"Alle sind vorsichtiger geworden"

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser im FAZ-Gespräch zur wirtschaftlichen Lage, den EURO und zur Tarifpolitik


zur wirtschaftlichen Lage

"Die Wolken am Himmel sind sichtbar. Unsere Branche produziert zu 80 Prozent Investitionsgüter. Wir merken, dass sowohl wir als auch unsere Kunden beginnen, sich mit Investitionsentscheidungen wieder
schwerer zu tun. Es wäre übertrieben, jetzt schon von einer sich abzeichnenden neuen Krise zu sprechen, aber man muss die Risiken im Auge behalten."

(...) Viele Länder seien in keiner guten Verfassung. "Wenn jetzt noch die Finanzmärkte ins Rutschen kommen, wird es schwieriger als in der letzten Krise. Denn irgendwann sind die öffentlichen und privaten Mittel zum Gegensteuern aufgebraucht."

"Wir haben gute Produkte und stehen im Wettbewerb mit unseren Konkurrenten gut da." Aber die Nachfrageseite, die wirtschaftliche Situation in den Abnehmerländern und die Finanzierungsmöglichkeiten gäben Anlass zur Sorge. Währungsunsicherheiten etwa würden zu einer sinkenden Investitionsbereitschaft führen. "Wir müssen diese Entwicklungen sorgfältig beobachten. Wir sind auf den ganzen Weltmarkt angewiesen und besonders auf den Euroraum. Das ist unsere Bastion, das ist unser Binnenmarkt. Zerfallserscheinungen in Europa wären eine Katastrophe, die durch nichts auszugleichen wäre."

zur Tarifpolitik

"Die Krise war kein einmaliger Unfall. Unser wirtschaftliches, politisches und finanzielles Umfeld hat sich gründlich verändert, und dem müssen wir uns in unserem Verhalten anpassen. Unternehmen und Tarifparteien haben bewiesen, dass sie dazu fähig sind. Einige sind damit gelegentlich vielleicht überfordert gewesen, und kommen nun wieder mit den alten Parolen vom guten alten Aufschwung, bei dem die Arbeitnehmer zu kurz gekommen sind. Tatsache ist, dass wir Beschäftigungssicherung in bisher größten kollektiven Umfang gemeinsam bewerkstelligt haben und trotzdem Tarifeinkommen erhöht wurden".

"Auch jetzt sollte niemand argumentativ Munition aufbauen durch Schwarzmalen oder Schönreden. Wir müssen Flexibilität und Fairness erhalten. Entgeltpolitik muss sich an verlässlichen langfristigen Linien orientieren, und das ist die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktivität. Einmalige betriebliche Spitzenergebnisse müssen stetes in ein Gesamtbild gestellt werden".

"Auf verschiedenen Ebenen sind wir ohnehin immer wieder im Gespräch. Allerdings geht es hier um völlig unterschiedliche Sachverhalte, die teilweise sehr grundsätzlichen Charakter haben. Die handelnden Personen und Entscheidungsprozesse sind überwiegend identisch, und deshalb kann man vieles vom Verfahren her nicht voneinander trennen“.

"Wer 30 000 Euro in einen Azubi investiert, will ihn in der Regel ohnehin übernehmen."

Mit Martin Kannegiesser sprach Henrike Roßbach, Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Den vollständigen Artikel finden Sie hier bei der FAZ.
Erschienen am 17. August 2011.