Kannegiesser im Rheinischen Merkur: Wie die Zeitarbeit Jobs auf Dauer schafft

Kannegiesser im Rheinischen Merkur: Wie die Zeitarbeit Jobs auf Dauer schafft

Kannegiesser im Rheinischen Merkur: Wie die Zeitarbeit Jobs auf Dauer schafft

Unsere Wirtschaft schafft spürbar neue Arbeitsplätze. Mit rund 39 Millionen Erwerbstätigen standen im ersten Quartal 2007 1,5 Prozent mehr Menschen in Lohn und Brot als ein Jahr zuvor. Es ist ein Zuwachs vor allem sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze. Wäre das nicht ein Anlass, sich zu freuen?

Weit gefehlt. Nimmt man die zentrale öffentliche Debatte, war die Ausbeutung selten größer als heute. Schlagworte wie Lohndrückerei oder Armut trotz Arbeit prägen eine einseitig betriebene Diskussion. Ganz besonders gegenüber der Zeitarbeit. Reguläre Beschäftigung werde durch Leiharbeit ersetzt, Zeitarbeitsfirmen umgingen Gesetze oder brächen sie. Betriebe würden Leiharbeitskräfte holen, weil sie billiger, leichter hinauszuwerfen und besser unter Druck zu setzen seien, heißt es.

Den Protagonisten geht es dabei weniger darum, kritischen Einzelfällen nachzugehen als vielmehr den Boden für weitgehende Beschränkungen zu bereiten. Aber längst ist Zeitarbeit zu einem selbstverständlichen Instrument geworden. Bundesweit werden hier bald nahezu 600 000 Menschen tätig sein. Für die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie hat sie die ganz besondere Bedeutung, bei anziehenden Aufträgen ohne die Gewissheit einer länger andauernden guten Auslastung Auftragsspitzen abzufangen. So stieg in den letzten Jahren die Zahl der Zeitarbeiter in dieser Branche auf über 150 000 Menschen an. Zugleich stieg aber auch die Zahl der "regulären" Vollzeitstellen.

In einer Umfrage von Nordmetall unter M+E-Firmen wurden als wichtigste Motive für die Zeitarbiet die größere Flexibilität und die Vertretung bei Urlaub und Krankheit genannt. Bei weniger als einem Drittel der Unternehmen spielen die hohen Kosten für das Stammpersonal eine Rolle. Die optimistischen Prognosen für 2008 stärken die Tendenz, Zeitarbeitnehmer auf die Lohnliste des Entleihers zu setzen.

Damit würde ein weiterer Vorteil zum Zuge kommen: Menschen werden dauerhaft in Beschäftigung gebracht. Zwei Drittel der Zeitarbeitnehmer werden direkt aus der Arbeitslosigkeit und zunehmend mehr aus der Langzeitarbeitslosigkeit rekrutiert. Diese Vorteile erkennt selbst der nicht als unbedingt wirtschaftsnah geltende EU-Beschäftigungskommissar Vladimir Spidla an.

Es sind vor allem "einheimische" Ideologen, die versuchen, jede Flexibilisierungsmöglichkeit des im internationalen Vergleich starren deutschen Arbeitssystems wieder zurückzudrehen. Nicht zuletzt am Ausgang der Debatte um die Zeitarbeit wird sich entscheiden, in welche Richtung unser im Augenblick konjunkturbesonnter Standort marschieren wird.

Gastbeitrag von Martin Kannegiesser im Rheinischen Merkur.
Erschienen am 28. Juni 2007.