Die geplante Familienarbeitszeit ist eine “Herdprämie von links"

Die geplante Familienarbeitszeit ist eine “Herdprämie von links"

Die geplante Familienarbeitszeit ist eine “Herdprämie von links"

Statement von Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander bei der Vorstellung der Studie zum Thema Familienarbeitszeit:

Sehr geehrte Damen und Herren,

als die Idee der Familienarbeitszeit beginnend ab 2013 aufkam, haben wir uns mit dem Thema naturgemäß sofort beschäftigt. Denn die Arbeitszeit ist ein wesentliches Thema für Tarifvertragsparteien, es handelt sich um einen wesentlichen Bestandteil der Arbeitsbedingungen.

Recht schnell wurde in der internen Diskussion die Vermutung geäußert, dass eine Familienarbeitszeit nicht geeignet ist, die bestehenden strukturellen Unterschiede in der Verteilung der Arbeitszeit zwischen Frauen und Männern, zwischen Branchen und zwischen den verschiedenen Berufsfeldern zu berücksichtigen.

Wir haben deshalb die soeben vorgestellte Kurzstudie zur Familienarbeitszeit in Auftrag gegeben und fühlen uns – leider muss man sagen – voll bestätigt. Der Ansatz, zu einer besseren Verteilung der Erwerbs- und Hausarbeit zwischen Frauen und Männern zu kommen, soll hier nicht bewertet werden. Politisch bewerten können wir aber die Auswirkungen auf das Arbeitskräfteangebot – speziell in der Metall- und Elektroindustrie, die Wertschöpfung, die Löhne in den verschiedenen Branchen und die fiskalischen Auswirkungen.

Alle zusammen sind durchweg negativ! Deshalb müssen wir hier und heute sagen: Die Pläne für eine Familienarbeitszeit lösen wahrscheinlich kein real existierendes Problem, verschärfen allerdings bestehende Problemlagen und führen darüber hinaus zu massiven Verwerfungen auch für unsere Branche. Dazu folgende Argumente:

1. Die Studie weist nach, dass es zu strukturellen Veränderungen im Arbeitskräfteangebot zwischen den Branchen kommt. Es kann aber nicht sein, dass in Zeiten des Fachkräftemangels, der immer größer werdenden MINT-Lücke und des vor uns stehenden demographischen Wandels Politikansätze und Instrumente verfolgt werden, die bestehende Probleme noch verschärfen.

Die M+E-Industrie hat aktuell einen Fachkräftemangel im Bereich der Facharbeiter und Ingenieure, die deutsche Wirtschaft beklagt insgesamt die zunehmende Lücke bei MINT-Fachkräften und das Erwerbspersonenpotential verringert sich bis 2030 um bis zu 6 Millionen Menschen. Die Antwort der Politik kann deshalb nicht eine weitere Verringerung des Arbeitszeitvolumens in der Metall- und Elektro-Industrie um bis zu 110.000 Vollzeitäquivalente im schlimmsten Falle sein.

2. Die Reduzierung des Arbeitszeitvolumens in der Metall- und Elektro-Industrie korrespondiert – durch die Studie nachgewiesen – mit einem Arbeitszeitvolumen-Zuwachs in anderen Branchen. Ob dieses Arbeitszeitvolumen tatsächlich benötigt wird, ist jedoch völlig offen. Das verschärft jedoch den Missmatch auf dem Arbeitsmarkt (MINT-Tätigkeiten und einfache Tätigkeiten) und führt in der Tendenz zu einer noch größeren Entgeltdifferenz zwischen der Industrie und dem Dienstleistungssektor. Wer kann das wollen?

3. Ein reduziertes Arbeitszeitvolumen in der Metall- und Elektro-Industrie und in anderen Branchen führt auch zu einer geringeren Wertschöpfung. Die Studie hat den Umfang mit bis zu 7,5 Milliarden Euro quantifiziert. Auch das zeigt die Problematik der Familienarbeitszeit. Wir sagen stattdessen: "Mehr Wirtschaft wagen!"

4. Die fiskalischen Auswirkungen zeigen wieder einmal, dass der Sozialstaat ständig neue Ansprüche kreiert, dann aber nicht in der Lage ist, die wesentlichen Investitionsanforderungen in Bildung, Infrastruktur, Forschung und auch Sicherheit finanziell zu stemmen. Die Familienarbeitszeit mag nur ein kleines Mosaiksteinchen – trotz der 6 Milliarden – sein, aber hier wird das Grundübel paternalistischer Politikansätze deutlich.

5. Es handelt sich im Grunde um eine Subvention zur Reduzierung von Arbeitszeit. Gleichzeig wird in den Studien, die die Familienarbeitszeit konzipiert haben, sogar davon gesprochen, dass es sich um eine „finanzielle Anerkennung privater Betreuungsleistungen“ handele. Alle, die so vehement gegen das Betreuungsgeld opponiert haben, müssen nun zugeben, hier handelt es sich um eine "Herdprämie von links".

6. Die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen insbesondere in der Industrie erfordert ein anderes Berufswahlverhalten von Frauen und erfordert eine qualitätsvolle und verlässliche Betreuung von Kindern in Kindergärten und Schulen. Die höhere Erwerbsbeteiligung wird aber nicht durch ein Entgelttransparenzgesetz oder die Familienarbeitszeit gefördert. Wir treten seit langem für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen in MINT-Berufen ein und werden uns auch durch unsinnigste Vorschläge aus der Politik davon nicht abbringen lassen.

Wir stehen Ihnen nun für Fragen zur Verfügung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

- Es gilt das gesprochene Wort! -