"Arbeit ist nicht prinzipiell schlecht, nur weil sie zeitlich befristet ausgeübt wird"

Debattenbeitrag von Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführerin Gabriele Sons im Magazin Human Resources Manager über befristete Arbeitsverträge

Gerne wird in manchen, meist politisch und nicht wirtschaftlich geführten Debatten behauptet, befristete Arbeitsverhältnisse seien "prekär", beinahe willkürlich und mit einem moralischen Makel behaftet. Ich halte diese Einschätzung für falsch. Natürlich gibt es auch Arbeitgeber, die das Instrument der Befristung ausnutzen und damit Anlass für Kritik liefern. Doch sie sind die Ausnahme. Und: Arbeit ist nicht prinzipiell schlecht, nur weil sie zeitlich befristet ausgeübt wird.

Befristete Arbeitsverhältnisse sind nicht nur für Unternehmen wichtig, häufig helfen sie auch den Mitarbeitern, zum Beispiel im Rahmen der Mutterschaftsvertretung. Hier muss man befristet einstellen, sonst könnte die vertretene Mitarbeiterin später nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Auch in der industriellen Produktion und den daran angeschlossenen Dienstleistungen sind Befristungen in einem gewissen Maß üblich und erforderlich. Etwa wenn ein Unternehmen einen Großauftrag erhält, den es in kurzer Zeit erfüllen muss, bevor die Produktion wieder auf ein Normalmaß zurückgeht.

Ebenso gibt es Arbeitsplätze, die unmittelbar an Projekte gekoppelt sind. Sie erinnern sich sicherlich noch an die Krise 2008/2009 – für die Metall- und Elektroindustrie der tiefste Einbruch in der Nachkriegszeit. Als im Frühjahr 2010 wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen war, wusste man noch nicht, ob das zarte Pflänzchen Aufschwung wachsen würde. Vor diesem Hintergrund haben Unternehmen zunächst befristete Stammarbeitsplätze aufgebaut. Der Aufschwung ging weiter und viele dieser Mitarbeiter haben längst einen unbefristeten Vertrag.

Für Unternehmen kann es ein entscheidendes Einstellungskriterium sein, ob man einem Bewerber, über dessen Qualifikationen man sich noch nicht ganz sicher ist, und bei dem man auch noch nicht weiß, ob menschlich die Chemie stimmt, zunächst eine befristete Stelle anbieten kann. Das deutsche Arbeitsrecht gibt Mitarbeitern ein hohes Maß an Kündigungsschutz, wenn ein Unternehmen sich erst einmal für sie
entschieden hat. Im Gegenzug brauchen die Betriebe auch Flexibilität bei der Einstellung. Befristete Verträge unterliegen klaren gesetzlichen Einschränkungen, die in der Regel wirkungsvoll verhindern, dass damit Schindluder betrieben wird.

Vor diesem Hintergrund muss man auch die derzeitige Forderung nach der unbefristeten Übernahme von Auszubildenden sehen. Wichtig ist doch, dass möglichst viele junge Menschen in Ausbildung kommen. Und zwar auch solche, die aufgrund ihrer Vorbildung schlechtere Einstiegsvoraussetzungen mitbringen. Zwingen wir die Unternehmen, beim 16-Jährigem gleich auf immer und ewig zu sagen, dann wird die Bereitschaft zur Ausbildung über Bedarf und zur Qualifizierung Schwächerer rapide sinken.

Obwohl die Metall- und Elektro-Industrie von Auftragsschwankungen geprägt ist, ist in neun von zehn Fällen das unbefristete Vollzeitarbeitsverhältnis die Regel. Trotzdem werden auch die befristeten Verträge ein wichtiges Mittel bleiben, um den Unternehmen ein Mindestmaß flexibler Personalplanung nach Auftragslage und Auslastung zu ermöglichen.

Beitrag von Gabriele Sons im Human Resources Manager.
Erschienen am 26. Oktober 2011.