"Selbstständigkeit ist nicht leicht, tut aber gut"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit dem Magazin SPIESSER über das erste selbstverdiente Geld

Herr Dulger, fangen wir mal in Ihrer Biografie ganz vorne an. Was wollten Sie als kleines Kind werden?

Ich wollte Astronaut werden. Fliegen – das war für mich als kleiner Junge das Allergrößte! Dann fiel mir auf, dass es auf der Welt nur sehr wenige Astronauten gibt und die meisten US-Amerikaner sind – ein schwieriger Plan. Also habe ich beschlossen, das Nächstliegende zu werden: Pilot. Später habe ich mich dann tatsächlich bei der Lufthansa beworben. Mit 1,99 Metern Körpergröße war ich aber drei Zentimeter zu groß. Das ist wie im Parkhaus: Die rot-weiße Leiste bestimmt, wer durchkommt und parken darf. Der Rest muss draußen bleiben. Tja, und ich musste draußen bleiben. Nach meinem Studium der Ingenieurwissenschaften habe ich mir dann meinen Traum vom Fliegen erfüllt und einen Helikopterschein gemacht.

Vom Pilot zum Ingenieur – wie kam es dazu?

Wenn andere Väter mit ihren Kindern am Wochenende auf den Fußballplatz gegangen sind, ist mein Vater mit meinem Bruder und mir in den Betrieb gegangen. Während er seine Arbeit gemacht hat, sind wir durch den Betrieb gestolpert und haben alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war – zum Beispiel Schraubenzieher, um das Fahrrad zu reparieren. Dafür gabs natürlich immer Schimpfe. Aber so bin ich in das technische Umfeld reingewachsen. Heute bin ich mit Leib und Seele Ingenieur.

Jeder hat mal klein angefangen. Was war Ihr erster Job, den Sie je hatten?

Meine erste Erwerbsquelle war meine Mama, der ich bei Reparaturen im Haus zur Hand gegangen bin. Das heißt: Lampen aufhängen, Toilettenspülungen reparieren oder Gartenschläuche anschließen. Später habe ich dann meinem Vater im Betrieb geholfen. Damals gabs noch keine modernen Drucker, mit denen man alles schnell ausdrucken kann. Stattdessen hatten wir eine kleine Druckmaschine, mit der wir unsere Betriebsanleitungen für die Pumpen gedruckt haben. Mein erster richtiger Job war also: Betriebsanleitungen herstellen.

Sie sind Präsident von Gesamtmetall – beteiligen Sie sich direkt an den Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften?

Nein. Einer der regionalen Mitgliedsverbände verhandelt, und meine Aufgabe als Präsident ist es, zu koordinieren, ob die anderen Verbände übereinstimmen. Es ist ein ständiges Abstimmen, wieder zurückgeben, weiter verhandeln, abstimmen … Und irgendwann fragt der Präsident dann: „Übernehmen Sie das?“, und wenn der Großteil dafür ist, dann ist der Abschluss zur Übernahme freigegeben.

Aber mal ehrlich: Fliegen bei solchen Verhandlungen nicht auch mal die Fetzen?

Nein, die sind wirklich vollkommen friedlich. Wenn wir da sitzen würden, uns anschreien und uns die Kaffeetassen hinterherschmeißen, dann bringt das nichts. Ich sage immer: „Wenn Sie das brauchen, dann schmeißen Sie die Kaffeetassen – das ist an dem Abschluss noch das Billigste –, aber wir brauchen ein Ergebnis.“ Natürlich ärgert man sich mal, aber Sie wären erstaunt, wie abgeklärt das abläuft.

Sie sind Verbandspräsident, geschäftsführender Gesellschafter, Ehemann, Vater ... auch in dieser Reihenfolge?

In erster Linie bin ich Ehemann und Vater, in zweiter Linie Unternehmer und in dritter Linie Verbandspräsident. Aber das ist bei Gesamtmetall auch eine Selbstverständlichkeit, weil der Verband einen aktiven Mittelständler an der Spitze möchte. Dann muss auch sichergestellt sein, dass ich aktiv bleiben kann. Das heißt Vater, Unternehmer und Mittelständler. Nur das macht mich auch authentisch. Ich stehe da vorne und alle Unternehmer wissen: Der ist einer von uns.

Haben Sie dann überhaupt noch Zeit für Ihre Hobbys – zum Beispiel das Fliegen?

Nein, leider so gut wie gar nicht. Ich sitze zwar dienstlich viel im Flugzeug, zum Hubschrauberfliegen komme ich aber nur noch selten. Wir haben ein Werk in Tschechien und da fliege ich noch manchmal hin – das ist für mich dann immer etwas ganz Erfrischendes. Ansonsten gehe ich gerne zur Jagd und genieße die Zeit mit der Familie.

Sie sind in Ihrem Leben schon viel herumgereist. Welche Stadt hat ihr Herz erobert und womit?

Da gibts einige! Die schönste Stadt, die ich je erlebt habe und die mir am sympathischsten ist, ist Sydney. Die Stadt ist um ein riesiges natürliches Hafenbecken angeordnet. Es ist also nicht eine Stadt, sondern das sind eigentlich 25 Städte um das Hafenbecken herum. Wunderschön! In der näheren Umgebung: Meine Heimatstadt Heidelberg. Die habe ich aber erst zu schätzen gelernt, nachdem ich die ganze Welt gesehen hatte.

Klingt nach früher Selbstständigkeit. Was empfehlen Sie jungen Leuten, die zum ersten Mal weit weg von zu Hause sind und etwas Bammel haben?

Das gehört dazu! Jeder hat ein bisschen Furcht vor dem Unbekannten, das geht uns allen so. Aber es lohnt sich, den Schritt zu machen, er ist ein Schritt in eine neue Phase des Lebens. Selbstständigkeit ist nicht leicht, tut aber gut. Ich empfehle jedem, mal eine Weile von zu Hause wegzugehen und auf eigenen Beinen zu stehen.

Die Industrie beklagt immer wieder den Fachkräftemangel. Was raten Sie den rund 90.000 jungen Erwachsenen, die dennoch keine Lehrstelle finden?

In den vergangenen Jahren gab es glücklicherweise immer mehr Lehrstellen als Interessenten. Aber jeder, der keine Lehrstelle findet, ist einer zu viel. Oft ist der Lehrstellenmangel ein regionales Problem. Wer eine Lehrstelle sucht, sollte darüber nachdenken, ob er den Sprung von zu Hause nicht etwas früher wagt und dafür die Ausbildung macht, für die er sich wirklich interessiert. Ein Tipp: In der Metall- und Elektroindustrie wird schon während der Ausbildung super gezahlt und die Berufsfelder reichen von der Europasekretärin über die Werber bis hin zu den Ingenieuren. Es gibt so viele unterschiedliche Tätigkeiten – da ist für jede Begabung etwas dabei.


Das Interview führte Lien Herzog für SPIESSER.
Erschienen am 27. Februar 2013.