"Die Verteilungsspielräume sind momentan einfach nicht da."

"Die Verteilungsspielräume sind momentan einfach nicht da."

"Die Verteilungsspielräume sind momentan einfach nicht da."

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit dem Mannheimer Morgen zur Lage der Metall- und Elektro-Industrie vor der anstehenden Tarifrunde 2021, der Corona-Krise und dem Lieferkettengesetz

Herr Dulger, Sie wollen Arbeitgeberpräsident werden. Was wird Sie künftig in diesem mächtigen Amt auszeichnen?

Ich engagiere mich seit 20 Jahren ehrenamtlich in den Arbeitgeberverbänden – und habe viel Erfahrung gesammelt. Angefangen hat das übrigens in Mannheim, bei der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rhein-Neckar. Und ich bringe meine Fähigkeiten und meine Sicht als Unternehmer mit. Wir sind bei ProMinent sehr international aufgestellt. Ich bin die vergangenen 25 Jahre durch die Welt geflogen, war mit Chinesen, Amerikanern, Russen und Europäern im Geschäft. Da kriegen Sie einen anderen Blick dafür, was wir in Deutschland richtig machen – und was vielleicht nicht. Diese Perspektive kann in Berlin hilfreich sein. Und man muss authentisch bleiben – das werde ich.

Was reizt Sie an der Aufgabe?

Nur daheim im Fernsehsessel zu sitzen und zu wissen, wie die Dinge besser gehen, reicht mir nicht. Lieber stehe ich auf und bringe mich aktiv in die Diskussion ein. Zudem finde ich es extrem wichtig, dass Politik und Wirtschaft miteinander reden und sich zuhören. Das ist für beide Seiten nicht immer leicht, weil ihnen die andere Welt relativ fremd ist. Aber wir müssen verhindern, dass aus Unverständnis Frust oder gar Wut wird.

Wie bereiten Sie sich vor?

Ich bin seit acht Jahren Vizepräsident des BDA, vieles ist mir vertraut. In den vergangenen Wochen habe ich die Kernmannschaft noch besser kennengelernt. Das Team hat mich zum Beispiel hier bei ProMinent besucht und einen Eindruck bekommen, wer ich bin und wie ich in unserem Unternehmen lebe. Das ist wichtig: Verbandsarbeit ist Teamplay. Außerdem habe ich viele Treffen mit BDA-Geschäftsführer Steffen Kampeter, bei denen es auch um Standpunkte geht. Sie verstehen aber sicher, dass ich vor der Wahl nicht über Inhalte spreche.

Im Moment sind Sie ja noch Präsident von Gesamtmetall. Wie geht es der Branche?

Die Metall- und Elektro-Industrie war schon 2019 in der Rezession und muss dazu einen Strukturwandel bewältigen – also die Digitalisierung und die Umstellung von fossilen zu alternativen Energien. Corona kam da obendrauf. In Baden-Württemberg hatten wir von Januar bis August ein Produktionsminus von 18 Prozent. Inzwischen ist der Großteil der Unternehmen aber auf dem Weg der Besserung, gerade im Automobilbereich. Einige Hersteller sind fast wieder auf Normalniveau. Aber das ist nicht repräsentativ für die ganze Branche. Die Erholung geht wesentlich langsamer als vermutet – und sicher nicht so schnell wie nach der Finanzkrise.

Wie lange kann die Kurzarbeit noch größere Entlassungen verhindern?

Bis jetzt ist die Beschäftigung in der Krise nur um zwei bis drei Prozent zurückgegangen. Dabei hatten die meisten Unternehmen im Schnitt Umsatzrückgänge von durchschnittlich 20 Prozent. Das zeigt den eisernen Willen der Firmen, die Mitarbeiter und die Qualifikation im Betrieb zu halten. In Baden-Württemberg waren zuletzt noch 200.000 bis 215.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit, das sind über 20 Prozent aller Beschäftigten in der Metall- und Elektrobranche. Trotzdem wird es Entlassungen geben, was anderes zu behaupten, wäre Augenwischerei.

Tut die Bundesregierung genug, um den Firmen durch die Krise zu helfen?

Ja. Die Bundesregierung hat wirklich vieles richtig gemacht. Sie hat angemessen und schnell reagiert. Es kamen riesige Hilfspakete und Schutzmaßnahmen. Dass man nicht alles perfekt machen kann und es immer mal wieder Nachbesserungsbedarf gibt, liegt in der Natur der Sache. Ich habe viele Kontakte zu Menschen in Europa und aus Übersee: Die bewundern alle, was die deutsche Regierung und das Parlament in der Krise getan haben. Und sie beneiden uns alle um unser Gesundheitssystem.

Wo gibt es noch Nachbesserungsbedarf?

Ich vermisse kaum etwas. Es gibt ja zusätzlich Hilfsprogramme der Bundesländer, die auf die Wirtschaft ihrer Region zugeschnitten sind. Ein persönlicher Eindruck von mir ist, dass Hotels und Restaurants zuletzt bei der Entstehung von Corona-Hotspots eher weniger beteiligt waren – im Gegensatz zu großen Familienfeiern oder Massenveranstaltungen, wo der Lockdown sicher gerechtfertigt ist. Vielleicht hätte man da noch besser differenzieren können. Aber das werfe ich der Bundesregierung nicht als Fehler vor.

So viel Lob aus der Wirtschaft hört man in Berlin selten...

Ganz wichtig ist, dass jetzt keine zusätzlichen Belastungen für die Unternehmen kommen, zum Beispiel bei den Lohnnebenkosten. Die Betriebe brauchen im Strukturwandel unwahrscheinlich viel Geld, um technologisch den Fuß in der Tür zu behalten. Und das angestammte Geschäft läuft ja derzeit auch schlechter. Wir müssten die Lohnnebenkosten bei 40 Prozent einfrieren – mit einem Gesetz, nicht nur mit einer Absichtserklärung, weil der Staat natürlich durch Corona-Zuschüsse und Förderprogramme immensen Kostendruck hat.

Woher soll das Geld dafür stattdessen kommen?

Klar, es muss von den Bürgern und Unternehmen kommen, woher auch sonst. Aber wir müssen Wege finden, damit es für alle erträglich ist. Das geht nur mit einer Wirtschaft, die wächst. Dass in einer akuten Krise die Staatsverschuldung steigt, finde ich auf der anderen Seite aber akzeptabel.

Zusätzliche Belastungen fürchten die Unternehmen auch durch andere politische Vorhaben – zum Beispiel das Lieferkettengesetz, mit dem Menschenrechte geachtet und Umweltzerstörung vermieden werden sollen...

Die Eckpunkte für das Gesetz sind bisher vollkommen weltfremd und nicht ansatzweise umsetzbar. So wie die Texte formuliert sind, haftet der Auftraggeber persönlich für die ganze Wertschöpfungskette – auch dann, wenn er bei der Bestellung auf entsprechende Zertifizierungen bestanden hat. Das kann ja wohl nicht sein! Unklar ist auch, ob bei internationalen Lieferketten deutsches Recht oder das des jeweiligen Landes gelten soll. Wie kann ein Unternehmer in Deutschland dafür haften, dass in einer Textilfabrik in Bangladesch das deutsche Umwelt- und Arbeitsrecht eingehalten wird? Ich kann doch nicht über Betrieben etwas ausschütten, was weder UNO noch die Internationale Arbeitsorganisation in den vergangenen Jahren hinbekommen haben.

Wie stehen Sie zum Recht auf Homeoffice, das die SPD einführen will?

Corona hat dem Arbeiten von zuhause aus einen riesigen Schub gegeben. Wir befinden uns quasi in einem Mega-Feldversuch. Dafür braucht es kein neues Gesetz. Die Debatte hat sich versachlicht: Wer Angst hatte, dass im Homeoffice zu wenig gearbeitet wird, ist eines Besseren belehrt. Ohnehin ist Homeoffice kein Paradies für alle Beschäftigten. Ich erlebe Mitarbeiter, die sich freuen, endlich mal wieder ins Büro zu dürfen. Viele haben schon ein Gleichgewicht entwickelt: Sie sind abwechselnd mal im Büro, mal zuhause. Wie es passt. Sie sehen, da kann man vieles selbst regeln.

Wie klappt Homeoffice denn bei Ihnen?

Ich muss gestehen, dass ich lieber im Büro bin. Auf der anderen Seite habe ich natürlich schon immer mobil gearbeitet, wenn ich für den Verband oder ProMinent unterwegs war. Das ist für mich nichts Ungewöhnliches.

Kommen wir zur anstehenden Tarifrunde. Die IG Metall hat deutlich gemacht, dass sie sich auf keine weitere Nullrunde einlässt. Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Wir haben im März wegen der Pandemie das Verhandlungspaket eingefroren. Nun zeichnet sich ab, dass die wirtschaftliche Aufholphase sehr viel länger dauert als befürchtet. Fast jedes Unternehmen hat weniger Umsätze und – wenn überhaupt – Gewinne erzielt. Die Verteilungsspielräume sind momentan einfach nicht da. Das ist die Überschrift, unter der die Tarifrunde stattfindet. Wir diskutieren schon intensiv mit den Gewerkschaften.

Viele Beschäftigte haben bereits Einbußen hingenommen, weil sie länger in Kurzarbeit waren...

Ja, aber sie haben ihren Arbeitsplatz behalten und ihr Unternehmen ist noch da. Das ist die wichtigste Botschaft. Es gehört zu dieser Krise, dass wir alle die Gürtel enger schnallen mussten und müssen.

Die IG Metall hat eine Vier-Tage-Woche mit Teillohnausgleich ins Spiel gebracht, wenn Unternehmen nicht komplett ausgelastet sind. Sind Sie verhandlungsbereit?

Es gibt ein eisernes Grundprinzip, von dem wir nicht abweichen: Wer mehr arbeitet, sollte mehr verdienen, wer weniger arbeitet, sollte weniger verdienen. Das ist gegenüber Arbeitnehmern aus anderen Branchen nur gerecht. Für weniger Arbeit kann es nicht mehr Geld geben. Übrigens ist die Vier-Tage-Woche in der Industrie schon üblich, gerade wenn die Auftragslage schwächer wird. Dann müssen sich aber auch die Kosten reduzieren, sonst funktioniert das Modell nicht. Außerdem, vielleicht noch eine Zahl am Rande: In der Metall- und Elektro-Industrie Baden-Württemberg verdienen die Mitarbeiter im Schnitt 65.000 Euro pro Jahr. Im Schnitt! Viele liegen sogar darüber. Deshalb glaube ich nicht, dass sofort ein Lohnausgleich her muss, wenn ein Unternehmen mal einige Zeit weniger Aufträge hat.

Ihr designierter Nachfolger bei Gesamtmetall, Stefan Wolf, hat sich erst vor Kurzem für Mehrarbeit ohne Lohnausgleich ausgesprochen. Wie passt das zu dem eisernen Grundprinzip, das Sie eben erwähnt haben?

Stefan Wolf hat als Vorsitzender von Südwestmetall die Erwartungen einiger Unternehmen aus seinem Tarifgebiet ausgesprochen und in die Debatte eingebracht. Die Diskussion in den Gremien von Gesamtmetall läuft aber noch, es gibt keine Beschlüsse.

Herr Wolf hat auch klassische Errungenschaften wie Zuschläge und Weihnachtsgeld in Frage gestellt. Das dürfte ziemlich auf die Motivation der Beschäftigten schlagen, oder?

Stefan Wolf hat wie gesagt die Meinung einiger Unternehmen aus seinem Tarifgebiet wiedergegeben. Wenn die so ist, dann ist sie so.

Wie oft werden Sie als Arbeitgeberpräsident noch in Heidelberg bei ProMinent sein?

Oft! Ich möchte und ich werde Unternehmer bleiben. Schon alleine, um an der BDA-Spitze authentisch zu sein. Zudem ist mein Bruder Vorsitzender der ProMinent-Geschäftsführung. Ohne ihn würde das alles nicht funktionieren. Voraussichtlich werde ich zwei, drei Tage in Berlin sein. Und den Rest der Woche bei meinem Unternehmen in Heidelberg.

Das Interview führte Alexander Jungert, Mannheimer Morgen. Erschienen am 7. November 2020.