„Deutschland darf nicht vergriechen“

„Deutschland darf nicht vergriechen“

„Deutschland darf nicht vergriechen“

Die deutsche Wirtschaft gleicht einem Wachstumswunderland. Der Präsident des DIHK, Heinrich Driftmann, glaubt, die Zahl der Arbeitslosen könne im Herbst sogar unter 2,5 Millionen sinken. Welchen Beitrag dazu leistet die Metallindustrie?

Wir werden in unserer Branche bis Jahresende wieder die Zahl von 3,6 Millionen Mitarbeitern erreichen und uns damit auf dem Niveau vor Ausbruch der Finanzmarktkrise befinden. Insgesamt werden wir in diesem Jahr rund 120.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Jeden Monat kommen etwa 10.000 neue Stellen hinzu. Dabei ist zu beobachten, dass die Zahl der Zeitarbeiter abnimmt. Firmen übernehmen Zeitarbeiter in größerem Umfang. Das zeigt, welches Grundvertrauen wir in die Zukunft haben. Selbst wenn ein Regenschauer kommt, verkriechen sich unsere Unternehmer nicht.

Wie lange währt dieses Glück?

Unsere Branche ist als erste - und das mit einer Wucht, die keiner vorhersagen konnte - in die Krise gerutscht. Wir haben diesen Absturz als eine von den Finanzmärkten ausgelöste tiefe Konjunkturkrise interpretiert, nicht als eine Strukturkrise, wie viele glaubten. Unsere derzeitigen Angebots- und Firmenstrukturen sind wettbewerbsfähig und auf dem neuesten Stand. Also kam es darauf an, die Firmen finanziell über Wasser und unsere Belegschaften zusammen zu halten. Dies ist uns gemeinsam mit Gewerkschaften und Politik weitgehend gelungen. Aber: die nächste Krise kommt bestimmt, alles wird volatiler, unsicherer, schneller. Anpassungsfähigkeit und Flexibilität bleiben oberstes Gebot.

Sie dämpfen die zum Teil sogar euphorische Stimmung etwas, dabei stehen erst im nächsten Frühjahr wieder Tarifverhandlungen mit der IG Metall an. Sie müssen also nicht befürchten, dass Ihre Aussagen als Einladung für hohe Lohnforderungen verstanden werden.

Der Aufschwung ist kein Selbstläufer. Wir haben keine Veranlassung uns als die Größten, Stärksten und Besten zu präsentieren. Der Himmel ist zwar blau, aber es machen sich auch dunkle Wolken breit.

Sie sehen die europäische Schuldenkrise am Himmel?

Genau. Hier besteht ein erhebliches Risikopotenzial. Unsere Industrie ist unmittelbar von der Entwicklung an den Kapitalmärkten abhängig, 80 Prozent unserer Produkte sind Investitionsgüter. Diese Projekte kommen nur zustande, wenn sich die Käufer auf für sie passende Finanzierungskonditionen stützen können. Hinzu kommt als weiterer Risikofaktor der Fachkräftemangel, den wir bereits spüren. So ist es etwa schwer, ausreichend Ingenieure zu bekommen. Mein Appell lautet daher: Auch wenn die Grundstimmung gut ist, dürfen wir nicht die Füße auf den Tisch legen.

Was bedeutet das im Hinblick auf den Fachkräftemangel? Kanzlerin Angela Merkel warnt ja: „Es wartet nicht die ganze Welt darauf, bei uns arbeiten zu können. Wir müssen dazu auch einladen.“

Wir müssen uns gezielt als Ergänzung Fachkräfte aus dem Ausland holen. Hier sehen wir es positiv, dass die Bundesregierung überlegt, die Hürden für den Zuzug von Experten aus Nicht-EU-Staaten nach Deutschland zu senken. So wäre es sinnvoll, dass derartige Spezialisten nicht mehr wie bisher nachweisen müssen, dass sie 66.000 Euro im Jahr, sondern nur noch 40.000 Euro verdienen. Das fordern die Arbeitgeber schon lange. Aber so wichtig Zuwanderung auch ist, darin liegt nicht die Lösung.

In Arbeitsministerin Ursula von der Leyen haben Sie hier eine Unterstützerin gefunden. Aber wie kann das Arbeitskräftepotenzial im Inland besser ausgeschöpft werden? Bis 2025 soll die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland im Zuge der Überalterung der Gesellschaft um 6,5 Millionen sinken.

Wir müssen noch intensiver auf Aufstiegsbildung setzen. Dabei gilt es beispielsweise, Facharbeiter zu Technikern und Techniker zu Ingenieuren weiterzubilden. Die Bildungspolitik muss sehr viel besser werden - es kann doch nicht sein, dass ein Fünftel aller Schulabgänger nicht in der Lage ist, eine Ausbildung zu machen! Entscheidend wird es auch sein, ob es uns gelingt, mehr Frauen für technische Berufe zu gewinnen. Die Metall- und Elektroindustrie entspricht schon lange nicht mehr dem Klischee aus Stahl und ölverschmierten Händen. Wir sind eine Technologieindustrie. Um Frauen für uns verstärkt zu gewinnen, müssen wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Wir tun dies beispielsweise durch flexible Arbeitszeitmodelle, permanente Weiterbildungsstrukturen oder auch Unterstützung betriebsnaher Kindergärten.

Auch der Staat müsste mehr Geld in solche Projekte investieren und auch sonst angesichts steigender Steuereinnahmen die Bürger am Aufschwung teilhaben lassen. Wie stark sollen die Steuern sinken?

Aus meiner Sicht muss die Haushaltskonsolidierung Priorität genießen. Wir dürfen die erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung der letzten Monate nicht einfach so in die Zukunft fortschreiben. Die nächste Krise kommt bestimmt, wenn sie auch hoffentlich nicht so stark wie die letzte ausfällt. Wie heißt es so treffend: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not. Deutschland darf, was die Staatsverschuldung betrifft, nicht vergriechen.

Das einzige, was ich gelten lassen würde, wäre eine deutliche Reduzierung der kalten Progression, die in einer Zeit von bedauerlicherweise wieder steigernder Inflation die Nettoeinkommen speziell im Bereich unsere Facharbeiter einschnürt. Auch Beitragssätze zu unseren Sozialversicherungssystemen dürfen nicht zu konjunkturellen Wanderdünen verkommen.

Das Interview führte Stefan Stahl, Augsburger Allgemeine.
Erschienen am 1. Juli 2011.