Podcast: Wo Mädchen von Technik schwärmen - Die Girls-Day Akademie

Junge Frauen in Deutschland verfügen über eine besonders gute Schulbildung. Dennoch entscheidet sich die Mehrheit von ihnen immer noch für typisch weibliche Berufe und Studienfächer. Die Girls’Day Akademie möchte gezielt Mädchen, die sich in der Berufsorientierung befinden, bei einem möglichen Weg in einen MINT-Beruf oder Studiengang unterstützen und begleiten.

"Also am Anfang war es schon so ein bisschen – okay, Technik, kann ich das überhaupt?". Die Skepsis ist bei der 15jährigen Julia längst gewichen: "Ich merke jetzt, dass es Spaß macht, und es ist auch echt interessant.". Ähnlich sieht es Mitschülerin Sarah: "Ich hab auch erst gedacht, oh, Technik, das wird nichts. Aber es ist was geworden, ich hab es gut hinbekommen, mir hat es auch Spaß gemacht." Für die zweite Sarah in der Runde war das alles nicht ganz so neu. "Ich komm von so einem kleinen Dorf, und da macht man viel selber, und ja, das hat mich vorher schon interessiert." Die drei Mädchen besuchen die neunte Klasse der Realschule Güglingen, eine halbe Autostunde nördlich von Stuttgart. Sie nehmen seit Anfang des Schuljahres an der sogenannten Girls’Day Akademie teil und sagen voller Überzeugung: "dass es sich bisher voll gelohnt hat!".

Die Akademie ist eine Weiterentwicklung des Girls’Day. Seit 2001 findet der jedes Jahr im April bundesweit statt. Tausende von Schülerinnen nutzen dann diesen Tag, um wertvolle Einblicke in technisch-naturwissenschaftliche Berufe zu bekommen - in den unterschiedlichsten Unternehmen. Aber ein Tag pro Jahr ist zu kurz, um sich intensiv mit den umfassenden Möglichkeiten in den MINT-Berufen auseinanderzusetzen. Deshalb hat man im Jahr 2008 - unter anderem auf Initiative des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall – in Baden-Württemberg die Girls’Day Akademie ins Leben gerufen - quasi den Girls’Day für ein Jahr.

"Wir wollten es einfach nachhaltiger machen", so Elisabeth Römpp, Projektleiterin beim Bildungsträger BBQ in Ludwigsburg. "Dadurch ist die Girls Day Akademie entstanden, die einmal die Woche als AG an der Schule stattfindet und somit die Mädchen auch viel mehr Einblicke bekommen und viel mehr Chancen haben, sich in den beruflichen Feldern zu bewegen." Ein Ziel ist es, das Selbstvertrauen der Mädchen zu stärken. Die Akademie soll dazu beitragen, dass möglichst viele Mädchen traditionelle Rollenmuster bei der Berufswahl ablegen. Denn nach wie vor beschränke sich nämlich mehr als die Hälfte aller Mädchen bei der Job-Wahl auf zehn Ausbildungsberufe - und unter denen befindet sich kein naturwissenschaftlicher oder technischer.

Um das zu ändern, gibt es die Girls’Day Akademie. Schulen, Hochschulen, Arbeitsagenturen und Unternehmen kooperieren und gestalten für die Schülerinnen der Klassen 7 bis 10 von Gymnasien, Haupt- und Realschulen ein abwechslungsreiches Programm. Die Gruppen von 10 bis 20 Schülerinnen treffen sich einmal pro Woche nach dem Unterricht und werden in der Regel von Lehrkräften ihrer Schule betreut. Das setzt auf beiden Seiten, bei den Schülerinnen und bei den Lehrkräften, Interesse und Engagement voraus.

"Also, ich selbst bin Techniklehrerin aus Leidenschaft". Beate Ackermann ist Fachlehrerin für Berufskunde und Technik an der Realschule Güglingen. "Ich mach es wirklich liebend gerne, es interessiert mich, macht mir Spaß, und ich möchte diese Begeisterung eben an die Mädels weitergeben."

Und bei denen kommt es an – auch wenn es sie fordert: "Ja, es ist schon anstrengend, aber sie probieren es wirklich spaßig zu machen. Wir machen viel Gruppenarbeit oder, wenn wir jetzt eine Woche sozusagen Theorie machen, dann machen wir die nächste Woche wieder was Praktisches." Es ist die Mischung aus Praxis und Spaß, die Julia und Sarah gefällt: "Wenn mir was Spaß macht, dann gehe ich da auch gerne hin und investiere die Zeit dafür."

Auch wenn die Lerneinheiten meist in der Schule stattfinden – mit dem üblichen Unterricht haben sie wenig zu tun. Stattdessen werden Roboter programmiert und gebaut oder Solarzellen konstruiert. "Wenn man dann am Ende ein Ergebnis in der Hand hält, das man das selber gebaut hat." - das ist für Julia und ihre Mitschülerinnen am wichtigsten. Darüber hinaus werden den Schülerinnen Wege in ingenieur- oder naturwissenschaftliche Berufe aufgezeigt. Außerdem werden Exkursionen zu Unternehmen und Hochschulen, kurze Praktika, Workshops sowie verschiedene Trainings für Bewerbungen, Selbstbehauptung oder Präsentationen angeboten.

"Wir haben bei einzelnen schon gesehen, dass sie durch die Akademie viel mehr Interesse bekommen haben für technische Berufe", freut sich Projektleiterin Elisabeth Römpp. "Und bei manchen war es einfach auch noch einmal unterstützend. Wo dieses Interesse schon da war, aber die sich unsicher waren. Die haben da einfach noch einmal den Input bekommen: Ja, das ist wirklich was für mich und ich kann jetzt wirklich Kfz-Mechatronikerin lernen, das ist gar nicht so schlimm in dieser typischen Männerdomäne eine Ausbildung zu machen."

Mehr als 450 Schülerinnen haben bis heute an den von Südwestmetall durchgeführten Veranstaltungen teilgenommen. Zurzeit finden in Baden-Württemberg 18 Akademien statt. Seit zwei Jahren gibt es die ersten auch in Berlin. Hier wurden die Girls’Day Akademien im vergangenen Dezember sogar ins Regierungsprogramm aufgenommen, mit der erklärten Absicht, die Reihe stärker auszubauen. "Ziel ist, dass die Schulen nach der dreijährigen Förderung das selbstständig weiterführen können."

Bei der Realschule Güglingen ist es jetzt soweit und Lehrerin Beate Ackermann freut sich schon darauf - auch wenn es eine Menge zusätzlicher Arbeit bedeutet. Aber der Einsatz ist ihr die Mühe wert: "Und wenn ich nur jedes Jahr ein Mädchen für einen technischen Beruf begeistern kann und das nachher an der richtigen Stelle landet, dann hat sich die Sache gelohnt."