"Es geht letztlich um die Frage, ob wir die Grundlagen unseres wirtschaftlichen Erfolgs in Deutschland erhalten wollen"

"Es geht letztlich um die Frage, ob wir die Grundlagen unseres wirtschaftlichen Erfolgs in Deutschland erhalten wollen"

"Es geht letztlich um die Frage, ob wir die Grundlagen unseres wirtschaftlichen Erfolgs in Deutschland erhalten wollen"

Herr Dulger, die Bundessozialministerin und große Teile der Berliner Politik wollen, dass Vermögende mehr zum Gemeinwesen beitragen. Als Mitinhaber eines großen Familienunternehmens sind Sie vermögend. Was also können Sie tun?

Ich finde, wir nehmen schon eine enorme Verantwortung wahr. Unser Unternehmen hat allein am Standort Heidelberg rund 600 Mitarbeiter, denen wir eine gute Erwerbsgrundlage bieten, für sich und ihre Familien – ähnlich wie ganz viele mittelständische Unternehmen. Das ist keine Kleinigkeit. Ich würde mir wünschen, dass das öfter mal zur Kenntnis genommen wird.

Nach Ansicht des EU-Sozialkommissars hat die deutsche Wirtschaft ihre Erfolge mit prekären Jobs und Lohndumping erzielt. Was sagt Ihnen das?

Das zeigt ein erschreckendes Wahrnehmungsdefizit. Wir, die deutsche Metall- und Elektroindustrie, sind eine absolute Hochlohnindustrie. Wer das bestreitet, soll mir bitte andere Länder nennen, in denen ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in vergleichbaren Branchen mehr als 48.000 Euro pro Jahr verdient. Dieses Lohnniveau – und Lohnerhöhungen über 30 Prozent binnen zehn Jahren – spiegeln das Ergebnis langjähriger harter Arbeit in unserer Industrie.

Vielleicht auch das Ergebnis harter Arbeit der Tarifpolitik?

Die wichtigsten Faktoren sind die Innovationskraft und die konsequente Weltmarktorientierung unserer Unternehmen. Aber auch die Tarifpolitik hatte sicher einen Anteil dabei.

Inwiefern?

Das markanteste Beispiel bleibt die Art und Weise, wie wir als Tarifparteien die Krise von 2009 begleitet haben. Durch flexible Vereinbarungen haben wir es den Betrieben ermöglicht, trotz extremer Unsicherheit ihre Fachkräfte zu halten. Natürlich hat auch die Politik mit den Regelungen zur Krisenkurzarbeit einen guten Beitrag geleistet hat. Deshalb werbe ich übrigens dafür, diese mittlerweile ausgelaufenen Regelungen zügig wieder in Kraft zu setzen.

Wollen Sie schon wieder auf Krisenmodus umschalten?

Unternehmen werden Kurzarbeit nicht mutwillig nutzen, solange die Auftragslage gut ist. Der Staat geht also kein Risiko ein. Daher sage ich ganz deutlich: Ja, es wäre hilfreich, wenn die Bundesregierung, jetzt zügig wieder die eine Kurzarbeiterregelung wie in den Jahren 2009/2010 einführt. Die Unternehmen sollten wieder von Sozialbeiträgen auf das Kurzarbeitergeld befreit werden, die Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes sollte wieder auf mindestens 18 Monate verlängert und der administrative Aufwand verringert werden. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für so einen Schritt. Denn das könnte bei den Unternehmen dringend benötigtes Vertrauen schaffen.

Was sonst erhoffen Sie sich als neuer Gesamtmetall-Präsident von der Regierung?

Ganz wichtig: Die sogenannte Tarifeinheit…

…also das Prinzip „Ein Betrieb – ein Tarifvertrag“…

…muss dringend gesetzlich wieder festgeschrieben werden, nachdem die Rechtsprechung diesen bewährten Grundsatz leider aufgegeben hat. Hier geht es letztlich um die Frage, ob wir die Grundlagen unseres wirtschaftlichen Erfolgs in Deutschland erhalten wollen oder nicht.

Ist das nicht etwas hoch gegriffen?

Eine zentrale Funktion unseres Flächentarifvertrags liegt darin, dass die Unternehmen entlang ganzer Lieferketten– vom kleinen Zulieferer bis zum Weltkonzern – während der Vertragslaufzeit keine Streiks befürchten müssen. Ohne die Tarifeinheit besteht jederzeit das Risiko, dass an irgendeiner Stelle plötzlich irgendeine kleine Beschäftigtengruppe streikt. Allein dieses Risiko entwertet unseren Flächentarif schon ein Stück. Und es kann leicht dazu führen, dass über kurz oder lang unsere feingliedrigen Industriestrukturen Schaden nehmen.

Die Bundesregierung sieht das anders.

Die Bundeskanzlerin hat vor zwei Jahren zugesagt, dass sie sich dieses Themas annehmen will. Der Niedergang der britischen Industrie sollte uns ein mahnendes Beispiel sein. Ich kann die Regierung nur dringend davor warnen, das Problem zu unterschätzen.

Selbst die Großgewerkschaft Verdi lehnt eine Neuregelung ab.

Es mag ja sein, dass die Bedingungen in einigen Bereichen des öffentlichen Sektors anders sind, zum Beispiel im Gesundheits- und Pflegebereich. Dann muss man dafür eben notfalls Ausnahmen regeln. Aber es kann ja wohl nicht sein, dass man wegen eines Sonderproblems im öffentlichen Dienst einfach die übrige Wirtschaft über die Klinge springen lässt.

Die IG Metall kämpft jetzt eher dagegen, dass Firmen Werkverträge nutzen, um damit Stammpersonal zu ersetzen. Was halten Sie davon, dies tariflich einzugrenzen?

Zeitarbeit hat keine Stammarbeitsplätze ersetzt, Werkverträge tun es auch nicht. Sie sind Grundvoraussetzung dafür, dass die Wirtschaft funktioniert. Wenn ein Unternehmen von einem anderen Leistungen bezieht, ist die Basis fast immer ein Werkvertrag.

Der IG Metall wehrt sich immerhin gegen einen Missbrauch, der den Metall-Tarif untergräbt.

Wenn es darum geht, einen offensichtlichen Rechtsmissbrauch zu verhindern, dann bin ich sofort dabei. Aber ob ich etwas selber herstelle oder zukaufe, ist eine unternehmerische Grundentscheidung. Diese Frage muss jeder Unternehmer jeden Tag neu beantworten. Entscheidend ist: Wer macht etwas besser, effizierter und kostengünstiger? Das ist das Grundprinzip von Spezialisierung und Arbeitsteilung – mit dem es viele unserer Unternehmen zum Weltmarktführer gebracht haben. Noch mal: Bei Werkverträgen gibt es keinerlei Regelungsbedarf.

Und wo liegen Ihre eigenen Prioritäten für die Tarifpolitik der nächsten Jahre?

Ich sehe drei große Aufgabenfelder. Zum einen: Wir müssen darauf achten, dass einfache Arbeit in Deutschland bezahlbar bleibt. Wenn die Lohnkosten in diesem Bereich immer weiter steigen und die Arbeitsplätze verschwinden, hat niemand etwas davon. Zweitens müssen wir weiterhin daran arbeiten, dass unser Flächentarif den immer vielfältigeren betrieblichen Realitäten gerecht wird. Und drittens müssen wir mit dem demografischen Wandel umgehen, Fachkräfte sichern und dabei unter anderem die Altersgrenzen flexibilisieren.

Inwiefern?

Wir sollten es zum Beispiel leichter möglich machen, dass Arbeitnehmer bei guter Gesundheit über die Regelaltersgrenze hinaus weiter arbeiten. Wenn heute jemand mit 65 noch weitermachen will, ist das schon rechtlich überaus kompliziert. Das zu vereinfachen, wäre ein wichtiger Beitrag gegen Fachkräftemangel. Genauso wird es in Zukunft stärker zur Normalität werden, dass Arbeitnehmer auch mit 55 Jahren ihren Arbeitsplatz noch einmal wechseln.

Was wäre die Rolle der Tarifpolitik dabei?

Wenn wir den demografischen Wandel ernst nehmen, müssen wir da manches auf den Prüfstand stellen. Wir haben eine Gesprächsverpflichtung genau zu diesen Themen: Deshalb werden wir das zunächst erst einmal mit der IG Metall diskutieren.

Und Sie haben schon angedeutet, dass Sie Nacht- und Feiertagszuschläge kürzen wollen. Richtig?

Nein, das ist viel zu platt und wird so der Problematik nicht gerecht. Wir sind auch noch am Anfang einer Diskussion. Eines will aber ich festhalten: Unsere Arbeitswelt spielt sich heute weniger in einem festen Schema zwischen acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags ab sich als das oft noch im Tarifvertrag ausdrückt.

Und was folgt daraus?

Für viele Arbeitnehmer wäre es sicher interessant, auch kurzfristig einmal einen halben Tag zu Hause bleiben zu können, falls etwa das Kind krank ist. Darüber kann man nachdenken. Genauso sollte man aber überlegen, ob immer gleich ein Zuschlag gezahlt werden muss, wenn ein Arbeitnehmer dann die ausgefallene Zeit abends von zu Hause aus nachholt.

Sind das jetzt schon Themen für die Tarifrunde 2013?

So weit sind wir noch nicht. Das sind zunächst einmal Denkansätze, die ich in den nächsten Wochen mit unseren Mitgliedsunternehmen intensiv diskutieren will. Ob sich eine tarifpolitische Strategie daraus entwickelt, wird im nächsten Schritt zu klären sein.


Das Interview führte Dietrich Creutzburg, Handelsblatt.
Erschienen am 25. September 2012.