"Kosten müssen für Mittelständler bezahlbar bleiben"

"Kosten müssen für Mittelständler bezahlbar bleiben"

"Kosten müssen für Mittelständler bezahlbar bleiben"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit der Thüringer Allgemeine zum Fachkräftemangel und der Wettbewerbsfähigkeit der M+E-Industrie:

Gesamtmetall hat jüngst sein 125-jähriges Bestehen gefeiert, wie ordnet sich der jüngere Thüringer Verband in die bundesweite Organisation ein?

In Thüringen sind es genau genommen auch schon 110 Jahre seit der Gründung des Verbandes. Aus bekannten Gründen wurde diese Historie unterbrochen. In Thüringen hat 25 Jahre nach der Neugründung noch immer die Gründergeneration das Sagen. Da ergeben sich ganz andere Themen als in anderen Bundesländern, wo entweder die zweite oder dritte Generation der Eigentümer oder Manager die Firmen führen. Das ist wichtig für unsere Debatten. Man geht hier pragmatisch an die Lösung von Problemen heran und vertritt eine positive Sicht, auch das hilft sehr, am Ende zu gemeinsamen Lösungen zu kommen.

Die Metallbranche gehört zu denen, die Tarife bezahlen, die deutlich über Mindestlohnniveau liegen?

Ja, aber wir sehen auch, dass in den letzten Jahren die Zahl der Firmen gestiegen ist, die keine Tarifbindung mehr wollen. Zwar lehnen sich auch diese Unternehmen an den Flächentarifvertrag an, brauchen aber die Freiheit, davon abweichen zu können, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Weshalb und wie sieht das aus?

Viele Firmen, die sich den Tarif nicht leisten können, haben beispielsweise eine etwas längere Wochenarbeitszeit. Das zeigt aber auch, dass sich die IG Metall hüten solle, auf das ohnehin hohe Kostenniveau immer noch etwas draufpacken zu wollen. Die Kosten müssen für die Mittelständler bezahlbar bleiben.

Aber auch in der Thüringer Metallbranche fehlen Fachkräfte?

Ja, aber das ist nicht nur ein Thüringer Problem. Betroffen vom Fachkräftemangel sind derzeit eher strukturschwache Regionen in allen Bundesländern. Ich kenne Firmen hier im Schwarzwald, die händeringend nach Fachkräften suchen, aber keine finden, weil man vom Firmensitz eine dreiviertel Stunde bis zur nächsten Autobahn benötigt. In Zeiten des Mangels an qualifiziertem Personal müssen sich Firmen generell attraktiver aufstellen.

Die Branche versucht seit Jahren den Anteil junger Frauen an den Belegschaften zu steigern, mit bisher mäßigem Erfolg?

Das stimmt, und das, obwohl unser Verband da sehr aktiv ist. Ich denke etwa an die großen Ausbildungstrucks, die wir kürzlich erneuert haben. Wir wollen den jungen Frauen die Berufe der Metall- und Elektro-Industrie vorstellen und näherbringen. Und ihnen klar machen, dass man als Jungfacharbeiterin in unserer Branche auf rund 2500 Euro Bruttolohn im Monat kommt, bei einer 38 bzw. 35-Stunden-Woche. In Thüringen sind wir da übrigens schon weiter als in den alten Bundesländern. Hier sind nicht nur mehr Frauen generell vollzeitbeschäftigt, sondern auch mehr weibliche Mitarbeiter in der Metallbranche tätig. Das hat mit den Erfahrungen aus DDR-Zeiten zu tun, als Frauen ganz selbstverständlich auch technische Berufe gelernt haben, aber auch mit der deutlich besseren Ausstattung an Plätzen für die Kinderbetreuung.

Braucht die deutsche Wirtschaft das Freihandelsabkommen mit den USA?

Unbedingt. Wir als Exportnation würden davon in Europa am meisten profitieren. Es ist nicht sinnvoll, wenn ein Auto in den USA rote und in Europa gelbe Blinker haben muss. Die Vereinheitlichung und der Wegfall von Einfuhrzöllen würde die Wirtschaft enorm entlasten. Die strittige Frage der Gerichtsbarkeit haben weltweit tätige Unternehmen in der Praxis doch längst geklärt. Und vom Chlorhühnchen steht nichts in diesem Abkommen, das ist reine Propaganda der TTIP-Gegner.

Die Schuldenkrise in Griechenland belastet die Aktienmärkte und den Euro, wie stehen Sie zum diskutierten Grexit?

Ich bin gegen einen Grexit. Natürlich ist das forsche Auftreten von Herrn Tsipras nicht gerade hilfreich und verprellt manchen Politiker. Sicher hätte ein Ausscheiden Griechenlands heute nicht mehr die verheerende Wirkung wie noch vor drei Jahren. Aber es würde zum Beispiel zu einem deutlich stärkeren Euro im Verhältnis zum Dollar führen. Daran kann eine Industrienation wie Deutschland eigentlich kein Interesse haben.

Das Gespräch führte Bernd Jentsch, Thüringer Allgemeine. Erschienen am 24. Juni 2015.