"Die IG Metall muss einen Schritt auf uns zugehen"

"Die IG Metall muss einen Schritt auf uns zugehen"

"Die IG Metall muss einen Schritt auf uns zugehen"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Gespräch mit der Heilbronner Stimme zur Tarifrunde 2016 und den Themen Rente und Integration:

Herr Dulger, die Koalition will ein umfassendes Integrationsgesetz beschließen. Finden Sie diesen Schritt genauso historisch wie Frau Merkel und Herr Gabriel?

Die historische Bedeutung einer Entscheidung sollten wir am Erfolg messen, nicht an der Entscheidung. Mit der Zuwanderung der vergangenen Monate haben wir bestenfalls die Fachkräfte von übermorgen ins Land gelassen. Wir brauchen nach wie vor gezielte Zuwanderung, allein 80.000 Fachkräfte in den Ingenieursberufen.

Kern ist ein Programm mit 100.000 staatlich geförderten Arbeitsgelegenheiten. Beteiligen Sie sich daran?

Die Industrie engagiert sich heute schon. Unsere Branche bietet Berufsvorbereitung, Sprachförderung, Kompetenzfeststellung, Praktika oder auch sogenannte Lotsendienste an. Heißt: Wir erklären erst mal vielen Flüchtlingen, wie unser Berufsbildungssystem funktioniert und dass man eine zwei bis dreijährige, fundierte Ausbildung durchlaufen muss, um qualifiziert arbeiten zu können. Ich halte nichts davon, diese Menschen nur als Hilfsarbeiter oder in Mindestlohnjobs einzusetzen.

Sind unter den Flüchtlingen im Land jetzt schon potenzielle Facharbeiter?

Ja, aber nur sehr wenige. Die aktuellsten Zahlen zeigen, dass von den neuen Flüchtlingen nur acht Prozent einen akademischen Abschluss haben und nur zehn Prozent einen schulischen oder betrieblichen Abschluss. Das sind deutlich weniger Qualifizierte, als wir erwartet hatten. Der Umkehrschluss lautet ja: 82 Prozent der Flüchtlinge kommen für den qualifizierten Arbeitsmarkt derzeit nicht in Frage. Von diesen sind auch noch mal bis zu einem Viertel Analphabeten.

Die mit Abstand meisten Flüchtlinge wandern also bis auf Weiteres in die Sozialsysteme ein.

Auf jeden Fall ist das zu befürchten. Es wird eine große Herausforderung, diesen Menschen klarzumachen, dass eine Ausbildung besser ist als ein Hilfsarbeiterjob. Wir brauchen Fachkräfte, gerade mit Blick auf die demografische Entwicklung.

Die OECD hat Deutschland ins Stammbuch geschrieben, die Lebensarbeitszeit anzuheben. Wie lautet da Ihr Vorschlag an die Politik?

Meine Grundkritik an der derzeitigen Politik lautet: Wir befinden uns in einem Scheinaufschwung. Uns haben der niedrige Euro, Niedrigzins und billiges Öl im weltweiten Wettbewerb beflügelt, aber mit diesem Wettbewerbsvorteil liegen wir in den Händen der Notenbanken und Spekulanten. Wer weiß, wie lange das noch gut geht. Das zeigt sich jetzt schon. In vielen Betrieben der Metall- und Elektro-Industrie, bei Maschinenherstellern, Stahlwerken, auch bei den Zulieferern der Kraftwerksbauer, läuft es nicht gut. Viele Betriebe sind auf Kurzarbeit angewiesen.

Was sollte die Koalition also machen?

Die Regierung hat ein massives Ausgabenproblem. Bund, Länder und Kommunen nehmen 670 Milliarden Euro an Steuern ein, knapp 200 Milliarden mehr als vor zehn Jahren. Aber wir schaffen es so gerade mal, die Neuverschuldung zu vermeiden. Die Rentengeschenke an die ohnehin schon bestversorgte Rentnergeneration seit Kriegsende waren das völlig falsche Signal. Die Rentenversicherung ist so nicht zukunftsfähig.

Ist die Rente mit 67 nur ein Zwischenschritt?

Wir sollten die Rente mit 67 erst einmal nachhaltig umsetzen. Danach müssen wir noch einmal über das Renteneintrittsalter sprechen. Rein mathematisch ist die Rente mit 67 nur ein Zwischenschritt.

Wünschen Sie sich angesichts dieser Herausforderungen einen Kanzler Schröder zurück?

Gerhard Schröder war einer der mutigsten Politiker der vergangenen Jahrzehnte. Seine Reformen haben dem Land sehr geholfen und ihn selbst die politische Karriere gekostet. Viele in Europa bewundern Deutschland für Schröders Agenda 2010. Wenn ich heute meinen europäischen Kollegen erkläre, dass von der Agenda 2010 kaum etwas übrig geblieben ist, sind alle erstaunt.

Haben Sie besagten Scheinaufschwung vor Augen, wenn Sie mit der IG Metall die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektro-Industrie in Baden-Württemberg und Bayern führen?

Die Stimmung bei den Arbeitgebern ist viel gereizter als bei früheren Verhandlungen. Das liegt an den höchst unterschiedlichen Situationen in unseren Betrieben. Wie ich schon sagte: Bei manchen läuft es gar nicht, bei manchen gerade so, bei wenigen läuft es gut. Wir müssen bei den Verhandlungen im Blick behalten, dass der letzte Tarifabschluss mit 3,4 Prozent viel zu hoch war. Wir Arbeitgeberverbände mussten uns da Einiges an Kritik anhören. Die Botschaft lautet jetzt: Das können wir uns nicht noch einmal leisten.

Was erwarten Sie von der IG Metall?

Wir wollen zu einer raschen Einigung kommen. Die Arbeitgeber haben bereits in der zweiten Runde ein Angebot vorgelegt. Das ist ein Zeichen, das wir ganz bewusst senden wollten. Wir glauben, dass jetzt die IG Metall in der nächsten Verhandlungsrunde einen Schritt auf uns zugehen muss. Ein stures Festhalten an ihrer abgehobenen Tarifforderung wäre eine Belastung für die Tarifrunde. Die IG Metall muss ihren Höhenflug beenden. Wir brauchen eine Korrektur der unrealistischen 5-Prozent-Forderung nach unten.

Die Gewerkschaft hat geradezu entsetzt auf Ihr Angebot reagiert, die Löhne um 0,9 Prozent anzuheben und eine Einmalzahlung von 0,3 Prozent zu leisten. Nun drohen Warnstreiks. Das können Sie auch nicht wollen.

Die IG Metall hat ein neues Streikkonzept, bei dem ganz gezielt einzelne Betriebe herausgepickt werden. Wenn das Instrument angewandt wird und zu noch mehr Streiks führt, ist das eine Katastrophe für die Unternehmen. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre enorm. Wir hatten schon in der vergangenen Tarifrunde Warnstreikexzesse, die nicht in Ordnung waren. Ich hoffe, die IG Metall bleibt besonnen.

Denkbar, dass man sich bei der nächsten Runde am 28. April schon einigt?

Ich will den Verhandlungen nicht vorgreifen. Ich sage aber klar, dass unser Angebot schon großzügig ist. Es geht eben nicht nur um die hochprofitablen Unternehmen, sondern um alle 3,8 Millionen Arbeitnehmer, für die der Abschluss gelten wird.

Das Gespräch führte Karsten Kammholz, Heilbronner Stimme. Erschienen am 19. April 2016.