MINT 400: Forschungsfestival in Berlin

Schüler erleben Technik und Naturwissenschaften hautnah

3D-Drucker, begehbare Blutgefäße –Mathematik und Naturwissenschaft zum Anfassen! Für dieses Aha-Erlebnis sorgte Anfang Dezember das Hauptstadtforum MINT 400 des Vereins MINT-EC. An 24 Forschungsstätten in Berlin und Potsdam forschten an zwei Tagen über 400 Schülerinnen und Schüler sowie 150 Lehrkräfte zu spannenden naturwissenschaftlichen und technischen Fragen.

Berlin. Der Weg in den Kopf von Knut ist eigentlich ganz einfach. Am besten geht es durch die Nasenlöcher. Wenn die direkt vor einem liegen, zieht man den rechten Arm an, macht einen kleinen Schritt nach vorne und ist – schwupps – im Inneren des Schädels. In aller Ruhe kann man sich jetzt sämtliche Details im Kopf von Deutschlands bekanntestem Eisbären anschauen. Der ist zwar schon vor einiger Zeit im Berliner Zoo verstorben, doch im Matheon, dem Forschungszentrum für angewandte Mathematik an der Technischen Universität Berlin, erwacht der ehemalige Liebling aller Zoobesucher zu einem ganz besonderen Leben.

Dabei kann Knut auf unterschiedliche Art und Weise wieder auferstehen: mit oder ohne Fell, als Skelett, oder nur in Form seiner Blutgefäße. Das alles geschieht in einem begehbaren Projektionswürfel und erfolgt mit Hilfe einer hoch komplexen 3D-Projektion, dem ganzen Stolz des Instituts. Normalerweise nutzen ausschließlich Wissenschaftler diese sogenannte 3D-Cave für Forschungsarbeiten. Eine Gruppe von Schülern und Lehrern hatte jetzt jedoch die Gelegenheit, sich von den faszinierenden Möglichkeiten dieser Technologie zu überzeugen. Ausgerüstet mit einer speziellen Brille und einem Joystick, der jedem Science Fiction Film zur Ehre gereicht hätte, kamen sie Knut dabei ganz nah.

Das hat Schüler und Lehrer gleichermaßen begeistert. „Ich kannte das bisher nur auf dem Papier und hatte lediglich davon gelesen, aber das dann mal wirklich zu sehen, das war sehr beeindruckend“, so Michael Mader, Mathematik- und Chemie-Lehrer am Lessing Gymnasium in Lampertheim. Beeindruckt zeigte sich die Gruppe im Matheon auch von den 3D-Druckern, mit denen komplizierte dreidimensionale Modelle aus unterschiedlichen Materialien erstellt werden können. Erfahrungen, die Friedrich Knispel, Gymnasiallehrer in Sulingen bei Bremen, zu schätzen weiß: „“Ich habe viele neue Anregungen bekommen, die ich so möglicherweise auch im Unterricht einsetzen kann.“

Vor der 3D-Demonstration hatte die Gruppe allerdings richtig arbeiten müssen. Auf dem Stundenplan standen mathematische Verschlüsselungstechniken. Einen kompletten Vormittag lang wurde unter Anleitung von Matheon-Dozenten gerechnet und spezielle Algorithmen vorgestellt. Auch hiervon waren Pädagogen wie etwa die Mathematik-Lehrerin Gisela Müller vom Sankt Anna-Gymnasium in Wuppertal mehr als angetan: „Diesen speziellen RSA-Algorithmus, der ja in der Praxis wirklich vorkommt, erklärt zu bekommen und zu verstehen, wie der funktioniert, das finde ich schon spannend. Denn gerade in der Mathematik werden wir so oft gefragt, hat das auch was mit dem normalen Leben zu tun?“

Die Besuchergruppe im Matheon gehörte zu insgesamt 438 Schülerinnen und Schülern sowie 125 Lehrkräften von MINT-EC Gymnasien aus ganz Deutschland, die Anfang Dezember zum Hauptstadtforum „MINT 400“ nach Berlin gekommen waren. Anlässlich dieses Treffens hatte der Verein mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence Center an Schulen (MINT-EC) 24 Schülerkurse und fünf Fortbildungsangebote für Lehrkräfte organisiert. Unterstützt wurde der Verein dabei vom Berlin-Brandenburger Netzwerk der Schülerlabore und der Berliner Hochschulen. „Der Wissenschaftsstandort Berlin ist geradezu ideal für eine solche Großveranstaltung“, sagt Wolfgang Gollub, Vorstandsvorsitzender des MINT-EC-Netzwerks.

Der Verein MINT-EC (www.mint-ec.de) ist 1999 als eine Arbeitgeberinitiative gegründet worden und wird heute neben anderen Institutionen insbesondere vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall im Rahmen der Initiative THINK ING. unterstützt. Seit 2009 steht das Netzwerk zudem unter der Schirmherrschaft der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK). Die Sorge um gut ausgebildete Fachkräfte in mathematischen, naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Berufsfeldern war bei der Gründung die Triebfeder der Initiative, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Mittlerweile besteht das Netzwerk aus 147 Gymnasien mit rund 200.000 Schülern und 15.000 Lehrkräften. Vor allem die Lehrkräfte spielen für Niki Sarantidou, Geschäftsführerin des MINT-EC, eine besondere Rolle: „Sie sind ein Korrektiv für unsere Arbeit, sie müssen uns ihre Probleme und Lösungsansätze zeigen, damit wir gemeinsam das Netzwerk gestalten können.“

Angesichts des demographischen Wandels, einem nach wie vor zu geringen Interesse an den MINT-Fächern und hoher Studien-Abbrecherquoten seien die Aktivitäten schließlich wichtiger denn je. Sarantidou möchte neben den Schülern, Lehrern und Schulen vor allem auch die Unternehmen „viel stärker mit ins Boot holen“. Schließlich würden gerade die von einem Zuwachs in den MINT-Berufen profitieren. „Die Unternehmen sollen die jungen Leute kennen lernen und ihnen die beruflichen Perspektiven zeigen und welche Einstiegsmöglichkeiten sie nach dem Abitur oder einem Ingenieurstudium haben.“

Ob an den Universitäten, in Museen, in Kliniken und natürlich auch in Unternehmen, überall in der Hauptstadt bekamen Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte im Rahmen des MINT 400-Treffens Einblicke, was die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) mit dem normalen Leben zu tun haben. Für Ann-Christin Langer von der Martin-Luther Schule in Marburg eine wichtige Erfahrung: „Vor dem Hintergrund, dass ich bald Abitur mache, muss ich mich ja weiterbilden und herausfinden, in welchen Beruf ich mal gehen will. Da ist das hier schon ein wenig wie ein Wegweiser für die Zukunft.“

Um die Zukunft ging es auch in einem Robotik-Kurs speziell für Schülerinnen, der im Haus des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall stattfand. Mehr junge Frauen für technische Berufe zu gewinnen, ist seit Jahren ein besonderes Anliegen des Verbandes. „Nutzt die Chancen, die sich euch in Naturwissenschaften und Technik bieten. Absolventinnen der technischen Studiengänge stehen alle Wege bis in Spitzenpositionen offen“, ermunterte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführerin Gabriele Sons die 16 Robotik-Mädchen. Die programmierten anschließend stundenlang Roboter. Und das mit Begeisterung.

„Mich fasziniert daran besonders“, so Diana Haidarbaigi vom Luisengymnasium in Hamburg, „dass man diese Roboter ansteuern und damit selbst bestimmen kann, was die dann auch wirklich ausführen.“ Und auf die Frage, ob sie sich denn vorstellen kann, später etwas mit Technik zu machen: „Ja, das kann ich, und ich möchte auch gerne Informatik studieren.“ Für Vivian Glomp vom städtischen Gymnasium in Leichlingen war es das erste Mal, dass sie mit dem Thema Informatik zu tun hatte. Sie fand besonders gut, „dass die ganz einfachen Grundlagen erklärt wurden und ich dadurch einen guten Einblick in die Informatik bekommen habe.“

Wer übrigens mit den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern des MINT-400-Forums sprach, konnte feststellen, dass in beiden Gruppen das Interesse an den MINT-Fächern fast gleich ist. Aber wie wichtig der Einfluss des Elternhauses ist, zeigt sich immer wieder – auch bei Luise Hötzel. „Naturwissenschaften sind meine Einser-Fächer, da habe ich ein richtiges Talent für!“, sagt die Schülerin der Sankt-Lioba-Schule in Bad Nauheim. Ihr Berufswunsch: Wirtschaftsingenieurin. Ihr Vater hat sie früh an die Naturwissenschaften herangeführt. „Ich habe immer schon davon geträumt, irgendwann den Beruf meines Vaters auszuüben, der ist Ingenieur und hat unter anderem eine App entwickelt, mit der man vom iPad oder iPhone aus die Heizung umstellen kann. Da kann man dann doch richtig stolz darauf sein, so etwas entwickelt zu haben.“