"Die IG Metall hat den Ernst der Lage nicht erkannt"

"Die IG Metall hat den Ernst der Lage nicht erkannt"

"Die IG Metall hat den Ernst der Lage nicht erkannt"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger warnt im Gespräch mit dem Redaktionsbüro Herholz+Buchsteiner vor Warnstreikexzessen in der M+E-Tarifrunde 2016:

Die IG Metall verlangt bis zu fünf Prozent mehr Lohn in der Metall- und Elektro-Industrie - etwas weniger als im vergangenen Jahr. Wie bewerten Sie diese Lohnforderung?

Es ist jetzt nicht die Zeit für Höhenflüge. Die IG Metall hat den Ernst der Lage nicht erkannt. Es werden gegenüber den Beschäftigten völlig falsche Erwartungen geweckt. Seit der Finanzkrise 2008 sind die Löhne in unserer Industrie um 20 Prozent gestiegen, die Produktivität aber nur um zwei Prozent. Das sind 18 Prozent höhere Lohnstückkosten in nur wenigen Jahren - das ist schon eine erschreckende Entwicklung. Unser Standort bröckelt massiv. Die Arbeitskosten spielen für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands die entscheidende Rolle.

Wie groß wäre denn der Verteilungsspielraum für die Metall- und Elektro-Industrie?

Um über Zahlen zu spekulieren, ist es noch viel zu früh. Wir warten jetzt erst einmal ab, welche Lohnforderung Ende des Monats beschlossen wird und beginnen dann mit den Verhandlungen.

Wird es in jedem Fall Reallohnerhöhungen für die Beschäftigten geben?

Ein Tarifvertrag ist immer ein Wechsel auf die Zukunft. Wir können nicht genau sagen, wie sich die Situation entwickelt. Deshalb mahnen wir zu größter Vorsicht und Sorgfalt. Ich würde mir wünschen, dass die IG Metall wieder auf den Boden der Realität findet und erkennt, auf welchem wackligen Fundament Wachstum und Beschäftigung in der Metall- und Elektro-Industrie stehen.

Die IG Metall zeichnet ein deutlich besseres Bild der Lage der Branche als Sie, spricht von guten Erträgen und steigender Produktivität. Warum sollten die Beschäftigten keinen fairen Anteil am Erwirtschafteten erhalten?

Wir erleben in der Metall- und Elektro-Industrie einen Scheinaufschwung. Das Wachstum bleibt mit 0,6 Prozent 2015 minimal. Es ist noch nicht einmal selbst erarbeitet, sondern ist durch externe Faktoren begründet. Ohne günstigen Ölpreis, den Eurokurs und die niedrigen Zinsen hätten wir bereits größte Probleme. Die Entscheidung, ob die externen Faktoren bleiben, liegt nicht bei Herstellern und Kunden, sondern in den Händen der Notenbanken.

Was würde es bedeuten, wenn Sie die Lohnforderung der IG Metall eins zu eins übernehmen würden?

Wir zahlen jährlich etwas mehr als 200 Milliarden Euro an Lohn und Gehalt. Fünf Prozent mehr würden für unsere Industrie zehn Milliarden Euro an zusätzlicher Belastung bedeuten. Das ist nicht verkraftbar.

Was wären die Auswirkungen auf Produktion und Standorte?

Wir hatten 2015 bereits eine Schwächephase. Die M+E-Industrie ist nur um 0,6 Prozentpunkte gewachsen, die Wirtschaft als Ganzes um 1,7 Prozent. Wir sind eigentlich immer die Wachstumslokomotive gewesen. Heute sitzen wir eher im Bremserwagen. Ein zu hoher Abschluss würde zu Stellenabbau und zu einer schleichenden Standortverlagerung aus Deutschland heraus führen. Die Investitionen im Ausland haben sich in den letzten Jahren verfünffacht.

Zuletzt gab es drei Prozent mehr für die Beschäftigten in der Metall- und Elektro-Industrie. Was haben Sie aus der zurückliegenden Tarifrunde gelernt?

Lassen Sie uns nicht über vergossene Milch sprechen. Unter einem Tarifvertrag stehen immer zwei Unterschriften. Für mich ist klar: Der Abschluss muss deutlich günstiger sein.

Die IG Metall will eine neue Streikstrategie anwenden, plant auch Aktionen in nicht-tarifgebundenen Betrieben. Offenbar ist die Streikkasse prall gefüllt. Wird es diesmal eine besonders harte Tarifrunde?

Ich hoffe auf eine schnelle Einigung am Verhandlungstisch. Mit ihren Warnstreikexzessen hat die IG Metall beim letzten Mal ganze Betriebe lahmgelegt. Das darf sich nicht wiederholen. Wenn die neue Strategie der IG Metall zu noch mehr Streiks führt, wäre das eine Katastrophe. Die Erhöhung der Tarifbindung ist ein hehres Ziel. Aber mit der Brechstange geht es nicht.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat ihre Pläne für Zeitarbeit und Werkverträge entschärft. Hat die Wirtschaft jetzt ihren Frieden mit dem geplanten Gesetz gemacht?

Wir prüfen gerade den Gesetzentwurf. Die Regelungen sind extrem komplex. Das Thema bleibt für uns enorm wichtig. Der Teufel steckt im Detail. Es geht darum, Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die Zeitarbeit ist ein wesentliches Instrument, um Geringqualifizierte, An- und Ungelernte schnell in Arbeit zu bringen. Bei einer Million Flüchtlingen im Land sollten wir keine neuen Beschränkungen einführen.

Das Gespräch führte Rasmus Buchsteiner, Redaktionsbüro Herholz+Buchsteiner. Erschienen am 23. Februar 2016 in verschiedenen Regionalzeitungen.