"Die erste Frage ist, ob die hoch qualifizierten, mobilen Fachleute überhaupt kommen"

"Die erste Frage ist, ob die hoch qualifizierten, mobilen Fachleute überhaupt kommen"

"Die erste Frage ist, ob die hoch qualifizierten, mobilen Fachleute überhaupt kommen"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit dem manager magazin über Zuwanderung und den Arbeitsmarkt 2025:

Herr Dulger, Deutschland stehen goldene Zeiten - hohes Wachstum, weiter steigende Exporte -, sagt eine McKinsey-Studie vorher, mit deren Ergebnissen wir uns im aktuellen Heft befassen. Eine Voraussetzung muss die deutsche Wirtschaft allerdings erfüllen: Das Arbeitskräftepotenzial muss bis 2025 um rund vier Millionen Menschen steigen. Kann das klappen?

Ich halte das für ambitioniert, aber nicht für unmöglich.

Es ist noch gar nicht lange her, da sahen gängige Projektionen so aus: Zwischen 2015 und 2025 werde das Arbeitskräfteangebot um drei Millionen Menschen zurückgehen. Und jetzt eine solche Schubumkehr - wie soll das gehen?

Wir müssen alles tun, was uns diesem Ziel näherbringt. Und wir müssen alles unterlassen, was uns behindert.

Was schlagen Sie konkret vor? Die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche?

Dieses Fass würde ich derzeit nicht aufmachen wollen. Aber wir könnten als Gesellschaft insgesamt noch viel flexibler werden.

Was heißt das?

Wer arbeiten will, dem müssen wir die Möglichkeiten dazu einräumen. Wer nicht arbeiten kann, den sollten wir, wenn möglich, in die Lage versetzen zu arbeiten. Und wir müssen Menschen aus dem Ausland, die hier arbeiten wollen, bei uns willkommen heißen.

Das klingt gut. Aber wo sehen Sie konkret die großen Potenziale für den Arbeitsmarkt?

Nehmen Sie die wachsende Gruppe der älteren Beschäftigten: Von den über 60-Jährigen arbeiten heute doppelt so viele wie vor zehn Jahren, und diese Zahl wird weiter steigen. Künftig werden wir auch mehr und mehr Menschen in unseren Betrieben beschäftigen, die 65 Jahre und älter sind. Auf deren Bedürfnisse müssen wir intensiver eingehen. Bei der Frauenerwerbstätigkeit haben wir in Deutschland noch Nachholbedarf, viele arbeiten Teilzeit, da ließen sich die Arbeitszeiten deutlich ausdehnen: Der Staat muss aber noch viel mehr für die Kinderbetreuung tun. Bei den Jüngeren müssen wir systematisch in die Bildung und Qualifizierung investieren: Künftig darf es keinen Schulabgänger mehr geben, der nicht qualifizierbar ist. Mehr als 50.000 Jugendliche verlassen jährlich dieSchulen ohne Abschluss, noch mehr haben einen Abschluss, sind aber trotzdem nicht ausbildungsfähig. Das können wir uns nicht mehr leisten. Die Betriebe müssen helfen, sie in Beruf und Gesellschaft zu integrieren, aber es kann nicht deren Hauptaufgabe sein.

Wenn man sich die demographischen Vorhersagen anschaut, dann reichen diese Maßnahmen doch höchstens aus, um die Schrumpfung des Arbeitskräftepotenzials zu stoppen.

Es gibt keine einfache Lösung, es gibt ein Bündel aus vielen Maßnahmen. Wir müssen zum Beispiel auch weiterhin immer produktiver werden. Auch die Zuwanderung bietet noch enorme ungenutzte Potenziale. Wir sollten diese Chancen viel entschlossener nutzen als bisher. Das gilt insbesondere für die EU, da stehen wir immer noch am Anfang. Aber in Europa entwickelt sich ein grenzüberschreitender Arbeitsmarkt. In 15 oder 20 Jahren werden wir die Grenzen kaum noch spüren.

Derzeit scheint sich eine große Wanderungswelle aus den europäischen Krisenstaaten in Gang zu setzen. 2,2 Millionen Nettoimmigration bis 2017, sagt eine Prognose für mm voraus. Die spannende Frage ist doch, ob diese Menschen bei uns bleiben werden - oder ob sie in ein paar Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren.

Nein, die erste Frage ist, ob die hoch qualifizierten, mobilen Fachleute überhaupt erst einmal zu uns kommen! Das hängt auch davon ab, wie einfach wir den Zuwanderern den Einstieg in Deutschland machen. Dazu tun wir in den Unternehmen schon viel. Die Politik könnte allerdings noch aktiver werden, etwa was die gegenseitige Anerkennung von Bildungsabschlüssen oder von Sozialversicherungsansprüchen angeht. Das ist derzeit noch ein großes Mobilitätshindernis.

Herr Dulger, das Thema Immigration wird öffentlich immer noch problematisiert - von Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") über Heinz Buschkowsky ("Neukölln ist überall") bis zum bayerischen Innenminister Joachim Herrmann, der neuerdings vor "Armutszuwanderung" aus Südosteuropa warnt und mit dem "Verlust des Freizügigkeitsrechts" droht. Wer Zuwanderer nach Deutschland locken will, sollte anders reden, oder?

Meine Erfahrung ist, dass die Integration in Deutschland im Großen und Ganzen gut funktioniert - viel besser, als gemeinhin in den Medien dargestellt wird. Es würde helfen, das Thema insgesamt etwas gelassener zu diskutieren. Zuwanderung muss von der Gesellschaft als selbstverständlich akzeptiert werden. Ebenso folgerichtig finde ich aber auch, offen über die Kriterien zu sprechen, nach denen wir Zuwanderung aktiv steuern möchten.

Noch eine Frage zur Tarifpolitik: Die McKinsey-Studie sagt einen deutlichen Anstieg der Löhne bis 2025 voraus. Abschlüsse von drei Prozent und mehr pro Jahr seien nicht nur verkraftbar, sondern sogar "wünschenswert", um die Binnenwirtschaft zu stärken. Richtig?

Vermutlich sind das die gleichen Berater, die uns ab 2014 Konzepte verkaufen wollen, wie wir verlorene Wettbewerbsfähigkeit wieder zurückgewinnen. Also, ich bin seit vielen Jahren im Tarifgeschäft, aber ich kann heute beim besten Willen nicht beurteilen, welcher Tarifabschluss in fünf oder zehn Jahren verkraftbar ist. Vor allem aber ist die Grundaussage Nonsens: Kaufkraft stärken wir nur mit sicheren Arbeitsplätzen.

Das Interview führte Dr. Henrik Müller, manager magazin. Erschienen am 26. März 2013.