"Die Wirtschaft tut, was sie kann"

"Die Wirtschaft tut, was sie kann"

"Die Wirtschaft tut, was sie kann"

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander

Foto: Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander fordert im Handelsblatt-Interview mehr Realismus in der Integrationsdebatte und eine aktivere Politik:

Herr Zander, nach der Anfangseuphorie im Jahr 2015 macht sich in der deutschen Wirtschaft Skepsis breit, ob die Integration der Flüchtlinge gelingt. Warum jetzt diese Ernüchterung?

Es war damals nicht klar, wer alles ins Land kommt. Jetzt ist mehr Realismus eingekehrt: Es kamen weit weniger Hochqualifizierte als gedacht, sondern vor allem niedrig Qualifizierte. Nur etwa jeder Fünfte hat einen akademischen Abschluss oder eine Ausbildung absolviert, unter den Übrigen sind Analphabeten und auch viele mit beruflichen Fertigkeiten, aber ohne formalen Abschluss. Die Ausganglage ist also denkbar schlecht, wie wir erst im Laufe des Jahres 2016 gelernt haben.

Also kein neues deutsches Wirtschaftswunder, wie Daimler-Chef Zetsche es versprochen hat?

Herr Zetsche soll ungerechterweise als Garant fürs Gelingen aller Integrationsbemühungen herhalten, nur weil er damals deutlich gemacht hat: Wir brauchen Menschen, die mutig etwas Neues aufbauen wollen. Und damit hat er weiterhin recht. Selbst die größten Optimisten und die engagiertesten Helfer haben im Übrigen niemals behauptet, dass die Integration schnell gehen wird. Die Probleme sind größer, die Qualifikationen schlechter als gedacht. Die Zahl der Flüchtlinge wurde und wird bei der Frage der Integrationschancen völlig unterbewertet.

Könnte die Wirtschaft mehr tun?

Die Wirtschaft tut, was sie kann. Im Zuge der Agenda 2010 wurden in den vergangenen zwölf Jahren gut 2,7 Millionen Menschen in Deutschland wieder in Arbeit gebracht. Das ist ein Riesenerfolg. Wie soll nun innerhalb eines Jahres eine weitere halbe Million Menschen mit niedriger Qualifikation vom Arbeitsmarkt aufgesogen werden? Man kann keine Wunder erwarten. Und Firmen sind nicht dazu da, Sprachkenntnisse zu vermitteln oder Bildungsdefizite auszugleichen. Die Verantwortung liegt zuvorderst bei der Politik.

Was kann die Politik tun?

Wir müssen sehr genau trennen zwischen denen, die Anspruch darauf haben, geschützt zu werden, und denen, die keinen Anspruch haben. Und wir sollten deutlich machen: Es lohnt, sich anzustrengen. Wer die Sprache lernt und den Willen zum Qualifikationserwerb zeigt, sollte bessergestellt werden als jene, die es nicht tun. Auch Flüchtlinge sind nicht alle gleich: Mancher ist engagiert, manchen muss man aktivieren.

Viele Arbeitgeber klagen nach wie vor über die Asylbürokratie. Zu Recht?

Ein Problem ist, dass alles so kleinteilig ist. Von der Unterbringung über die Sprache bis hin zum Aufenthaltsstatus. Es wurde schon vieles verbessert, aber die große Zahl an Menschen erschwert das.

Das Interview führte Corinna Nohn, Handelsblatt. Erschienen am 2. März 2017.

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