"Falsche Zeit für hohe Lohnforderungen“

"Falsche Zeit für hohe Lohnforderungen“

"Falsche Zeit für hohe Lohnforderungen“

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit dem Südkurier über die Tarifrunde 2016:

Herr Dr. Dulger, im März beginnt die Tarifrunde der Metall- und Elektro-Industrie. Der Vorstand der IG Metall hat empfohlen, eine Tariferhöhung um 4,5 bis 5 Prozent zu fordern. Überrascht Sie diese Höhe?

Ja, denn diese Forderung wäre zu hoch. Die Gewerkschaft scheint den Ernst der Lage unserer Industrie zu verkennen. Seit der Finanzkrise 2008 sind die Löhne und Gehälter um 20 Prozent gestiegen. Dagegen hat die Produktivität nur um 2 Prozent zugenommen. Deswegen ist jetzt die falsche Zeit für Höhenflüge. Der Produktionsstandort Deutschland bröckelt massiv. Ein Beispiel: Ein Produkt, das in Deutschland für 1000 Euro produziert wird, kann in Polen bei annähernd gleicher Qualität für 755 Euro hergestellt werden. Und es gibt noch billigere Standorte. Ich würde mir wünschen, dass die IG Metall bei der endgültigen Formulierung ihrer Forderung Ende Februar wieder auf den Boden der Tatsachen zurückfindet.

Wieso stagniert der Produktivitätsfortschritt in Ihrer Branche?

Wir haben einen Großteil unserer Möglichkeiten, die ständig steigenden Kosten der Arbeit zu kompensieren – durch bessere Betriebsorganisation, bessere Abläufe und mehr Automatisierung – ausgereizt. Außerdem sind die Investitionszurückhaltung und der starke Beschäftigungsaufbau in den Unternehmen in den vergangenen Jahren ebenfalls Gründe. Ab einem gewissen Punkt können wir die Produktivität einfach nur noch schwer steigern.

Welche Tariferhöhung schwebt Ihnen vor?

Dafür ist es viel zu früh. Wir werden zu gegebener Zeit im Verhandlungsverlauf ein Angebot machen.

Manchen Unternehmen der Metall- und Elektro-Branche geht es glänzend, anderen eher schlecht. Sollten Tarifverträge diese Unterschiede nicht besser berücksichtigen?

Dass wir eine heterogene Situation des Wohlbefindens unserer Mitgliedsunternehmen haben, ist nicht neu. Wir sehen auch 2015 bei einigen Automobilherstellern gute Zahlen, aber unsere größte Metall-Branche ist der Maschinenbau. Er hat das ganze letzte Jahr geschwächelt. Es gibt einige Betriebe, die seit Monaten Kurzarbeit haben. Wir müssen jetzt aber einen Tarifvertrag für alle Unternehmen machen. Wir sind deshalb immer wieder für eine Differenzierung eingetreten.

Rechnen Sie mit einem Arbeitskampf?

Es ist viel zu früh, um darüber zu spekulieren. Wir wollen jetzt erst einmal miteinander verhandeln. Ein Arbeitskampf bedeutet immer einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden. Daher gehen weder die Gewerkschaften noch wir mit diesem Wort leichtfertig um.

Die IG Metall, die seit einigen Jahren wieder Mitglieder gewinnt, tritt sehr selbstbewusst auf. Haben sich die Kräfte am Arbeitsmarkt zugunsten der Arbeitnehmer verschoben?

Über eine Steigerung des Selbstbewusstseins der IG Metall müssten Sie mit deren Erstem Vorsitzenden, Herrn Hofmann, sprechen. Unsere Verhandlungsposition ist jedenfalls unverändert, und unterschätzen Sie nicht unsere Streikfähigkeit.

Die Gewerkschaft argumentiert, dass die Tariferhöhung auch eine Inflationsrate von knapp 2 Prozent ausgleichen müsse. Was sagen Sie dazu? Derzeit ist ja kaum eine Geldentwertung feststellbar.

Ein Tarifvertrag ist immer ein Kompromiss auf die Zukunft. Keiner von uns kann in die Glaskugel blicken. Deshalb müssen wir vorsichtig sein. Wir sehen anhand der Konjunkturprognosen, dass jetzt die absolut falsche Zeit ist für Höhenflüge. Es gibt viele Faktoren, die das Wachstum unserer Wirtschaft stark einschränken – die Lage in der Ukraine und im Russland-Handel, die Abschwächung in China und in Brasilien. Das muss man berücksichtigen.

Und dennoch sind die Prognosen für die deutsche Wirtschaft insgesamt recht ordentlich.

Wir haben zurzeit einen Schein-Aufschwung. Euro-Kurs, Zinsen und Ölpreise sind extrem niedrig, und es gibt fast keine Inflation. Das sind alles Faktoren, die den Geschäftsverlauf einer exportorientierten Industrienation beflügeln. Wir dürfen aber nicht im Vertrauen darauf, dass das alles so bleiben wird, Löhne und Gehälter erhöhen. Es gibt sonst heftige Kopfschmerzen, wenn diese Sondereffekte wegfallen.

Solche Unsicherheiten gehören aber zu jeder Tarifrunde.

Ja, dennoch wäre es der falsche Weg, Lohnerhöhungen aufgrund von Gegebenheiten zu vereinbaren, die nicht in den Händen der Unternehmen liegen sondern in jenen der Notenbanken. Einfacher ausgedrückt: Wir haben durch den schwachen Euro einen enormen Wettbewerbsvorteil errungen, ohne dass die Unternehmen dafür etwas getan haben.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Bundesregierung?

Die Bundesregierung hat bisher eine große Verteilungsparty von Sozialleistungen gefeiert. Dazu gehören die Mütterrente, die Rente mit 63 und der Mindestlohn. Dies und die geplante weitere Einschränkung von Zeitarbeit und Werkverträgen sind Belastungen für die Wirtschaft, die die Kosten in die Höhe treiben. Die Erleichterungen für die deutsche Wirtschaft, die dem gegenüberstehen sollten, suche ich bis auf die Tarifeinheit vergebens.

Die Arbeitsministerin Andrea Nahles geht mit ihrem Referentenentwurf zur Zeitarbeit und zu Werkverträgen deutlich über das hinaus, was im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU/CSU vereinbart wurde. Was kommt da auf die Unternehmen zu?

Ich vertraue fest darauf, dass die Bundeskanzlerin Hüterin des Koalitionsvertrages ist – wie sie es uns beim Arbeitgebertag im vergangenen November versprochen hat – und nicht zulässt, dass Dinge vereinbart werden, die über den Koalitionsvertrag hinausgehen. Bei Werkverträgen und Zeitarbeit muss man zudem berücksichtigen, dass wir durch die Flüchtlingszuwanderung eine neue Situation in unserem Land haben. Die Zeitarbeit ist ein hervorragender Beschäftigungsmotor gerade für An- und Ungelernte. Deswegen passt es umso weniger in die derzeitige politische Situation, Zeitarbeit und Werkverträge weiter einzuschränken. Wir wollen doch versuchen, die im Land befindlichen Flüchtlinge schnell in Arbeit zu bringen.

Das Interview führte Peter Ludächer, Südkurier. Erschienen am 09. Februar 2016.