Es lebe die Streitkultur!

Es lebe die Streitkultur!

Es lebe die Streitkultur!

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gastbeitrag von Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Magazin RATIO des RKW Baden-Württemberg zum Thema "Umgang in Wirtschaft und Gesellschaft - Anstand und Respekt in bewegten Zeiten":

Früher war alles besser! Schließlich sind sich ja so gut wie alle Leitartikelschreiber einig, dass der Ton in politischen Diskussion heute ungleich schärfer und unversöhnlicher ist als früher, "in der guten alten Zeit". Damals, als wir immer bei einer Tasse Tee unaufgeregt und ordentlich, mit Rednerliste und Redezeit, so lange ruhig ausdiskutiert haben, bis wir uns alle einig waren. Böse Worte sind dabei natürlich nie gefallen, schon gar keine Angriffe auf die Person. Und das haben wir alle solange friedlich gemacht, bis Populisten jeglicher Couleur die schöne Ordnung kaputt gemacht haben.

So ungefähr muss das mal gewesen sein, wenn ich die Klagen kluger Feuilletonisten ernst nehme. Ein bisschen schade ist nur, dass ich mich beim besten Willen nicht an diese Vergangenheit erinnern kann. Ich für meinen Teil erinnere mich beispielsweise an eine geradezu religiös aufgeladene Verklärung der Person Willy Brandts einerseits und eine ebenso unerklärbare emotionale Ablehnung auf der anderen Seite oder an NATO-Doppelbeschluss und Brokdorf – ebenfalls politische Auseinandersetzungen, die von beiden Seiten mit unerbittlicher Härte und Konsequenz geführt wurden. Und im Parlament debattierten Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß pointiert und scharf miteinander, selbst Anfang der 90er Jahre gab es noch die roten-Socken-Kampagne der CDU gegen die SED/PDS/Linkspartei.

Ein ähnlich verzerrtes Bild besteht, so fürchte ich, über die Kommunikation in Unternehmen. Nur mit unterschiedlichem Vorzeichen. Dort gab es anscheinend früher nur Befehl und Gehorsam, wo heute die Generationen X, Y und Z alles ausdiskutieren wollen und sollen. Aber auch das ist natürlich Unsinn.

Wir haben in der Industrie schon immer gut ausgebildete, hoch qualifizierte und motivierte Mitarbeiter gehabt. Entsprechend selbstbewusst sind unsere Mitarbeiter auch, und das zu Recht. Es war deshalb immer schon vernünftig, die Belegschaften einzubeziehen und offen zu kommunizieren, wo der Weg hinführen soll. Das hat sich im Lauf der Jahre sicher noch verstärkt – aufgrund der zunehmenden Spezialisierung des Wissens, aber auch, weil im Wettbewerb nur besteht, wer als Team eng zusammenarbeitet – aber selbst die knorrigsten Patriarchen alter Zeiten haben den Rat ihrer erfahrenen Meister und Facharbeiter gesucht und auf ihn gehört.

Dabei gilt aber auch: Selbst im diskussionsfreudigen Team können unternehmerische Grundsatzentscheidungen nicht nach Mehrheitsprinzip umentschieden werden. Gerade die gut ausgebildeten und selbstbewussten Mitarbeiter wollen ihre Expertise einbringen können, sie erwarten aber auch, dass nachvollziehbare und zugleich deutlich wahrnehmbare Entscheidungen getroffen werden.

Auch wenn sich die alte Gewerkschaftsparole, wonach die Demokratie nicht am Werkstor aufhören dürfe, gut anhört, so ist sie bei genauem Hinsehen doch eine hohle Phrase. Der Unternehmer muss die Grundentscheidungen fällen, denn er haftet für seine Entscheidungen. Die Mitarbeiter erwarten aber überzeugende Erklärungen dafür. Im Übrigen ist die Wirtschaft eine absolute Monarchie, an deren Spitze nicht der Unternehmer steht, sondern König Kunde. Er alleine bestimmt mit seiner Kaufentscheidung über Erfolg und Mißerfolg.

Auch die Tarifauseinandersetzungen waren früher weder friedlicher noch emotionsfreier als heute.

Ist also alles halb so wild? Gibt es keinerlei Grund zur Beunruhigung? Ganz so schön ist es leider nun auch wieder nicht. Der Blick in die Leserkommentare großer Onlinemedien oder in die Kommentarspalten der Sozialen Medien ist oft genug unerfreulich. Paradoxerweise erntet man dort großen Zorn, wenn man es wagt zu sagen, es würde uns im Großen und Ganzen gut gehen.

Ich nehme in der politischen Debatte, aber nicht nur da, wahr, dass es zunehmend weniger um die Sache geht. Es geht stärker um Gefühle statt um Fakten. Dass hart um Positionen gerungen wurde, dass Meinung auch krachend auf Meinung traf, das gehörte immer schon zur Demokratie.

Aber es gibt heute viele Interessengruppen, die mit dem Streit um Sachfragen nicht weit zu kommen glauben. Sie haben sich deshalb höchst erfolgreich darauf verlegt, statt aus dem Ringen von Meinungen und Fakten lieber moralische Forderungen zu machen.

Es geht also nicht mehr um die Frage, ob eine im Schnitt gut versorgte Rentnergeneration noch mit der Gießkanne ein paar Rentenpunkte obendrauf bekommen soll, oder ob das Geld lieber in eine vernünftige Erwerbsminderungsrente fließen soll – es geht um eine "Anerkennung der Lebensleistung". Es geht nicht mehr darum, wie ein erwirtschaftetes Plus verteilt werden soll – es geht um "Arbeit, die zum Leben passt". Es geht nicht mehr um die Gestaltung von Handelsabkommen, es geht um "die Demokratie". Es geht nicht mehr darum, wie man Wohnungsbau voranbringt, sondern um ein "Menschenrecht auf Wohnen".

Das Problem daran ist: Wer anfängt, das eigene Interesse hinter einer wie auch immer hergeleiteten Moral zu verstecken, setzt ein absolutes "wir gegen die" und macht Kompromisse nahezu unmöglich. Und: er diskreditiert jede andere Auffassung als unmoralisch. Moral als Waffe im politischen Kampf. Das ist es, was den öffentlichen Diskurs vergiftet.

Nach meiner Erfahrung wird die Moralkeule immer dann geschwungen, wenn es an inhaltlichen Argumenten fehlt. Und das Traurige ist: es funktioniert manchmal. Aber dieser Methode sind auch Grenzen gesetzt, und auch das spüren wir dieser Tage. Wenn nämlich erstens ein Einwand nicht mehr daraufhin diskutiert wird, ob er sachlich zutrifft oder nicht, sondern wenn moralisch geurteilt wird, ob ein Einwand überhaupt erhoben werden darf, oder wenn zweitens einem moralischen Prinzip auf der anderen Seite ein anders, aber ebenso legitimes moralisches Prinzip entgegen gestellt wird. Das mulmige Gefühl daraus bedeutet aber nicht, dass Argumente und Standpunkte nicht zugelassen seien.

Hinzu kommt: Zur Demokratie und zur Diskussion gehört auch, prinzipiell die Möglichkeit zu akzeptieren, dass der Andere recht haben könnte – oder verschiedene Meinungen schlicht auszuhalten. Beides geht aber nicht, wenn ich meine eigenen Ziele hinter moralischen Absolutismen verstecke.

Es ist in Ordnung, mehr Geld zu wollen, mehr Freizeit oder mehr Umgehungsstraßen. Es ist ebenso in Ordnung, weniger Steuern zahlen zu wollen, mehr Pflegepersonal oder mehr Radwege zu wünschen. Spielen wir wieder mit offenen Karten, dann können wir Kompromisse finden. Wenn wir – egal, an welcher Stelle unserer Gesellschaft – um Geld oder Einfluss streiten, dann stehen wir doch bitte wieder dazu, dass wir über Geld oder Einfluss streiten – das ist nicht verwerflich. Wer jedoch das eigentliche Anliegen durch ein moralisches Prinzip verbrämt, macht es sich bequem und nahezu unmöglich, Kompromisse zu finden.

Erschienen am 27. August 2018 auf www.rkw-bw.de.