"Die ersten Lieferketten sind bereits abgerissen"

"Die ersten Lieferketten sind bereits abgerissen"

"Die ersten Lieferketten sind bereits abgerissen"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Gespräch mit der Rhein-Neckar-Zeitung zu den Auswirkungen des Corona-Virus auf die Metall- und Elektro-Industrie

Wann haben Sie zum ersten Mal vom Virus Sars-CoV-2 gehört?

Das dürfte acht Wochen her sein, als ich zum ersten Mal in den Nachrichten von einem neuartigen Virus gehört habe ...

… was denkt in so einer Situation der Präsident von Gesamtmetall?

Der denkt, dass da wieder etwas auf uns zukommt, das wir mit Sars schon 2002 erlebt hatten, nur viel, viel ausgeprägter. Der wirtschaftliche Austausch mit China ist viermal so hoch wie Anfang der 2000er. Und, noch wichtiger: Es reisen auch sehr viel mehr Menschen nach und von China. Dem gegenüber steht aber auch ein wesentlich effektiveres und durchsetzungsfähigeres chinesisches Krisenmanagement als damals. Dieses harte Durchgreifen hat uns vor Schlimmerem bewahrt.

Es gibt aber die Stimmen, die kritisieren, dass China das Virus von Oktober bis Dezember quasi ignorierte …

… das mag sein. Aber die Regierung hat den Provinzchef von Wuhan schon zum Jahresende entlassen, also Konsequenzen aus Fehlverhalten gezogen. Wie gesagt: Ohne dieses beherzte Durchgreifen wäre alles viel schlimmer.

China produziert ja wieder – ist die Krise damit bald beendet?

Die gute Nachricht ist, dass viele Erkrankte schon wieder geheilt und bei der Arbeit sind. Aber die wirtschaftlichen Folgen sind noch lange nicht im Griff.

Wie sieht es für die Metallbranche in Deutschland aus?

Wir sind auf Vorprodukte aus vielen Ländern angewiesen, die wir in Deutschland einbauen. China ist das wichtigste Lieferland, aber auch aus Norditalien kommen viele Zulieferungen. Wenn die Teile fehlen, stehen bei uns die Bänder still. Im Automobilbau sind bereits die ersten Lieferketten abgerissen, dadurch dass viele Schiffe China nicht mehr verlassen können. Zugleich sind wir auf der Absatzschiene blockiert. Ein Großteil deutscher Luxuslimousinen wird nach China verkauft und die Chinesen gehen schon seit Wochen nicht mehr in die Showrooms, um sich die Autos anzuschauen und zu kaufen.

Das sind aber nicht die alleinigen Folgen?

Natürlich nicht. Da werden vorsorglich Messen abgesagt, Reisen, Meetings. Um ein Beispiel zu nennen: Die Internationale Tourismusbörse in Berlin, die jetzt abgesagt wurde, bringt jährlich Geschäftsanbahnungen im Wert von sieben bis acht Milliarden Euro – das fällt jetzt alles weg. Wie überhaupt im Frühjahr die Wirtschaft immer angekurbelt wird.

Wie hoch schätzen Sie den Schaden bezogen auf das Wirtschaftswachstum?

Es wird auf jeden Fall erhebliche Einbußen geben. Da muss man die Quartalszahlen abwarten, wie schlimm es dann wirklich wird; sicherlich nicht so schlimm wie bei der Lehman-Krise 2008/2009, aber auf jeden Fall verlieren wir etwas, was wir nicht mehr einholen können.

Weil die Firmen gerade in der Metallbranche rund um die Uhr arbeiten?

Im Automobilbau beispielsweise werden schon 17, 18, 19 Schichten die Woche gefahren – das bedeutet auch Samstagsarbeit. Die ausgefallene Produktion holen Sie nicht mehr rein.

Wie sieht es bei Prominent aus?

Im Moment gut. Aber unbeeinflusst sind wir auch nicht. Unser jährliches Pacific-Meeting in Bangkok im Februar haben wir zum Beispiel abgesagt. Kunden sagen auch teilweise ab, Produktabnahmen bei uns im Haus werden verschoben. Bei uns tagt täglich ein Krisenstab, der all das beurteilt und dann reagiert. Das sind viele Einzelfallentscheidungen.

Gibt es konkrete Verhaltensregeln für Mitarbeiter?

Da halten wir uns an die Vorgaben aus dem Robert-Koch-Institut.

Am Sonntag tagt der Koalitionsausschuss: Was erwarten Sie von der Bundesregierung?

Wenn die Bänder still stehen, haben wir vorübergehend keine Arbeit. Um kurzfristigen Ausfall zu überstehen, ist Kurzarbeit ein wichtiges Instrument. Kurzarbeit statt Stellenabbau ist umso attraktiver, je unkomplizierter es ist und je weniger an Kosten entstehen. Nach derzeitigen Regelungen trägt der Arbeitgeber immer noch 30 Prozent der Lohnkosten in Form von Sozialversicherungsbeiträgen. Deshalb wäre es klug, das wieder in Kraft zu setzen, was wir bereits aus den Krisenjahren 2009/2010 kennen: den erleichterten Zugang zur Kurzarbeit und die 100-prozentige Erstattung der Sozialversicherungsbeiträge.

Auch die RNZ reagiert auf die Corona-Epidemie und sagte ihre Veranstaltungen ab – darunter das geplante Forum mit Ihnen kommenden Mittwoch im Theater. Was machen Sie mit dem freigewordenen Abend?

Den verbringe ich mit meiner Familie!

Das Interview führte Klaus Welzel, Rhein-Neckar-Zeitung. Erschienen am 7. März 2020.

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