"Das ist keinem zu vermitteln, der rechnen kann"

"Das ist keinem zu vermitteln, der rechnen kann"

"Das ist keinem zu vermitteln, der rechnen kann"

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander

Foto: Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander in der Neuen Osnabrücker Zeitung zum Stand der Tarifrunde vor den dritten Verhandlungen:

Herr Zander, die Arbeitgeber haben ein Angebot von 0,9 Prozent mehr Geld und einer Einmalzahlung von 0,3 Prozent angeboten. Warum ist das Angebot so niedrig? War der Abschluss des vergangenen Jahres mit 3,4 Prozent zu hoch?

Das Angebot ist nicht niedrig. Der Sachverständigenrat geht 2016 von 0,3 Prozent Inflation und einer gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung von ebenfalls 0,3 Prozent aus. Da kann sich unser Angebot unterm Strich sehr wohl sehen lassen. Die Zahlen, die die Gewerkschaft angesetzt hat für ihre Forderung, passen leider nicht zur Wirklichkeit. Sie kann die von der EZB angestrebte Inflation nahe 2 Prozent nicht anführen, denn das ist nicht die Realität, wie jeder weiß. Das ist keinem zu vermitteln, der rechnen kann.

Wie steht es um die Wachstumsaussichten der Branche? Worauf stellen Sie sich im laufenden Jahr ein?

Wir hatten in der Metall- und Elektro-Industrie 2015 ein Wachstum von 0,8 Prozent und wir werden im laufenden Jahr irgendwo zwischen 0,5 und 1,0 Prozent liegen. Das ist nicht besonders viel. Und es kommt ein besonderes Problem unserer Branche hinzu: Wir haben die Löhne seit 2008 um etwa 20 Prozentpunkte angehoben, zugleich ist die Produktivität aber nur um 2 Prozent gestiegen. Wenn wir diesen Kurs weiterfahren, dann fahren wir gegen die Wand.

Die IG Metall beharrt aber auf fünf Prozent …

Die IG Metall weckt damit Erwartungen, die nicht zu erfüllen sind, die die Tarifverhandlungen unnötig erschweren.

Sind bereits Jobs in Deutschland gefährdet?

Wir haben bislang glücklicherweise eine stabile Beschäftigung. In der Krise 2008 haben wir etwa 250.000 Arbeitsplätze verloren. Dieser Jobverlust ist wieder ausgeglichen worden und wir haben noch mal 130.000 netto draufgelegt seit der Krise. Das ist eine Riesenleistung, wenn man überlegt, in welchem Wettbewerb die deutsche Industrie steht.

Also alles gut?

Keineswegs. Die Expansion hat vor allem im Ausland stattgefunden. Das liegt auch daran, dass die Lohnstückkosten im Ausland meist deutlich niedriger sind. Die Industrie in Deutschland gerät dadurch massiv unter Druck. Immer mehr Investitionen deutscher Unternehmen werden im Ausland getätigt. Jetzt die Löhne in Deutschland ein weiteres Mal massiv zu erhöhen, wäre fatal. Im Übrigen: Der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters in unserer Branche liegt bei rund 54.000 Euro. Das sind schon Spitzenlöhne, wenn man überlegt, was sonst gezahlt wird.

Die IG Metall weist das Tarifangebot trotzdem als Provokation zurück. Was wird Ihre Antwort in der dritten Verhandlungsrunde am kommenden Donnerstag sein?

Nachdem wir ein Angebot gemacht haben, ist jetzt die IG Metall am Zug. Da muss jetzt ein deutliches Signal kommen, dass sie auf uns zugehen will. Sie muss runter von ihrer viel zu hohen 5-Prozent-Forderung und sich der wirtschaftlichen Realität stellen.

Von der IG Metall kommen aber ganz andere Signale. Da heißt es, Sie hätten mit Ihrem Angebot quasi selbst zum Warnstreik aufgerufen …

Wir werden nach dem Auslaufen der Friedenspflicht Ende April sicherlich Warnstreiks erleben. Die IG Metall verschärft und verlängert damit nur den Konflikt. Wenn sie versucht, mit Warnstreiks ihre Leute noch weiter zu mobilisieren und Emotionen zu wecken, führt das am Ende nicht zu einem guten Ergebnis. Bei den Arbeitgebern ist die Stimmung gereizt und allen ist klar: So wie bisher können wir nicht weitermachen. Das führt in den Abgrund.

Gibt es unter Ihren Mitgliedern schon Drohungen mit Austritt aus dem Arbeitgeberverband?

Es hat in einzelnen Bezirken nach dem letztjährigen Abschluss Austritte gegeben. Und es besteht erkennbar die Gefahr, dass sich immer mehr Unternehmen aus der Tarifbindung verabschieden, wenn die IG Metall auf Maximalforderungen beharrt.

Wie steht es denn aktuell um die Tarifbindung in der Metall- und Elektro-Industrie?

Wir haben insgesamt 3,8 Millionen Beschäftigte in der M+E-Industrie. Davon sind etwa 1,8 Millionen in den tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt, die wir organisieren. Zudem gibt es OT-Firmen, also Firmen ohne Tarifbindung, mit noch mal 400.000 Beschäftigten. In diesen Betrieben werden Tarifabschlüsse oft nachvollzogen, oder es gibt Sondervereinbarungen. Insofern haben wir also eine gute Tarifbindungsquote und finden auch, dass wir mit sehr guten Arbeitsbedingungen eine Menge in Deutschland zum Wohlstand beitragen.

Das Interview führte Uwe Westdörp, NOZ. Erschienen am 25. April 2016.