"Eigentliche Ursachen werden eben nicht in den Angriff genommen"

"Eigentliche Ursachen werden eben nicht in den Angriff genommen"

"Eigentliche Ursachen werden eben nicht in den Angriff genommen"

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander

Foto: Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander im NDR Info-Radiointerview zum Thema Entgeltgleichheit (Equal Pay):

Herr Zander, Sie sagen, dass heute schon Equal Pay Day ist. Wie kommen Sie darauf?

Wir haben einen Abstand von aktuell zwei Prozent, wenn man das Berufswahlverhalten und die Erwerbspausen infolge von Familie rausrechnet. Denn die 21 oder 22 Prozent, die Sie angeführt haben, ergeben sich, wenn man alle Männer und Frauen zusammenzieht in ihrem Gehalt und gegeneinanderstellt. Aber die Ursachen werden dann ausgeblendet. Insofern sind es nur zwei Prozent und dann ist heute am 7. Januar Equal Pay Day.

…wenn man die Ursachen also nicht ausblendet, d. h. wenn man einbezieht, dass Frauen immer noch Berufe wählen, die niedriger bezahlt sind…

Vollkommen richtig! Wir haben leider nur 20 Prozent Frauen in der Metall- und Elektro-Industrie. In unserer Industrie wird sehr gut gezahlt. Im Durchschnitt 54.000 Euro pro Jahr und da Frauen nicht im gleichen Umfang wie Männer diese Berufe wählen, verdienen sie im Durchschnitt weniger. Das ist aber keine Diskriminierung, das hängt wie gesagt vom Berufswahlverhalten der Frauen ab.

Es gibt aber auch bei den Metallarbeitgebern Betriebe, die weniger für Frauen zahlen?

Nein, das gibt es nicht. Denn erstens ist es per Gesetz verboten und zweitens sagt der Tarifvertrag, dass es keine Unterschiede gibt. Wir haben Gehaltsgruppen, die nach abstrakten Kriterien eine Eingruppierung vorsehen. Und das dritte ist: Die Betriebsräte kontrollieren die Eingruppierung und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Betriebsräte nicht auch darauf achten, dass keine Diskriminierung vorkommt.

Aber Familienministerin Scheswig sieht das anders. Sie will jetzt unbedingt dieses Entgeltgleichheitsgesetz einrichten. Sie sagt, es gäbe auch innerhalb eines Betriebes Unterschiede in der Bezahlung. Und deswegen möchte sie mit diesem Gesetz erreichen, dass Betriebe ihre Gehaltsstruktur offenlegen und dass Frauen klagen können, wenn eine Ungerechtigkeit vorliegt.

Also wenn wir Konsens darüber haben, dass es wirklich nur zwei Prozent Unterschied sind, sind die vorgesehenen Berichts- und Auskunftspflichten, die das Gesetz vorsehen, auch für eine bestimmte Gruppe von Betrieben nicht die Lösung. Die größten Erfolge wird man erzielen können, wenn man das Berufswahlverhalten ändert. Die zwei Prozent werden durch das Gesetz von Frau Schwesig im Zweifel auch nicht verändert, denn wir haben Erfahrung aus Österreich und Schweden, wo das auch nichts genützt hat. Das Gesetz wird Bürokratie schaffen. Man wird sagen, man hätte etwas zum Abbau der Entgeltlücke getan. Aber die eigentlichen Ursachen, nämlich das Berufswahlverhalten und auch die längeren Familienpausen, werden eben nicht in den Angriff genommen. Im Gegenteil, es findet jetzt ein Gesetz statt und in erst vier, sechs oder acht Jahren wird die Politik sich des Themas wieder zuwenden. Und ich wage die Prognose, dass wir auch in vier, sechs oder acht Jahren keine anderen Zahlen haben. Sodass wir am 7. Januar Equal Pay Day feiern und Frau Schwesig und ihre Leute dann den 18. März wählen müssen.

Gerade in den Metallberufen gibt es relativ wenige Frauen. Wie können Sie das ändern? Wollen Sie das überhaupt ändern?

Wir wollen das ändern. Wir haben leider bei den gewerblichen Auszubildenden nur acht Prozent Frauen - das ist zu wenig. Wir schätzen, dass wir da etwa 25 Prozent erreichen können und bei den Ingenieurinnen glauben wir sogar auf 30 Prozent kommen zu können. Es gibt leider im Moment noch zu wenig Frauen, die die technischen Berufe ergreifen und wie gesagt, die Verdienstmöglichkeiten sind wesentlich besser. Wir haben auch im Vergleich zu anderen Branchen, relativ geringere Arbeitszeiten und wir werben seit bestimmt zehn bis 15 Jahren ganz stark um Frauen. Aber die Berufswahlentscheidung ist eine individuelle Angelegenheit und die hängt von vielen Faktoren ab und wenn eine junge Frau mit 17 oder 18 Jahren sagt, das kann ich mir nicht so richtig vorstellen und sich für ein Studienfach entscheidet oder einen Beruf, der nichts mit Metall- und Elektro-Industrie zu tun hat - dann ist der Zug leider abgefahren und das ist sehr schade. Wir raten jungen Frauen dringend, sich auch die Ingenieurberufe anzugucken. Die Facharbeiterberufe - da sind riesen Chancen und dann wird sich die Entgeltlücke auch rapide verringern.

Das Interview führte Regina Methler, NDR Info. Erschienen am 8. Januar 2017.

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