Konfliktmanagement in der M+E-Industrie: Dr. Busch

Konfliktmanagement in der M+E-Industrie: Dr. Busch

Konfliktmanagement in der M+E-Industrie: Dr. Busch

Gibt es bei Gesamtmetall ein explizit formuliertes Verständnis von Konfliktmanagement? Was sind die Kernaussagen?

Busch: Ursprünglich bestand der Verbandszweck von Gesamtmetall in erster Linie darin, die Unternehmen für den Arbeitskampf zu organisieren. Heute versteht sich Gesamtmetall als ein Arbeitgeberverband, der die gemeinsamen Interessen der organisierten Unternehmen in friedlichen Verhandlungen durchsetzen will. Der Arbeitskampf als Mittel zur Konfliktlösung wird nur noch bei strengster Anwendung des Ultimaratioprinzips akzeptiert also nur dann, wenn wirklich alle anderen Möglichkeiten zur Einigung restlos erschöpft sind. Dieser Wandel im Selbstverständnis setzte mit der Neugründung der Arbeitgeberverbände nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Die neu entstandene Soziale Marktwirtschaft hatte sich unter anderem die Überwindung von Klassengegensätzen zum Ziel gesetzt. In diesem Konzept mussten sich Großorganisationen schwer tun, die sich in erster Linie als Kampfverband verstehen. In den 90er Jahren hat die produktionstechnische Verflechtung der Metall- und Elektro-Industrie so stark zugenommen, dass Arbeitskämpfe für die Unternehmen ein immer größeres Risiko darstellen. Aufgrund von Produktionsausfällen können langfristige Geschäftsbeziehungen von heute irreparabel beschädigt werden.

Gibt es bei Gesamtmetall Vorschläge zur Verbesserung des Konfliktmanagements auf der Ebene der Tarifverhandlungen?

Busch: Gesamtmetall hat zur Verbesserung des Konfliktmanagements ein offenes Konzept entwickelt und es 1998 als ,,Berliner Erklärung” veröffentlicht. Darin wird der Arbeitskampf zwar als letztes Mittel akzeptiert. Aber aus den schon genannten Gründen soll im Rahmen neuer Schlichtungsverfahren die Eskalation von Konflikten gebremst und möglichst völlig eingedämmt werden. Längere Verhandlungsfristen und Abkühlungsphasen bilden eine der Möglichkeiten. Ein anderer Vorschlag aus der ,,Berliner Erklärung” bezieht sich auf die Einführung der so genannten Pendelschlichtung, einer Mediationstechnik, die in Großbritannien mit einigem Erfolg praktiziert wird. Dabei wählt der Schlichter aus den jeweils letzten Angeboten der Parteien eines aus, das dann ohne jede Modifikation akzeptiert werden muss. Deshalb ist davon auszugehen, dass beide Parteien ihre letzten Angebote entlang der gedachten Kompromisslinie platzieren werden.

Wie haben Sie tarifpolitische Mediation bisher kennen gelernt?

Busch: Tarifpolitische Mediation hat bislang ausschließlich in Gestalt der Schlichtung stattgefunden, deren Voraussetzungen und Abläufe in einem gesonderten Abkommen mit den Gewerkschaften geregelt sind. Es gab Schlichturigen nach einem zuvor stattgefundenen heftigen Arbeitskampf wie 1984, aber es gab auch Schlichturigen unmittelbar nach dem Scheitern der friedlichen Verhandlungen wie zuletzt in der Tarifrunde 1999. Es haben sich zwar im Laufe der Jahrzehnte immer wieder auch Politiker als Mediatoren angeboten, um drohende Großkonflikte zu verhindern. Dazu ist es aber nicht gekommen, weil eine politische Mediation den Vorstellungen beider Tarifparteien widersprach. Einen ganz entscheidenden Grund für die Ablehnung der politischen Schlichtung bilden die Erfahrungen aus der Weimarer Republik. Damals hat der Staat durch seine Einmischung in Tarifkonflikte starke Autoritätsverluste hinnehmen müssen, die zu seiner Demontage wesentlich beigetragen haben.

Wo sehen Sie Potenziale von Mediation für Ihre Arbeit?

Busch: Die Einführung von modernen Konfliktlösungsmechanismen in der deutschen Metall und Elektro-Industrie scheitert daran, dass die IG Metall ungeachtet des veränderten wirtschaftlichen und sozialen Umfelds an ihrem Selbstverständnis als Kampfverband festhält. Solange Tarif-Vereinbarungen, die ohne Warnstreiks oder Erzwingungs-Streiks zustande gekommen sind, von weiten Teilen der Gewerkschaft den Beigeschmack des Erbettelten haben, versprechen unsere Bemühungen um eine zeitgemäßere Mediation leider nur wenig Erfolg.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Roland Kunkel.