"Diesen Trend müssen wir unbedingt stoppen"

"Diesen Trend müssen wir unbedingt stoppen"

"Diesen Trend müssen wir unbedingt stoppen"

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander im Gespräch mit dem Weser-Kurier zu Werkverträgen und Zeitarbeit, Industrie 4.0 sowie der anstehenden Tarifrunde in der M+E-Industrie:

Herr Zander, der Automobilbau brummt, in der Offshore-Windenergie hat sich der Investitionsstau aufgelöst, die Luft- und Raumfahrtindustrie boomt. Warum stöhnt die Metall- und Elektro-Industrie dennoch?

Die Situation in den einzelnen Teilbranchen ist sehr unterschiedlich. Im Automobilbau und in der Elektroindustrie verzeichnen wir etwa eine erfreuliche Entwicklung. Aber im Maschinenbau zum Beispiel haben wir nicht das erhoffte Wachstum erreicht. Und in der Metallverarbeitung sieht es auch nicht besser aus.

Warum sind die Aussichten im Norden verhaltener als im Süden?

Das hängt mit der Branchenstruktur der M+E-Industrie in Norddeutschland zusammen. Der Norden ist nur ein Tick schwächer als der Süden, aber er hat die schwierige Situation der Werften zu verkraften. Insgesamt ist das Wachstum der deutschen Metall- und Elektro-Industrie zu schwach. Es betrug es im vergangenen Jahr allenfalls 0,5 bis 0,8 Prozent.

Woran liegt das?

Nirgendwo auf der Welt sind für 2016 größere Wachstumsimpulse zu sehen. Die Schwellenländer schwächeln, China hat sichtbar Schwierigkeiten, die Amerikaner bekommen erste Probleme durch den Verfall des Ölpreises. Dort wird weniger in die Ausrüstung etwa für das Fracking investiert, das trifft unseren Maschinenbau. Auch das Werftengeschäft bleibt schwierig.

Sind Jobs in Gefahr?

Wir gehen für das Jahr 2016 von einer stabilen Beschäftigungssituation aus. Die Unternehmen der Branche haben seit der Krise 2008/09 rund 380.000 Stammarbeitsplätze geschaffen. 230.000 waren durch die Krise verloren gegangen, die sind wieder aufgebaut worden. Und 150.000 Arbeitsplätze sind seitdem zusätzlich geschaffen worden. Wir werden keinen Beschäftigungseinbruch bekommen, aber ich sehe auch keinen weiteren Ausbau.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, dass die Arbeitgeber angesichts der Konjunkturrisiken in den Tarifverhandlungen zur Zurückhaltung mahnen werden.

Das ist richtig. Wir sehen keinen Spielraum für größere Sprünge. Die Möglichkeiten sind angesichts der Lohnentwicklung der vergangenen Jahre sehr begrenzt. Seit 2012 sind die Gehälter in der Metall- und Elektro-Industrie um 14 Prozent gestiegen, bei einer gleichzeitigen Produktivitätssteigerung von lediglich 1,2 Prozent. Diesen Trend müssen wir unbedingt stoppen.

Das heißt, Gesamtmetall will beim Abschluss unter den 3,4 Prozent von 2015 bleiben.

Der Tarifabschluss 2015 ist kritisiert worden, weil er zu teuer, mit einer zu kurzen Laufzeit versehen und ohne Differenzierungsmöglichkeiten war. An diesen Stellschrauben müssen wir drehen. Aber um Zahlen zu nennen, ist es noch zu früh.

2015 kam es zu massiven Warnstreiks. Erwarten Sie erneut zähe Verhandlungen?

Die IG Metall wird Ende Februar die Höhe ihrer Forderungen bekannt geben. Die Friedenspflicht endet am 28. April. Im Zeithorizont gegen Ende der Friedenspflicht muss man mit längeren Nachtsitzungen rechnen.

Enorm wichtig ist für die Branche das geplante Gesetz von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles zu Zeitarbeit und Werkverträgen. Gesamtmetall kritisiert die Pläne vehement. Aber was ist so schlimm daran, wenn es für diese Bereiche künftig konkrete Vorgaben gibt?

Dieser Gesetzentwurf entspricht nicht den Vorgaben aus dem Koalitionsvertrag und ist so für uns nicht akzeptabel. Bei der Zeitarbeit sollen die Überlassungszeiten radikal verkürzt werden. Eine Ausweitung oberhalb von 18 Monaten soll nur noch für tarifgebundene Unternehmen möglich sein. Das ist ein Dollpunkt, weil gerade die Metall- und Elektro-Industrie für fachlich höherwertige Tätigkeiten längere Überlassungszeiten braucht. Da kann man mit 18 Monaten nichts erreichen! Zweitens soll ein Equal Pay nach neun Monaten vorgeschrieben werden, ohne dass Abweichungen möglich sind. Dabei haben wir in unserer Branche jetzt schon Zuschlagstarifverträge. Diese Zuschlagstarife führen das Entgelt bis zum neunten Monat auf bis zu 90 Prozent an das der Stammarbeitnehmer heran. Durch Equal Pay droht ein enormer Bürokratismus, weil jeder einzelne Fall geprüft werden müsste.

Die IG Metall wirft Arbeitgebern vor, durch den Missbrauch von Werkverträgen die Löhne und Tarifstandards zu umgehen.

Der Arbeitnehmer ist auch bei Werkverträgen durch die arbeits- und sozialrechtlichen Regelungen geschützt. Zum Beispiel gilt auch in diesem Fall der Mindestlohn. Ist es denn ein Missbrauch, wenn ein Unternehmen einer Hochlohnbranche eine Arbeit an ein anderes Unternehmen vergibt, auch wenn dort ein anderer von Gewerkschaften ausgehandelter Tariflohn gezahlt wird? Die Gewerkschaft tut so, als wenn das Missbrauch wäre – es ist aber keiner. Sie holen doch auch den günstigen Klempner – und nicht den teuersten.

Kürzlich hat der neue IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann die Leitung des Bremer Daimler-Werkes in unserer Zeitung heftig kritisiert. Es kaufe Logistik-Leistungen bei einer Firma ein, die mit ihrem Tarif weit unter dem der Metaller liege. Warum schießt sich Hofmann auf Daimler ein?

Da spielt sicherlich die Größe und der Bekanntheitsgrad des Unternehmens eine Rolle. Dieser Vorstoß hat aber auch einen organisationspolitischen Hintergrund. Die IG Metall versucht, durch solche Kampagnen neue Mitglieder zu gewinnen. Und die Kontraktlogistik ist momentan eines ihrer Lieblingsthemen.

Sehen Sie eine Lösung im Konflikt um Zeitarbeit und Werkverträge?

Wenn das geplante Gesetz den Koalitionsvertrag erfüllt und die Branchentarifverträge so bleiben können, wie sie sind, dann werden wir uns einer gesetzlichen Regelung nicht verschließen. Aber im Moment ist das noch nicht der Fall. Und deshalb sagen wir: So nicht!

Blicken wir in die Zukunft. Vor wenigen Tagen hat Airbus im Vareler Werk damit begonnen, Rohre mit 3-D-Druckern herzustellen. Wie wichtig ist Industrie 4.0?

Industrie 4.0 ist nicht nur ein Trend, das ist ein Technologiesprung. Diese Technologie brauchen wir, damit die Unternehmen Produktivitätszuwächse im internationalen Wettbewerb erzielen können. Diese Entwicklung ist für unsere gesamte Branche sehr wichtig.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wurde aber davor gewarnt, dass diese neue Technologie Millionen an Arbeitsplätzen kosten könnte.

Wenn die Chance besteht, in Zukunft 30 Prozent produktiver zu sein, dann ist das eine Riesensache. Wir haben in Deutschland eine gute Ausgangsposition, wir sind zum Beispiel bei der industriellen Software führend. Auch Unternehmen im Norden bieten eine Menge an High Tech, schauen Sie sich Lürssen, Daimler, Airbus, Astrium oder die Windrad-Hersteller an, um nur ein paar zu nennen. Die Belegschaften sollten wissen: Durch diese moderne Technologie werden die Zukunftschancen der Unternehmen und die Arbeitsplätze gesichert. Die oft herbei geredete menschenleere Fabrik ist eine Illusion.

Das Interview führte Norbert Holst, Weser-Kurier. Erschienen am 30. Januar 2016.