"Es liegt ein vernünftiger Abschluss auf dem Tisch"

"Es liegt ein vernünftiger Abschluss auf dem Tisch"

"Es liegt ein vernünftiger Abschluss auf dem Tisch"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Handelsblatt über die Einigung in der Tarifrunde der Metall- und Elektro-Industrie:

Herr Dulger, die deutsche Wirtschaft hat im ersten Quartal einen Turbostart hingelegt. Da sind die 4,8 Prozent über 21 Monate, die Sie den Metallern gönnen, doch gut verkraftbar, oder?

Der Scheinaufschwung in Deutschland ist vom Konsum und nicht von der Investitionsgüterindustrie getrieben. Deshalb dürfen wir die Wirtschaftskraft der Metall- und Elektro-Industrie nicht am Bruttoinlandsprodukt messen, sondern am Branchenwachstum. Seit 2008 sind die Löhne um 20 Prozent gestiegen, die Produktivität ist aber nur um zwei Prozent gewachsen. Die Inflation liegt derzeit bei nur 0,3 Prozent. Deshalb ist dieser Abschluss nach wie vor nicht wirklich niedrig, obwohl die Belastung für die Unternehmen deutlich niedriger ist als im Vorjahr.

Dafür haben Sie jetzt lange Ruhe. Eine längere Laufzeit wurde zuletzt 2006 ausgehandelt.

Uns war die Laufzeit von 21 Monaten wichtig, weil sie Planungssicherheit gibt. Gerade in vielen Unternehmen, in denen im Dezember die Jahresendrally läuft, ist es wichtig, dass diese nicht durch Streiks gestört wird.

Vereinbart haben Sie auch Differenzierungsklauseln, die es im Prinzip seit dem Pforzheimer Abkommen von 2004 gibt. Was ist jetzt das Neue?

Neu ist, dass die Zustimmung der Tarifparteien auch mit der örtlichen IG Metall verhandelt werden kann, nicht nur mit der Zentrale in Frankfurt. Und die Verhandlungen über Flexibilisierung, die in einem bestimmten Zeitrahmen abgeschlossen werden müssen, können auch allein auf Antrag des Arbeitgeberverbands eingeleitet werden. Das sind sehr moderne Komponenten, weil wir damit der heterogenen Situation unserer Industrie Rechnung tragen.

Wie haben Sie es geschafft, dass die IG Metall die ungeliebte Kröte Differenzierung schluckt?

Wir haben von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass wir solche Klauseln brauchen. Ungefähr 15 Prozent der Unternehmen geht es gut, einem großen Teil geht es einigermaßen, aber bis zu 20 Prozent der Firmen haben Probleme. Wenn Sie das unter einen Tarifabschluss bringen wollen, brauchen Sie flexible Instrumente.

Haben Sie schon gerechnet? Was kostet Sie der Abschluss?

Die Gesamtkostenbelastung des Abschlusses beträgt 2,45 Prozent, bei Differenzierung bis zu 0,32 Prozent weniger.

Wie stark war der Gegenwind, wenn selbst die Bundesbank oder der IWF sich für satte Tarifsteigerungen aussprechen, um die Inflation anzuheizen?

Solche Äußerungen müssen in das richtige Umfeld gesetzt werden. Wir haben in unserer Industrie ein durchschnittliches Jahreseinkommen von rund 54.000 Euro. Es ist ein großer Unterschied, ob man auf diesem Niveau um knapp fünf Prozent erhöht oder im öffentlichen Dienst, wo das durchschnittliche Einkommen darunter liegt.

Hat die Warnstreikkulisse der IG-Metall, die 760.000 Beschäftigte mobilisierte, Sie beeindruckt?

Streik muss das letzte Mittel sein, aber davon konnte in dieser Tarifrunde keine Rede sein. Die Gespräche wurden in einem vernünftigen Rahmen geführt, wir haben Angebote vorgelegt und Kompromissbereitschaft signalisiert. Deshalb war das Warnstreikaufgebot übertrieben.

Haben Sie schon einen Überblick über die Schäden?

Bis Donnerstagmorgen sind mehrere hunderttausend Arbeitsstunden ausgefallen – das ist natürlich schon ein Wort. Denn hinter der Zahl stehen ja zum Beispiel Aufträge, die nicht geliefert werden konnten. Ein Unternehmen mit hoher Auslastung wird diese Ausfälle bis Jahresende nicht mehr aufholen können.

Welche Rolle hat gespielt, dass erstmals seit 2010 Nordrhein-Westfalen wieder Pilotbezirk war?

Wir haben uns auf dieses Bundesland geeinigt, weil die Industrie hier besonders heterogen ist. Es gibt etwa viele Unternehmen, die Maschinen für die Öl, Gas- oder Erzverarbeitung herstellen. Das sind Industriezweige, in denen es gerade nicht so gut läuft. Wir können die Festigkeit einer Kette aber nicht am stärksten Glied messen, sondern müssen auf schwächere Glieder Rücksicht nehmen.

Sie haben vor Tarifflucht von Unternehmen gewarnt, sollte der Abschluss zu hoch ausfallen. Sehen Sie die Gefahr noch?

Größer ist die Gefahr, dass Unternehmen dieses Land verlassen, weil die Kosten der Arbeit am Standort insgesamt zu hoch werden. Damit gingen qualifizierte Arbeitsplätze und Wertschöpfung verloren.

Wenn die Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen kommt, haben Sie noch weniger Möglichkeiten, Lohnkosten zu sparen. Ist der Abschluss also nicht doch zu hoch?

Unter einem Tarifvertrag stehen immer zwei Unterschriften. Das heißt, wir tragen diesen Abschluss mit und haben im aktuellen Umfeld den Tarifvertrag mit seinen zusätzlichen Belastungen beschlossen. Wie es nach den 21 Monaten weitergeht, müssen wir sehen.

Die IG Metall hatte sich auch eine Stärkung der Tarifbindung auf die Fahnen geschrieben. Hat sie ihre Drohung wahrgemacht, verstärkt nicht tarifgebundene Betriebe ins Visier zu nehmen?

Von Streiks in nicht tarifgebundenen Unternehmen ist mir bis dato wenig bekannt. Wir haben aber in dem Vertrag die klare Vereinbarung getroffen, dass die Differenzierungsoption nur von tarifgebundenen Unternehmen genutzt werden kann. Das ist unser Beitrag zur Tarifbindung.

Am 10. Juni steht die Gesamtmetall-Mitgliederversammlung an. Treten Sie für eine weitere Amtszeit als Präsident an?

Ich habe es fest vor. Es liegt jetzt ein vernünftiger Abschluss auf dem Tisch, und ich habe nach wie vor Freude daran, die Interessen unserer Industrie zu vertreten.

Das Interview führte Frank Specht, Handelsblatt. Erschienen am 14. Mai 2016.

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