auch so bleiben. Die deutschen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie gehören international zu den Spitzenverdienern der Branche. Ihre Löhne sind selbst in der Krise gewachsen. Da muss sich niemand Sorgen machen. Uns muss keiner Nachhilfestunden erteilen.

Aber im vergangenen Jahrzehnt sind die Löhne nirgendwo in der EU so langsam gestiegen wie in Deutschland.

Nach dieser Statistik müsste unser Vorbild Rumänien sein, denn dort sind die Einkommen um 560 Prozent gestiegen. Allerdings war dort auch die Inflation zehn Mal so hoch wie bei uns, und die Arbeitskosten liegen bei 3,52 Euro in der Stunde. In Deutschland sind die Löhne um 21,8 Prozent gestiegen – bei der niedrigsten Inflationsrate von allen EU-Staaten. Und mit Arbeitskosten von 35,22 Euro in der Stunde sind wir nach wie vor an der Spitze. Richtig ist: Die Einkommen in Deutschland gehen weiter auseinander als vor zehn Jahren. Aber das ist gewollt. Dadurch gibt es einen Anreiz zur Qualifizierung, um eine gut bezahlte Stelle zu bekommen. Gleichzeitig sind im Niedriglohnbereich 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden.

Dass der Aufschwung da ist, bestreiten Sie aber nicht.

Wir sind in einem Ausmaß abgestürzt, das uns fassungslos gemacht hat. Seit der Jahreswende sind die Aufträge dann nicht weiter zurückgegangen. Insgesamt hat sich die Situation erholt, in den vergangenen zwei, drei Monaten sogar mehr als erhofft. Bei der Beschäftigung kam die Wende im Frühjahr. Wir hatten in der Metall- und Elektroindustrie damit gerechnet, noch mal 60 000 Stammarbeitsplätze zu verlieren. Nun haben wir sogar einen leichten Aufbau. Im Durchschnitt aller Betriebe der Branche haben wir das Vorkrisenniveau aber noch nicht erreicht.

Den Beschäftigten soll es in dieser Situation also reichen, dass sie ihren Arbeitsplatz behalten haben?

Die Verteilungshysterie dieser Tage ist eine hochgeschaukelte Debatte! Wir haben einen Tarifabschluss, der bis 2012 läuft. Und es gibt aus heutiger Sicht überhaupt keine Veranlassung, von diesem Vertrag abzuweichen. In der Tarifrunde davor hatten wir zudem einen sehr hohen Abschluss von 4,2 Prozent. 2,1 Prozent davon ragen noch in das Jahr 2010 hinein. Die Beschäftigungssicherung hat die Betriebe darüber hinaus viel Geld gekostet. Trotzdem haben wir für dieses Jahr zwei Einmalzahlungen geleistet und erhöhen die Gehälter im nächsten Jahr um 2,7 Prozent. Das ist immer noch sehr komfortabel.

So komfortabel dürften das nicht alle finden bei den guten Unternehmenszahlen.

Wir sind gerade mal drei, vier Monate aus der Krise raus, schon kommt diese Debatte auf. Die Leute verdienen bereits mehr, weil die Kurzarbeit wegfällt und weil sie wieder Überstunden leisten. Jetzt müssen erst mal die Unternehmen zu Kräften kommen. Gleich nach dem Füllhorn zu rufen, geht nicht. Die Betriebe müssen die Löcher im Eigenkapital stopfen, sie haben gewaltige Investitionsaufgaben vor sich.

Einzelne Firmen könnten die Mitarbeiter trotzdem am Erfolg beteiligen.

In 60 Prozent unserer Betriebe gibt es Instrumente zur Erfolgsbeteiligung. Dazu kann man aber keine tarifliche Vereinbarung für die ganze Branche treffen. Unser Tarifvertrag sieht aber vor, dass die Entgeltsteigerung um zwei Monate vorgezogen oder verschoben werden kann.

Wird es dazu kommen?

Das überlassen wir den Betriebsparteien. Wir können ihnen nur empfehlen, das Thema transparent und mit Fairness anzugehen. Das ist eine hervorragende Gelegenheit, sich über die wirtschaftliche Situation im Unternehmen auszutauschen.

Ärgern Sie die Ratschläge aus Berlin? Zusätzlich hat ja auch noch die französische Wirtschaftsministerin höhere Löhne in Deutschland gefordert.

Frankreich verbreitet die These, die Deutschen hätten Exporterfolge, weil sie so billig seien. Das ist eine sehr schlichte Argumentation und außerdem falsch. Denn ausgerechnet da, wo wir die Exportüberschüsse erzielen, zahlen wir die höchsten Löhne. Außerdem werden unsere Produkte nicht nachgefragt, weil sie so billig wären, sondern weil wir uns über 150 Jahren ein großes Wissen erarbeitet haben. Wir bieten Produkte an, zu denen es oft keine Alternative gibt. Insgesamt ist die Diskussion, jetzt endlich mal auf die armen Arbeitnehmer zu achten, gewagt. Da reden Leute mit, die sehr weit weg sind von den Unternehmen. Wir wissen selbst, was wir zu tun haben. In der Krise sind unsere Arbeitnehmer verhältnismäßig glimpflich davongekommen. Wir müssen nichts anpassen. Die Einkommenssituation unserer Belegschaften ist über die Jahre stabil geblieben und hat mit der Entwicklung der Leistungsfähigkeit und Produktivität Schritt gehalten.

Weil sie erst 2012 wieder übers Geld reden kann, könnte die IG Metall vorher über einen neuen Tarifgegenstand verhandeln wollen. Etwa über die gleiche Bezahlung von Zeitarbeitern.

Diese beiden Dinge sind völlig getrennt zu sehen. Das eine ist der abgeschlossene Tarifvertrag, wobei es uns nicht um das Pochen auf Verträgen geht. Wenn sich die Voraussetzungen spürbar ändern, muss man bereit sein zu reden. Das andere ist die Zeitarbeit, die der IG Metall offenbar sehr am Herzen liegt. Für uns ist die Zeitarbeit auch wichtig. Wir sind Betroffene, aber wir stehen nicht unmittelbar in der Verantwortung. Man muss begreifen, dass wir keine Zeitarbeiter einstellen. Wir schließen Verträge mit den Verleihfirmen, es sind aber nicht unsere Mitarbeiter. Für Leute, mit denen wir gar kein Vertragsverhältnis haben, können wir keine unmittelbaren Vereinbarungen treffen. Wir sind deshalb der falschen Gesprächspartner. Die Zeitarbeit ist eine eigenständige Branche mit Arbeitgeberfunktion.

In der Stahl-Tarifrunde will die IG Metall die Bezahlung von Zeitarbeitern trotzdem direkt mit den Stahlarbeitgebern regeln.

Die Zeitarbeitsfirmen müssen eigene Maßstäbe für die Bezahlung ihrer Leute finden. Wir sehen das Problem, aber die Dinge werden völlig vermischt. Natürlich baut unser Tarifsystem in der Metall- und Elektroindustrie auf dem Prinzip gleiches Geld für gleiche Arbeit auf. Aber es ist unser System, und die Zeitarbeiter sind nicht unsere Mitarbeiter.

Sie machen aber die gleiche Arbeit.

Man kann den Verleihfirmen nur empfehlen, bei der Bezahlung zwischen qualifizierten und weniger qualifizierten Zeitarbeitern zu unterscheiden. Wenn Hochqualifizierte länger bei einem Kunden arbeiten, könnte man sie höher einstufen. Aus unserer Sicht müssen die Verleihpreise aber immer ein Stück unter unseren eigenen Kosten liegen, weil ein Zeitarbeitnehmer nie dieselbe Effektivität erreichen kann, wie jemand aus der Stammbelegschaft. Gleichzeitig dürfen unsere Betriebe aber nicht dem Missverständnis erliegen, dass sie ihre teure Stammbelegschaft durch Zeitarbeiter ersetzen könnten. Wenn in einem Betrieb die Arbeitskosten strukturell zu hoch sind, kann die Zeitarbeit das nicht ausgleichen. Dann muss ich mir eher überlegen, ob ich Teile der Produktion ins Ausland verlagere oder andere strukturelle Lösungen finde, beispielsweise auch über Ergänzungstarifverträge.

Das Gespräch führte Henrike Roßbach, FAZ.
Erschienen am 16. September 2010.