"Das ist beim besten Willen nicht darstellbar"

"Das ist beim besten Willen nicht darstellbar"

"Das ist beim besten Willen nicht darstellbar"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit der WirtschaftsWoche zu den Sondierungsergebnissen und der Tarifrunde:

Herr Dulger, haben Sie noch einmal so richtig Wut auf Christian Lindner bekommen, als Sie die Sondierungsergebnisse von CDU, CSU und SPD gelesen haben?

Wut? Nein, überhaupt nicht.

Das wundert uns. Das Nein des FDP-Chefs zu Jamaika dürfte den Arbeitgebern erneut eine sehr teure Regierung bescheren.

Das mag sein. Die Sondierungsergebnisse sind für uns Unternehmen teuer. Ich persönlich finde aber: Lindner ist sich treu geblieben, er hat für sich und seine Wähler das Richtige getan. Außerdem ist er nicht weggelaufen, sondern hat fünf Wochen lang um gute Lösungen gerungen.

Über eine Neuauflage von Schwarz-Rot werden Sie sich trotzdem nicht freuen.

Jamaika ist Geschichte. Allerdings ist das, was auf uns zukommt, kein Signal für Aufbruch. Ich fürchte, dass eine große Koalition mehr umverteilen wird, statt sich auf Zukunftsfragen zu konzentrieren. Egal, ob es um Investitionen in Straßen und Schienen, schnelle Datennetze, Bildung oder Arbeitszeitmodelle in der digitalen Welt geht - all das wird nicht energisch genug angepackt.

Hat die Bundeskanzlerin überhaupt noch einen Gestaltungsanspruch?

Das Sondierungspapier trägt jedenfalls eher eine sozialdemokratische Handschrift. Allein die neuen Rentenpläne werden mehrere Milliarden Euro kosten. Dieses Geld muss erst einmal verdient werden. Auf der anderen Seite begrüße ich ein Planungsbeschleunigungsgesetz - wer auch immer das eingebracht hat. Das Versprechen, die Sozialabgaben bei 40 Prozent zu deckeln, darf keine Absichtserklärung bleiben. Das muss gesetzlich verankert werden.

Gesetze kann man ändern.

Aber das wäre immer noch verlässlicher als irgendein Versprechen.

Sie echauffieren sich geradezu.

Weil ich diesen Reform-Zirkus nicht nachvollziehen kann. Nehmen Sie die Erbschaftsteuer. Da gab es in der vergangenen großen Koalition eine Lösung, jetzt wurde diese von der SPD wieder infrage gestellt. Das schafft enorme Verunsicherung - gerade bei Unternehmern im Mittelstand.

Experten sagen, die Regelung sei in ihrer jetzigen Form verfassungswidrig.

Ich bin kein Steuerexperte. Ich möchte nur, dass die mittelständischen Unternehmen in Familienhand bleiben können - und nicht, dass sie wegen einer zum x-ten Mal reformierten Erbschaftsteuer verkauft werden müssen. Gerhard Schröder hat das wenigstens noch verstanden.

Sie tun, was Wirtschaftsvertreter meistens tun: Sie klagen. Dabei ist das Gefühl vieler Bürger doch: Es sind großartige Zeiten.

Das ist unbestritten. Wir Unternehmer beklagen ja nur, dass die Gesellschaft und die Bürger seit vielen Jahren falsche Weichenstellungen erdulden. Wenn wir so weitermachen, ist die Bundesrepublik in zehn Jahren wieder der kranke Mann Europas. Von der Agenda 2010 ist fast nichts mehr übrig. Das Einzige, wovon wir heut noch zehren, ist die Schröder'sche Reform-Dividende.

Klingt, als wünschten Sie ihn sich zurück.

Seinen Reformwillen könnten wir heute gut gebrauchen.

Wer hat das Zeug zum neuen Schröder?

Schwer zu sagen. Im Moment drängt sich keiner auf.

Ist es von Politikern vielleicht einfach zu viel verlangt, in Boomzeiten schmerzhafte Einschnitte durchzuziehen?

Wir brauchen doch gar keinen großen Wurf, sondern nur ein kluge Politik der kleinen Schritte, die bitte alle in dieselbe Richtung führen: Also nicht nur die Glasfasernetze mit voller Kraft ausbauen, sondern auch die Arbeitszeitgesetze aus der Ära von Telex und Wählscheibe so anpassen, dass Arbeitnehmer, die ihre neuen digitalen Freiheiten nutzen, nichts Illegales tun.

Das müssen Sie erklären.

Die Realität sieht so aus: Wer den Betrieb um 14 Uhr verlässt, um die Kinder aus der Kita zu holen, und dann abends auf dem Sofa wieder E-Mails schreibt, hat kein Problem mit seinem Arbeitgeber - aber er dürfte am nächsten Morgen nicht um sieben zur Schicht erscheinen, weil er die Ruhezeit nicht eingehalten hat. Das ist doch grotesk.

Vielleicht fehlt der Problemdruck? Der Aufschwung ist scheinbar endlos.

Es geht uns gut, das ist unbestritten. Aber wir sind im achten fetten Jahr. Und ich weiß nicht, wie viele fette Jahre es noch geben wird. Was ich allerdings weiß: Es gibt immer mehr bedrohliche Entwicklungen. Der Euro steht mittlerweile deutlich über 1,20 Dollar, das verschlechtert unsere Wettbewerbsfähigkeit. Die Produkte unserer wichtigsten US-Wettbewerber sind dadurch deutlich günstiger geworden. Hinzu kommt das absehbare Ende der Niedrigzinsphase und des niedrigen Ölpreises. Auch die politischen Entwicklungen in Russland, dem Nahen Osten und Nordkorea sind ja alles andere als beruhigend. Stattdessen diskutieren wir über Gerechtigkeit.

Haben Sie dafür gar kein Verständnis?

Was ist denn gerecht? Bestimmt nicht das, was die IG Metall fordert. Sie will eine 28-Stunden-Woche mit teilweisem Lohnausgleich. Eine Mitarbeiterin arbeitet seit Jahren bereits in Teilzeit, weil sie einen Pflegefall zu Hause hat. Wenn ihre Kollegin gegenüber, die kleinere Kinder hat, künftig auch auf 80 Prozent reduziert, würde sie - nach dem Willen der Gewerkschaft! - für die gleiche Arbeit einen Teil des wegfallenden Lohns ausgeglichen bekommen. Sie würde dann pro Stunde mehr verdienen als die Kollegin. Diese Ungleichbehandlung können wir nicht akzeptieren. Sie wäre das Gegenteil von gerecht. Deshalb sind wir strikt dagegen.

Aber den Lohnausgleich soll es nur geben, wenn Kinder betreut oder Angehörige gepflegt werden. Was ist gegen dieses Signal für mehr Flexibilität einzuwenden?

Teilzeit für Pflege oder Kinderbetreuung ist doch gelebte Realität. Der Grund, weshalb wir das ablehnen, ist ein anderer: einen Tarifvertrag, der für die gleiche Arbeit zwei unterschiedliche Löhne zahlt, können wir nicht unterschreiben. Und das Argument, dass sich ein Mitarbeiter sonst Teilzeit nicht leisten kann, können wir nicht nachvollziehen. Bei allem Respekt: Das Durchschnittsgehalt in der Metall- und Elektro-Industrie liegt in Baden-Württemberg bei 63.000 Euro pro Jahr. Würden meine Mitarbeiter ihre Arbeitszeit alle auf 28 Stunden reduzieren, hätten sie im Schnitt noch immer mehr als 50.000 Euro. Im Supermarkt um die Ecke müssen die Verkäufer 37,5 Stunden arbeiten und haben nicht einmal die Hälfte dieses Lohns. Sind wir als Arbeitgeber also ungerecht? Die IG Metall sagt: Ja. Ich sage: Seht euch draußen um, dann seht ihr, dass das nicht stimmt.

Sie sind also bei der Reduzierung der Arbeitszeit überhaupt nicht gesprächsbereit.

Doch. Wenn wir die Option haben, länger zu arbeiten, können wir auch über kürzere Arbeitszeit reden. Bislang haben wir starre Quoten, wie viele Mitarbeiter in einem Betrieb länger als 35 Stunden arbeiten dürfen. Das sind je nach Region 13 beziehungsweise 18 Prozent. Das müssen wir ändern, ehe wir über kürze Arbeitszeiten sprechen.

Was wollen denn eigentlich die Beschäftigten selber?

Wir haben sie befragt. Nur jeder 16. Befragte wünscht sich mehr Freizeit statt mehr Geld. Und selbst laut der Befragung der IG Metall erklären interessanterweise 70 Prozent der Mitarbeiter, mit ihrer Arbeitszeit zufrieden zu sein - ausdrücklich unzufrieden sind nur knapp fünf Prozent. Und: 30 Prozent würden gern mehr arbeiten.

Heißt das, der freizeitwütige Deutsche ist ein Klischee?

Die Zahlen sprechen für sich.

Ist das nicht zu starr gedacht? Viele Menschen wollen bis 50 ranklotzen, es dann aber gemächlicher angehen lassen.

Eben darum sollten wir die Möglichkeit schaffen, auf Wunsch nicht nur kürzer, sondern auch länger arbeiten zu können.

Welche Punkte sind denn in den Tarifverhandlungen noch strittig?

Die Gewerkschaft fordert eine Lohnerhöhung von sechs Prozent. Das ist beim besten Willen nicht darstellbar.

Im besten Deutschland, das wir je hatten?

Ich kann es nur noch einmal betonen: Nein, weil es dieses Deutschland sonst bald nicht mehr gibt.

Welches Lohnplus bieten Sie an?

Zwei Prozent, das entspricht einem steigenden Reallohn für alle Beschäftigten. Entscheidend ist aber die Laufzeit des Tarifvertrages. Je länger sie ist, desto verhandlungsbereiter sind wir.

Was wünschen Sie sich denn?

Zwei Jahre wären nicht schlecht.

Dieser Tarifkonflikt könnte hart werden. Droht uns ein großer Streik wie 1984, als es um die 35-Stunden-Woche ging?

Ein Streik kann immer nur die Ultima Ratio sein. Wir wollen die Auseinandersetzung am Verhandlungstisch lösen. Leider hat die IG Metall das Instrument des Warnstreiks völlig ritualisiert. Ich bin mir sicher, dass sie schon lange geplant waren - unabhängig davon, wie die Verhandlungen laufen. Ich finde dieses Verhalten besorgniserregend: Am Ende eines Tarifkonflikts steht der Kompromiss. Und solange ich auf die totale Erfüllung meiner Forderungen beharre, desto schwieriger wird es, später den eigenen Leuten einen Kompromiss zu erklären.

Das gilt ja auch für Sie, wenn am Ende doch der Teillohnausgleich käme.

Wir werden nichts tun, was rechtlich zweifelhaft ist. Und noch dazu politisch absurd: Wir diskutieren überall über Lohngerechtigkeit. Und die größte Gewerkschaft des Landes plädiert offen dafür, Menschen, die die gleiche Arbeit machen, unterschiedlich zu bezahlen.

Wie lange wird der Tarifkonflikt dauern?

Es wäre für uns alle gut, wenn wir bis Anfang Februar durch wären.

Zu Beginn des Gesprächs haben Sie Verständnis für den FDP-Chef gezeigt. Frei nach Christian Lindner: Lieber kein Tarifabschluss als ein schlechter Tarifabschluss?

Ich würde unsere Verhandlungen nicht mit den Sondierungen in Berlin vergleichen.

Sie machen aber nicht den Lindner und stehen irgendwann einfach auf?

Ich persönlich? Nein!

Das Interview führten Max Haerder und Sven Böll, WirtschaftsWoche. Erschienen am 19. Januar 2018.