"Wettbewerbsfähigkeit als entscheidender Gradmesser für Politik"

"Wettbewerbsfähigkeit als entscheidender Gradmesser für Politik"

"Wettbewerbsfähigkeit als entscheidender Gradmesser für Politik"

Dr. Rainer Dulger, Präsident Arbeitgeberverband Gesamtmetall, zum Ausblick der M+E-Industrie für 2014

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger zum Ausblick der M+E-Industrie für 2014 

Sehr geehrte Damen und Herren,

schön, Sie heute zu unserem gewohnten Ausblick auf das Jahr bei Gesamtmetall begrüßen zu können.

Erlauben Sie mir einen aktuellen Exkurs, ehe ich auf die Konjunktur und die Politik zu sprechen komme. Vorgestern hat eine Bemerkung des stellvertretenden IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann, er wolle die 30-Stunden-Woche für Eltern, für Aufregung gesorgt.

Eltern, die das machen möchten, können das längst: Es gibt seit 2001 den Rechtsanspruch auf Teilzeit. Ganz abgesehen davon haben wir als M+E-Industrie in Deutschland mit der 35-Stunden-Woche bereits die kürzesten Arbeitszeiten. Nach gängiger Definition ist damit unsere normale tarifliche Wochenarbeitszeit schon vollzeitnahe Teilzeit.

Da wir zudem noch hoch flexible Arbeitszeitsysteme haben, gibt es selbst nach Ansicht unserer Beschäftigten keinerlei Handlungsbedarf. Nach einer repräsentativen Allensbach-Umfrage sagen 75 Prozent aller M+E-Arbeitnehmer ausdrücklich, sie hätten kein Problem bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, weitere 10 Prozent sind unentschieden.

Übrigens ist es noch kein Jahr her, da hat die IG Metall die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche völlig zu Recht als "Humbug aus der Mottenkiste" bezeichnet. Das ändert sich auch nicht, nur weil auf einmal das Etikett "Familienfreundlichkeit" darauf geklebt wird.

Deshalb gehe ich davon aus, dass das eher ein persönlicher Debattenbeitrag von Jörg Hofmann war.

Damit zum eigentlichen Thema – und zunächst zur Konjunktur.

Als Beobachter scheint die Sache klar. Es brummt an allen Ecken und Enden:

  • Die Beschäftigung ist auf einem Rekordhoch,
  • der höchste Leistungsbilanz-Überschuss weltweit,
  • kräftig sprudelnde Steuereinnahmen, die auch ohne jede Sparanstrengung die öffentlichen Haushalte nahezu ausgleichen.

Sie kennen Ihre eigenen Artikel der vergangenen Tage. Daher mag es Sie überraschen, wenn mein Blick auf die wirtschaftliche Lage unserer Branche etwas nüchterner ausfällt.

Für die Metall- und Elektro-Industrie, das Herz der Wirtschaft, gilt:

Wir haben zwei Jahre der Stagnation hinter uns. 2012 ist die Produktion um 0,1 Prozent gesunken, für 2013 wird es eine schwarze Null werden, das heißt ein leichtes Plus von wenigen Zehntel Prozent.

Nach der steilen Aufholjagd 2010-2011 bewegen wir uns bei Auftragseingang und Produktion mehr oder weniger seitwärts. Und bei diesen beiden zentralen Unternehmensdaten liegen wir noch unter dem Wert vor der Krise 2008.

Umso bemerkenswerter ist die Entwicklung bei der Beschäftigung: Aktuell zählen unsere Unternehmen rund 3,72 Millionen Stammbeschäftigte.

Trotz Unterauslastung und Stagnation bei Produktion und Auftragseingängen haben die Unternehmen neue Stammarbeitsplätze geschaffen. Seit dem Ende der Krise im März 2010 sind es inzwischen 286.000. Damit liegt die Zahl der Arbeitsplätze in unserer Industrie heute – anders als alle anderen Werte – deutlich über dem Stand vor der Krise.

Zusätzlich zu den 3,72 Millionen Stammbeschäftigten haben wir nach unseren Schätzungen aktuell zwischen 170.000 und 190.000 Zeitarbeitnehmer im Einsatz, das entspricht einem Verhältnis von etwa 5 Prozent. Anteil wie absolute Zahl gehen seit 2011 übrigens zurück, was in erster Linie an der Konjunktur liegen dürfte.

Über Vorkrisenniveau liegen auch die Tarifentgelte, und zwar um 14 Prozent. Und im Mai dieses Jahres kommt eine weitere Tariferhöhung von 2,2 Prozent dazu.

Unsere industriellen Arbeitskosten liegen derzeit bei 37 Euro pro Stunde. Deutschland ist damit einer der teuersten Industriestandorte weltweit.

Ich will mit der Bestandsaufnahme die wirtschaftliche Lage nicht schlechter reden als sie ist, ganz im Gegenteil – darauf komme ich gleich.

Aber es ist halt auch nicht so, als stünde die deutsche Wirtschaft im Schlaraffenland und müsste nur darüber nachdenken, ob sie nun erst Milch oder erst Honig trinken soll.

Nach diesem Hinweis auf das Niveau, von dem aus wir Entwicklungen bewerten müssen, zum Ausblick auf dieses Jahr.

Die Aussichten sind vorsichtig ermutigend:

  • Die Weltwirtschaft wird wieder etwas stärker wachsen als 2012 (+3,6 statt 2,9 Prozent),
  • in der Euro-Zone erwarten wir das Ende der zweijährigen Rezession und ein leichtes Wachstum von 1 Prozent und
  • die inländischen Investitionen in Maschinen und Anlagen sollen in diesem Jahr wieder deutlich steigen (+6 Prozent).

Für die auf den Weltmarkt ausgerichtete, auf Investitionsgüter spezialisierte M+E-Industrie sind das günstige Vorzeichen.

Mit Prognosen soll man vorsichtig sein. Aber wenn alles so eintrifft, dann ist in diesem Jahr wieder ein echtes Wachstum in der M+E-Industrie möglich. In Zahlen heißt das: Nach den bisherigen Anzeichen könnte unsere Branche 2014 um bis zu 3 Prozent wachsen.

Damit würden wir, konjunkturell gesprochen, direkt vom Herbst in den Frühling übergehen. Ich habe das aber bewusst im Konjunktiv formuliert. Denn:

Unsere Kostensituation wird wieder deutlich schwieriger. Sie brauchen nur zusammen zu zählen: Steigende Entgelte, steigende Beschäftigung und stagnierende Produktion. Auf diese Weise sind unsere Lohnstückkosten in den ersten 11 Monaten 2013 um 4,5 Prozent gestiegen.

Welches Thema auch sonst immer die Schlagzeilen beherrschen mag, für uns steht unter dem Strich immer die eine Frage: Wie wettbewerbsfähig sind wir?

Ohne internationale Wettbewerbsfähigkeit kommen wir schnell in eine Abwärtsspirale: Steigende Arbeitskosten und ein zuregulierter Arbeitsmarkt führen zu mehr Arbeitslosigkeit, dann steigen die Beiträge und damit die Kosten erneut.

Am Ende kann nur unsere Wettbewerbsfähigkeit entscheidender Gradmesser allen politischen Handelns sein. Deshalb sage ich: Die Arbeitskosten dürfen nicht vernachlässigt werden!

Die Debatten der vergangenen Woche – von der Elternteilzeit bis zum Rentenpaket – scheinen im Wesentlichen darauf abzuzielen, Menschen wieder früher aus ihren Büros und Werkhallen herauszuholen und sie nach Hause zu schicken.

Wichtiger fände ich ja, die immer noch 3 Millionen zwangsweise zu Hause sitzenden Menschen wieder in die Büros und Werkhallen kriegen. Oder wie wir diejenigen, die den Einstieg in den Arbeitsmarkt geschafft haben, auch zu einem Aufstieg führen können.

Beim Arbeitsmarkt soll erlassen, verboten, reguliert, vorgeschrieben und geregelt werden. Wer sich kurz vor Toresschluss arbeitslos erklären lässt, soll sogar mit 61 schon in Rente gehen können, abschlagsfrei. Das sind Schritte, mit denen sich Deutschland eher das frühere Griechenland zum Vorbild nimmt.

Die Rolle rückwärts bei der Frühverrentung ist dabei besonders bedenklich. Rentengeschenke wirken langfristig und lassen sich nicht so schnell wieder korrigieren.

Und sie schlagen von zwei Seiten auf die Arbeitskosten durch: Die jetzt gefüllte Rentenkasse wird auf einen Schlag geleert. Danach muss jeder Euro Jahr für Jahr von den Beschäftigten neu erwirtschaftet werden. Das wird zwangsläufig nicht ohne höhere Beiträge, höhere Steuern oder beides gehen.

Dies bedeutet höhere Arbeitskosten und weniger Beschäftigung – und immer höhere Steuern und Abgaben müssen von immer weniger Arbeitsplätzen erwirtschaftet werden.

Eine solche Entwicklung haben wir aus der Zeit vor 2003 in lebhafter, wenngleich schlechter Erinnerung.

Wenn die neue Bundesregierung also schnell Akzente setzen will, dann bitte bei den echten Problemen unseres Landes:

  • Der Vollendung der Energiewende,
  • der Vollbeschäftigung,
  • der Haushaltskonsolidierung,
  • der Stärkung der Tarifautonomie durch Wiederherstellung der Tarifeinheit
  • und beim richtigen Umgang mit dem demografischen Wandel.

Das bringt mich zu unserem heutigen Gast.

Unternehmen und Verbände beschäftigen sich seit langem mit der Frage, was eine alternde Belegschaft bedeutet.

Wir müssen pragmatische und langfristige Personalpolitik betreiben. Dazu gehört auch eine wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahme über die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit älterer Mitarbeiter und über mögliche Maßnahmen, wie Verlängerung der Lebensarbeitszeit in den Betrieben und durch die Mitarbeiter selbst gestaltet werden kann.

Deshalb haben wir Professor Sonntag von der Universität Heidelberg gebeten, für uns den Stand der wissenschaftlichen Forschung zusammenzutragen.

Um einigen möglichen Fragen gleich vorweg zu kommen, möchte ich dazu noch ein paar kurze Sätze sagen.

Die Untersuchung zeigt, dass nicht einen einzelnen Weg gibt. Gefordert sind alle Akteure, angefangen bei den Arbeitnehmern selber.

Gerade weil es um die Gestaltung des Einzelfalls geht, ist das zwar weniger ein Feld für die Tarifpolitik. Aber es ist eines für unsere Verbände, die den Erfahrungsaustausch funktionierender Modelle moderieren und vorantreiben und die unsere Mitgliedsunternehmen umfassend beraten.

Weiterbildung in den Betrieben und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen sichern die Berufs- und Beschäftigungsfähigkeit.

Wir haben mit einer Reihe von Tarifverträgen der demografischen Entwicklung Rechnung getragen und den flexiblen Übergang in den Ruhestand und den Aufbau einer zusätzlichen Altersversorgung geregelt.

Mehr und besser geht immer – aber unsere Branche ist schon auf einem guten Weg.

Das zeigt sich in den Zahlen zur Beschäftigung Älterer: Die Zahl der Mitarbeiter in der Altersklasse "60+" ist von rund 85.000 im Jahr 2000 auf 214.000 in 2013 gestiegen. Das ist ein Plus von 150 Prozent. Damit hat sich der Anteil an der Gesamtzahl der M+E Beschäftigten in den letzten 13 Jahren mehr als verdoppelt (2,4 auf 5,8 Prozent).

Nach einer repräsentativen Allensbach-Untersuchung wollen 82 Prozent der M+E-Unternehmen ihre Mitarbeiter so lange wie möglich halten, nur 4 Prozent sie so früh wie möglich in Rente gehen lassen.

Der Wunsch der Mitarbeiter nach Frühverrentung nimmt ab. Nur 44 Prozent der Mitarbeiter wollen früher in Rente gehen als gesetzlich vorgesehen, 24 Prozent zum normalen Zeitpunkt, 5 Prozent wollen explizit länger arbeiten.

Zehn Jahre zuvor wollten noch 56 Prozent früher in Rente gehen.

Und: Selbst von jenen, die zum normalen Zeitpunkt oder früher in Rente gehen wollen, können sich nur 18 Prozent gar nicht vorstellen, dennoch länger zu arbeiten.

Vielen Dank.