"Wir können nicht ohne einander"

"Wir können nicht ohne einander"

"Wir können nicht ohne einander"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gastbeitrag von Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger in der Frankfurter Rundschau:

Zu Beginn meiner Amtszeit als Gesamtmetall-Präsident traf ich bei einem Abendessen auf jemanden, der mit der Tariflandschaft wenig vertraut war. Er kommentierte die Nennung des Namens Gesamtmetall genauso freundlich wie naiv mit den Worten: "Ach, Sie sind bei der Gewerkschaft!". Es folgte dann ein interessantes Gespräch über Soziale Marktwirtschaft, Tarifautonomie, Tarifverhandlungen und Tarifpartnerschaft. Am Ende zog er sein Fazit: Erstens handelt es sich um eine gute Sache und zweitens: Beide Organisationen – Gesamtmetall und IG Metall – bedingen einander.

Es ist eine zusätzliche Pointe, dass Gesamtmetall in Reaktion auf die Gewerkschaften gegründet wurde, aber dennoch noch ein Jahr älter ist als die IG Metall. Wir haben im vergangenen Jahr unser 125-jähriges Jubiläum mit dem Herrn Bundespräsidenten und Herrn Detlef Wetzel gefeiert.

IG Metall und Gesamtmetall, Gewerkschaft und Arbeitgeberverbände haben einen langen gemeinsamen Weg hinter sich. Sie gestalten die Arbeitsbedingungen gemeinsam. Sie waren Gegner, gar Feinde. Später Kontrahenten. Heute sind sie Tarif-Parteien. Und vielleicht auch irgendwann dauerhaft Tarif-Partner.

Ich erinnere mich noch an die Wirtschaftskrise 2008. Der damalige Erste Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, sagte später im Rückblick: "Der Erfolg, die Metall- und Elektro-Branche durch diese schwere Zeit gesteuert zu haben, hat uns darin bestärkt, wie wichtig eine funktionierende Tarifautonomie ist. Mit Partnern, die sich aufeinander verlassen können und die sich der Tragweite ihrer Verantwortung in Wort und Tat bewusst sind."

Diese Partnerschaft ist es, an die wir anknüpfen wollen. Und zwar nicht bloß in Krisenzeiten. IG Metall und Gesamtmetall verbindet mehr als nur eine Jahreszahl, mehr als nur die Geschichte: Uns verbindet eine gemeinsame Aufgabe! Der Rahmen dafür ist die Tarifautonomie – eine unverzichtbare Säule der Sozialen Marktwirtschaft.

Aus der gemeinsamen Aufgabe erwächst eine gemeinsame Verantwortung: Für den Industriestandort Deutschland. Für die Stärke der Unternehmen. Für die Mitarbeiter. Für gute Arbeitsbedingungen und noch bessere Arbeitsbeziehungen.

Seit 1891 befinden wir uns in einem dauerhaften organisatorischen Austausch.1918, mit dem Stinnes-Legien-Abkommen, haben wir uns gegenseitig anerkannt. Damals bereits wurde der Grundstein für die Tarifautonomie des Grundgesetzes nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt.

Die Beziehungen unserer beiden Organisationen zueinander waren nie einfach. Sie waren auch nie konfliktfrei. Aber sie waren immer belastbar. In einer Zeit, in der viele Säulen unseres Gemeinwesens zu bröckeln scheinen, ist die Gemeinschaft in den Unternehmen, am Arbeitsplatz vielleicht die letzte Bastion. Ein sicherer Heimathafen, in einer sich selbst entfremdenden, zunehmend digitalen Welt.

Arbeit in produzierenden Unternehmen mag den Verfechtern des digitalen Zeitalters anachronistisch vorkommen. Doch für mich ist sie einer der Eckpfeiler unserer Gesellschaft. Wir werden, ob wir wollen oder nicht, unsere Industrie, unsere Arbeitsplätze und auch unsere Tarifverträge an veränderte Zeiten und Anforderungen anpassen müssen.

Wir stehen heute wieder vor einer großen Aufgabe, den Strukturwandel unserer Wirtschaft. Die Digitalisierung. Industrie 4.0. Und ich frage mich: Haben wir dafür schon die richtigen Antworten? Wir sollten, wir müssen hier einen gemeinsamen Weg finden. Nicht nur als Tarif-Parteien. Sondern als Tarif-Partner.

Mehr als 24.000 Unternehmen mit mehr als 3,8 Millionen Mitarbeitern gehören zur Metall- und Elektro-Industrie. Für sie arbeiten IG Metall und Gesamtmetall in- und außerhalb von Tarifrunden. Es ist in der Regel nur dieser Verteilungskampf, zu dem die breite Öffentlichkeit von unserer Arbeit Kenntnis nimmt. Die langen Nächte, nach denen müde Männer und Frauen mit roten Augen Ergebnisse verkünden.

Allein 17 Tarifrunden hat es seit der Wiedervereinigung gegeben. Keine einzige dieser 17 Tarifrunden war einfach. Manche sogar ausgesprochen schmerzhaft. Aber: Uns ist es immer gelungen, Kompromisse zu finden. Der Kompromiss ist das Prinzip. Abschlüsse, mit denen beide Seiten leben können.

Selbst wenn wir wollten, wir könnten nicht ohne einander. Dieser organisierte Interessenausgleich ist unsere Stärke. Und er ist die Stärke der Sozialen Marktwirtschaft.

Schwächen wir die Tarifautonomie, schwächen wir auch die Soziale Marktwirtschaft. Ich mache mir deshalb große Sorgen, wenn die Gewerkschaften lieber auf eine gnädig gestimmte Politik setzen, um dort ihre Wünsche komplett umgesetzt zu bekommen, als mit den Arbeitgebern einen Kompromiss zu suchen.

Und ich möchte an der Stelle auch sagen: Es ist für die Akzeptanz der Tarifautonomie entscheidend, dass sie freiwillig ist. Das gilt für die Mitgliedschaft der Mitarbeiter in einer Gewerkschaft ebenso wie für die Mitgliedschaft eines Unternehmens in einem Tarifverband. Für beide muss die Mitgliedschaft einen Vorteil haben. Wer glaubt, er könne die Zahl seiner Mitglieder durch maximalen Konflikt erhöhen, darf sich nicht wundern, wenn die ebenso freiwillige Mitgliedschaft auf der anderen Seite erodiert. Statt seine eigenen Interessen ohne Rücksicht auf Verluste zu maximieren, um dann auf staatliche Eingriffe zu hoffen, um die Ausweichbewegungen zu verhindern, muss der Kompromiss wieder an Wertschätzung gewinnen. Mit Maximalforderungen den Kompromiss ständig schlecht zu reden schürt Politikverdrossenheit und Demokratieverachtung.

Dabei ist es uns über 125 Jahre gelungen, die Interessen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Einklang zu bringen. Trotz Krisen. Trotz Kriegen. Trotz Verboten und Auflösungen.

Wir sind weit gekommen. Und wir sind gekommen, um zu bleiben. Und allein das ist es wert, an einem Tag wie diesem gefeiert zu werden.

Heute wird die IG Metall 125 Jahre alt. Sie hat große Vorsitzende hervorgebracht. Diese haben für Ihre Organisation, für Ihre stolze Gewerkschaft gelebt und gearbeitet. Viele Gewerkschafter haben im Zuchthaus gesessen, sie haben Verbot und Verfolgung getrotzt. Und nicht zuletzt haben sie auch für die Überzeugung, dass der Staat sich aus den Arbeitsbeziehungen raushalten soll, mit dem Leben bezahlt.

Als Gesamtmetall-Präsident verneige ich mich vor diesem Opfer.

Erschienen am 4. Juni 2016 in der Frankfurter Rundschau.