"Ein Rezept für erfolgreiches Krisenmanagement"

"Ein Rezept für erfolgreiches Krisenmanagement"

"Ein Rezept für erfolgreiches Krisenmanagement"

Vor sieben Jahren sagte der damalige BDI-Präsident Michael Rogowski: „Man müsste Lagerfeuer machen und erst mal die ganzen Flächentarifverträge verbrennen“ – und erntete damit nicht nur Empörung, sondern auch Verständnis und Zuspruch. Heute werden die Tarifparteien, allen voran jene der Metall- und Elektro-Industrie, für ihr erfolgreiches gemeinschaftliches Krisenmanagement gelobt. Wie kommt dieser Sinneswandel zustande?

Abgesehen davon, dass die Grundsatzkritik schon damals kaum gerechtfertigt war, hat der Flächentarifvertrag seit Jahren alle seine Kritiker Lügen gestraft: Er ist viel flexibler, als die Kritiker es glauben machen wollten. Wir haben in ihm nicht nur die kürzesten, sondern auch seit Jahren die weltweit flexibelsten Arbeitszeiten geregelt – lediglich eingeschränkt durch das Arbeitszeit-Gesetz. Der Flächentarifvertrag ist ständig modernisiert worden. Er kann die Lage des jeweiligen Unternehmens viel besser berücksichtigen als früher – über mehr betriebliche Stellschrauben und über Ergänzungstarifverträge nach dem Pforzheim-Abkommen. Wir haben den Flächentarifvertrag rundum erneuert und ein modernes Entgeltsystem (ERA) eingeführt – einen Spezialistenstreik wie bei den Piloten oder Lokführern befürchtet in der Metall- und Elektro-Industrie niemand. Und der Flächentarifvertrag ist zwar nicht billig, aber auch nicht zu teuer. Wer qualifizierte Kräfte beschäftigten möchte, muss ihnen wettbewerbsfähige Vergütungen bieten.

Gerade in der Krise hat der Flächentarif seine Stärken ausgespielt und sich als Standortvorteil für die Metall- und Elektro-Industrie erwiesen. Große deutsche Konzerne mussten im Ausland schneller und in viel größerem Umfang Personal abbauen als hierzulande, weil ihnen ähnliche tarifliche Stellschrauben fehlten. Aber auch das gemeinsame Handeln der Tarifparteien war wichtig: Wurde der Umgang zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern oft als Konfliktpartnerschaft empfunden, ist uns dieses Mal eine wirkliche Sozialpartnerschaft geglückt.

Diesen Kurs sollten wir fortsetzen. Eine frühzeitige, friedliche Einigung ist die beste Werbeaktion für den Flächentarif, die man sich nur denken kann. Denn die größten Vorbehalte speisen sich – wenn nicht aus Vorurteilen oder Unkenntnis über die tatsächlichen Möglichkeiten – aus einem Bauchgefühl: Viele Mittelständler wollen mit einer Gewerkschaft, die mehr von organisationspolitischen als von den konkreten betrieblichen Interessen geleitet ist, nichts am Hut haben und sich diese nicht durch den Flächentarif ins Haus holen.
Wo Betriebe solche schlechten Erfahrungen gemacht haben, haben wir viel Verständnis, wenn sie deshalb dem Flächentarif fernbleiben wollen. Auch das gehört zur negativen Koalitionsfreiheit, die wir verteidigen: dass sich kein Unternehmen einem Arbeitgeberverband anschließen muss.

Doch sollten alle, die diesen Weg wählen oder sich lieber von Dritten beraten lassen, zweierlei bedenken: Zum einen sollten sie ihre vermeintliche Autonomie nicht glorifizieren. Denn ohne den Flächentarif als Kompass fehlte ihnen jegliche Orientierung. Auch sie brauchen eine Referenzgröße – für die Entlohnung, die Arbeitszeitgestaltung, die Personalrekrutierung. Nach den Daten aus dem IAB-Betriebspanel war der Flächentarif Mitte 2009 denn auch mindestens für 75 Prozent der Metall- und Elektro-Betriebe und 89 Prozent der Beschäftigten der Branche maßgeblich: Zu den 33 Prozent der Metall- und Elektro-Betriebe, die direkt an den Flächentarif gebunden sind, muss man weitere 7 Prozent hinzuzählen, die mit der Gewerkschaft einen Haustarifvertrag geschlossen haben. Darin wird entweder der Flächentarif eins zu eins oder mit geringfügigen Abweichungen übernommen. Und es kommen noch 35 Prozent hinzu, die sich ausdrücklich am Flächentarif orientieren. Die wahren Zahlen dürften sogar noch höher liegen. Denn wer bewusst keine Tarifbindung will, wird in Umfragen nur sehr ungern zugeben, dass er sich am Flächentarif orientiert.

Zum anderen sollten diese Unternehmen einmal darüber nachdenken, was mit den „weißen Flecken“ passiert, die wir auf der tarifpolitischen Landkarte lassen. Es gibt genügend Indizien, dass die Politik nicht gewillt ist, diesen Schwund widerstandslos hinzunehmen. Den Unternehmen, die sich jetzt aus der Tarifbindung zurückziehen, winkt also nicht die große Freiheit, sondern ihnen droht staatliche Reglementierung. Wer auch in Zukunft Arbeitsbeziehungen und Löhne eigenverantwortlich regeln will, ist deshalb gut beraten, dem Flächentarif nicht den Rücken zu kehren. Nur wer mitmacht, kann auch mitgestalten. Wer nicht mitmacht, gibt das Heft des Handelns aus der Hand.

Erschienen am 21. April 2010 in der Frankfurter Rundschau.