Kannegiesser: "Gewerkschaften zeigen Realitätssinn"

Kannegiesser: "Gewerkschaften zeigen Realitätssinn"

Kannegiesser: "Gewerkschaften zeigen Realitätssinn"

Was macht der Arbeitgeber am „Tag der Arbeit“?

Manche fahren hoffentlich ins Grüne. Viele sitzen vermutlich am Schreibtisch. Andere nutzen den Tag, um, so wie ich, Kundenbeziehungen zu pflegen. Auf jeden Fall ist der 1. Mai 2010 für uns alle ein Feiertag, weil wir es in den vergangenen zwölf Monaten geschafft haben, den tiefsten Absturz unserer Branche seit 1945 ohne Dammbruch auf dem Arbeitsmarkt zu bewältigen.

Selbst wenn vielleicht bei manchen Gewerkschaftskundgebungen noch die alten Lieder gesungen werden: Hat sich im Verhältnis zwischen Arbeitgebern und -nehmern in den vergangenen Jahren nicht viel geändert?

In der Tat ist sehr viel anders geworden – weil sich die Welt verändert hat. Die Herausforderungen durch neue Technologien, die gemeinsame Währungszone und die Veränderungen bei der demographischen Entwicklung können nicht mit den Parolen und Rezepten von gestern bewältigt werden. Wir können uns nur behaupten, wenn wir die Probleme gemeinsam angehen. Das ändert nichts daran, dass jeder seine Rolle auch künftig eigenständig wahrnehmen muss.

Es scheint, als ob das schon ganz gut funktioniert…

Zum Glück! Andernfalls wäre unsere Industrie ausgezehrt und wir hätten nicht so viele Arbeitsplätze erhalten können. In anderen Ländern ist bereits ein Prozess der Entindustriealisierung schon lange Zeit im Gange, der bei uns so nicht stattgefunden hat – nicht zuletzt auch dank unserer Art der Arbeitsbeziehungen.

Waren Sie nicht trotzdem erstaunt, als die IG Metall aus freien Stücken eine Nullrunde anbot?

Nein. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in den Tarifverhandlungen eine Lohnformel herausgebildet, die beide Seiten als Richtschnur anerkennen. Hätte man aber die Formel der Gewerkschaft 2009 und 2010 angewendet, hätte man die Löhne reduzieren müssen, so sehr ging die Produktivität in den Keller, während die Preise stabil blieben. Die Gewerkschaft hat sich also nicht verbogen, sondern in Kenntnisnahme der Realität im Interesse ihrer Mitglieder gehandelt.

Und auch im Interesse der Arbeitgeber.

In diesem Fall fallen beide zusammen. Trotz der staatlichen Unterstützung, für die wir dankbar sind, ist Kurzarbeit nämlich wie jede Form der Unterauslastung für die Betriebe eine teure Rosstour. Im Ergebnis sank die Beschäftigtenzahl um vier bis fünf Prozent, während die Auslastung der Betriebe zugleich um etwa ein Drittel zurückging. Mittel- und langfristig werden wir gerade in der Metall- und Elektro-Industrie diese Fachleute brauchen, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

Auf der anderen Seite verlieren die Gewerkschaften nun weiter Mitglieder. Freuen Sie sich darüber?

Die Bereitschaft der Menschen, sich zu binden und zu engagieren, geht in fast allen Organisationen zurück. Das ist bedauerlich, weil die Gesellschaft dadurch insgesamt an Rückhalt und Stabilität verliert. Gerade bei der IG Metall scheint sich die Mitgliederzahl jedoch inzwischen zu stabilisieren. Bei den Betriebsratswahlen, die in unserer Branche zu 80 bis 90 Prozent abgeschlossen sind, hat sich der Gewerkschaftsanteil ebenfalls stabilisiert. Wir sind darüber nicht unglücklich. Die Arbeitnehmer brauchen, um ihre Positionen einzubringen, starke Vertretungen.

Wie viele Arbeitgeber sind noch organisatorisch gebunden?

Ein Teil ist in den vergangenen zehn Jahren aus der Tarifbindung ausgeschieden. Dieser Trend ist gestoppt. Einerseits setzt sich die Erkenntnis durch, dass ein gemeinsamer Rahmen eben doch große Vorteile hat. Er ist heute realistischer, näher an der Wirklichkeit in den Betrieben. Die Ideologie ist weitgehend raus. Nicht zuletzt ermöglicht der moderne Tarifvertrag viel mehr Flexibilität als noch vor 20 Jahren. Davon wird Gebrauch gemacht.

Konkurrierende Arbeitgeberverbände schließen – etwa auf dem Feld der Zeitarbeit – Tarifverträge mit konkurrierenden Gewerkschaften. Ist das die Zukunft?

Man darf die Konkurrenz nicht ausschließen, zumal hier teilweise auch unterschiedliche Marktsegmente abgedeckt werden. Die Aufspaltung muss jedoch da ihre Grenzen haben, wo sie die Belegschaft spaltet. Beispiel Spanien: Dort ist der Arbeitgeber ständig gefordert, um mit wechselnden Gewerkschaften zu verhandeln. Immer wieder wird dort eine neue Sau durchs Dorf getrieben und lenkt von den eigentlichen Aufgaben ab. Betriebe sind nicht vernünftig führbar, wenn man für diesselbe Arbeitnehmergruppe im selben Betrieb jeweils mit verschiedenen Gewerkschaften zu tun hat. Dann lieber dicht machen!

In immer mehr Branchen werden Mindestlöhne festgelegt und für allgemein gültig erklärt. Halten Sie das für richtig?

Mindestlöhne sind grundsätzlich problematisch. Sie sind immer entweder zu hoch oder zu niedrig. Schließlich sind sie für Arbeitnehmer bestimmt, die sich am Ende der Lohnskala befinden – auf Arbeitsplätzen, die besonders gefährdet sind. Am Ende gibt es schlimmstenfalls einen Mindestlohn – aber keine Arbeitsplätze mehr. Andererseits können Mindestlöhne auch die Funktion haben, tarifgebundene Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten. Dies funktioniert, indem die unterste Lohnstufe für allgemein verbindlich erklärt wird. In vielen Bereichen ist das schon jetzt unabdingbar. Dieser Trend wird angesichts der zunehmenden Freizügigkeit in Europa auch noch zunehmen – aber gesteuert durch die Tarifparteien.

Ist es richtig, Kranken- und vielleicht auch Rentenversicherung künftig mehr und mehr aus Steuergeldern zu bezahlen?

Grundsätzlich ja. Die ersten Schritte sind schon gemacht. Aber es bleibt noch ein weiter Weg, damit die Arbeitskosten entlastet werden. Die Welt ist heute eine andere. Die Berufsbiografien werden immer bunter und vielschichtiger. Hinzu kommt die demographische Entwicklung. Damit wird die Basis der Beitragszahler zu klein. Andererseits sehe ich aus heutiger Sicht keine Chance, das System vollständig auf Steuerfinanzierung umzustellen.

Das Gespräch führte Bernhard Hertlein, Westfalen-Blatt.
Erschienen am 01. Mai 2010