Schauen Sie sich unser Land noch mal gut an.

Schauen Sie sich unser Land noch mal gut an.

Schauen Sie sich unser Land noch mal gut an.

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer  Dulger

Warum Deutschland die ökonomisch besten Jahre erlebt, und warum das nicht so bleiben wird, erläutert Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger in einem FOCUS-Gastbeitrag:

Unser Land steht, wie auch unsere Wirtschaft, ganz unbestritten vor großen Herausforderungen. Manchmal vernebelt der Blick auf das, was kommt, aber auch den Blick auf das, was ist. Wie der Blick auf unser Land ausfällt, hängt ganz davon ab, wen man fragt. Geht es nach NGOs wie der Deutschen Umwelthilfe oder Greenpeace, die davon leben, mit möglichst apokalyptischen Stimmungsbildern Spendengelder einzuwerben, kostet in unserem Land jeder Atemzug Lebensjahre. Geht es nach Rechts- und Linksaußen, sitzen Millionen verzweifelter Arbeiter vor längst verschlossenen, rostenden Werkstoren. Und fragt man die Vertreter der Wohlfahrtsindustrie, sind Not und Elend stetig auf dem Vormarsch, denn die Umverteilungsmaschine darf nicht stillstehen.
 
Tatsache ist aber: Wir erleben ökonomisch beste Jahre. Deutschland hat den Einbruch der Finanz- und Schuldenkrise gut überstanden, weil wir Unternehmer an eine vorübergehende Delle geglaubt haben und unsere Mitarbeiter an Bord gehalten haben, mit Hilfe des Kurzarbeitergeldes und auf Kosten von Gewinnen und Reserven. Die Beschäftigung geht nur noch nach oben, es entstehen überall neue Arbeitsplätze. Bei uns in der Metall- und Elektro-Industrie sind 500.000 neue Stammarbeitsplätze entstanden. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 5,1 Prozent, nachdem die Quote zehn Jahre lang, von 1996 bis 2006, mit wenigen Ausnahmejahren zweistellige Werte hatte.
 
Auch die Löhne steigen. In der Metallindustrie sind sie übrigens immer gestiegen, die angebliche Zurückhaltung ist mir am Verhandlungstisch entgangen. Bei uns in Baden-Württemberg verdienen die Metaller im Durchschnitt über 63.000 Euro im Jahr. Mit Ausnahme des Krisenjahres 2010 gab es seit 1990 eine einzige Tarifforderung unter 5 Prozent (2004: 4 Prozent), keine einzige Erhöhung unter 2 Prozent. Die Tabellenerhöhungen seit 2000 addieren sich auf über 50 Prozent. Wenn im langjährigen Durchschnitt die Löhne weniger stark gestiegen sind als früher, dann liegt das daran, dass im Zuge der Agenda 2010 Millionen von Arbeitslosen wieder eine Arbeit gefunden haben – auch solche, die länger arbeitslos waren oder die niedrig qualifiziert sind. Wenn diese aus der Arbeitslosigkeit in einfache Jobs kommen, beziehen die in der Regel selten das Gehalt eines erfahrenen Ingenieurs in der Industrie. Wenn am unteren Ende der Einkommensskala aber viele Menschen neu in die Statistik kommen, steigt der Durchschnitt nicht mehr so schnell. Die angebliche "Lohn-Zurückhaltung" ist somit eine statistische Fata Morgana.
 
Der ganz großen Mehrheit der Rentner geht es gut. Das durchschnittliche monatliche Nettoeinkommen von Personen ab 65 Jahren im Jahr 2015 bei Ehepaaren liegt bei 2.543 Euro – ohne beispielsweise Wohneigentum zu berücksichtigen. Die heutige Generation der Rentner ist die letzte Generation, bei denen es noch mehr arbeitende Beschäftigte als Rentner gibt. Damit sind die heutigen Rentner die bestversorgtesten, die es je gegeben hat.
 
Wir haben zudem eine Steuer- und Sozialpolitik, die in hohem Maße umverteilt. Deutschland hat rund 1 Prozent der Weltbevölkerung, gewährt aber rund 8 Prozent aller weltweit gezahlten Sozialleistungen. Und wenn interessierte Kreise darauf hinweisen, dass die Einkommensverteilung ungerecht sei – wer auch immer das definieren will – dann wird gerne die Bruttoverteilung angesehen, weil am Ende von Steuern und Abgaben die Zahlen nicht mehr so schön knallig sind. Die Netto-Einkommensverteilung, also nach Steuern, weist eine nur noch geringe Ungleichheit auf.
 
Das alles basiert darauf, dass wir in Deutschland eine starke Industrie und Wirtschaft haben, mit mutigen und findigen Unternehmern sowie fleißigen und gut ausgebildeten Arbeitnehmern, und dass wir das Ergebnis unserer Arbeit, unsere Produkte, auf der ganzen Welt verkaufen. Das können wir, weil wir uns auch umgekehrt dem Wettbewerb stellen.
 
Wir sind heute auf dem Gipfel dessen angelangt. Das ist das beste Deutschland, was wir je hatten. Aber so wird es nicht bleiben.
 
In wenigen Jahren werden die geburtenstärksten Jahrgänge, die es je gab, anfangen in Rente zu gehen. Damit werden uns ganz schlicht die Menschen fehlen, die die tägliche Arbeit erledigen, und zwar von der Krankenschwester über Piloten und Ingenieure bis zum Bäcker und zur Polizistin. Und bislang hängen alle Sozialleistungen daran, dass neben den Steuern vom Bruttogehalt auch noch ein weiterer Teil weggenommen wird, der Arbeitgeber noch mal das gleiche drauf legt, und dass davon alles bezahlt wird – von der Rente bis zur Herztransplantation. Wir werden dann schnell in die Situation kommen, wo es nur noch wenige Arbeitnehmer gibt, aber viele, die Anspruch auf Leistungen haben. Heute liegt das Verhältnis der Anzahl von Personen, die nicht mehr im Erwerbstätigenalter sind, zur Anzahl von Personen im Erwerbstätigenalter - der Altenquotient - bei 100 zu 35; 1950 lag der Wert bei 16. 2060 wird er bei 65 liegen.
 
Gleichzeitig lassen wir auch das Fundament unseres Wohlstands, harte Arbeit und Handel, erodieren. Die Politik diskutiert eine Idee nach der anderen, wie man Beschäftigte wohl aus ihrer eigentlichen Arbeit heraushalten könnte und Freihandelsabkommen wie TTIP und CETA werden allen Ernstes blockiert.
 
Das alles ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir können und wir werden das erfolgreich bewältigen. Aber es wird Anstrengungen kosten, und wir können in vielen Dingen eben nicht einfach so weiter machen wie bisher. Deswegen sage ich: Im Moment erleben wir alle gerade das beste Deutschland, das wir je hatten. Schauen Sie es sich noch mal gut an.
 
Erschienen am 30. Juni 2018 im FOCUS.