"Qualifizierte Frauen gefragt"

"Qualifizierte Frauen gefragt"

"Qualifizierte Frauen gefragt"

Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft in den nächsten 15 Jahren um 6,5 Millionen. Kann Deutschland da wettbewerbsfähig bleiben?

Gabriele Sons, Hauptgeschäftsführerin Arbeitgeberverband GesamtmetallIch bin sicher, dass wir uns behaupten werden. Ich bin aber auch sicher, dass wir große Veränderungen in unseren Unternehmen erleben werden. Sie werden noch produktiver und innovativer werden müssen – und das mit wesentlich weniger und älteren Fachkräften.

Werden wir also noch mehr Automatisierung und Mechanisierung erleben?

Natürlich müssen auch solche Möglichkeiten zur Rationalisierung genutzt werden. Doch Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich nicht nur über die Kosten, sondern noch stärker über Innovationen. Die Heimat unserer Unternehmen, ihrer Entwicklungs- und Verwaltungszentralen, wird deshalb weiterhin Deutschland sein. Gleichzeitig werden die Unternehmen aber verstärkt Teile der Produktion im Ausland aufbauen, um näher an den internationalen Wachstumsmärkten zu sein.

Auf der Suche nach den Fachkräften von morgen wollen Sie auch das Potenzial gut qualifizierter Frauen für die Industrie heben. Was können Unternehmen dafür tun?

Seit vielen Jahren gibt es Initiativen, wie zum Beispiel den Girls´ Day oder das comeback(me) Projekt, die für M+E-Berufe werben und den Wiedereinstieg von Müttern in den Beruf erleichtern sollen. Dennoch hat sich zu meinem Bedauern der Anteil der Frauen in den Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie kaum verändert – er liegt seit langer Zeit bei etwa 20 Prozent. Das ist erschreckend wenig. Die Unternehmen werden sich in den kommenden Jahren noch stärker um weibliche Arbeitskräfte bemühen – auf diese können und wollen wir nicht verzichten. Ein Schlüssel dazu sind flexible Arbeitszeitmodelle zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese werden meistens von Müttern, in Zukunft aber auch intensiver von Vätern nachgefragt werden.

Woran liegt das?

Am verstärkten beruflichen Engagement vor allem gut qualifizierter Mütter und an dem wachsenden Anteil von Vätern, die sich stärker als früher an der Erziehungsarbeit beteiligen. Diese Doppelverdiener-Eltern
werden die Arbeitswelt verändern. In den letzten Jahren habe ich vor allem auch bei Hochqualifizierten erlebt, dass beide Ehepartner arbeiten. Da kann schon eine Versetzung zum Beispiel von Frankfurt nach München schwierig werden, wenn der Ehepartner ebenfalls gut positioniert ist und am neuen Arbeitsort des Partners nicht ohne weiteres eine neue Stelle findet.

Führt das nicht zu einer neuen Form von Immobilität und damit zum Gegenteil dessen, was wir brauchen?

Möglicherweise. Auf den ersten Blick erschwert das die Personalsuche der kleinen und mittleren Unternehmen, die nicht in den großen Metropolen beheimatet sind. Sie werden den Fachkräftemangel als erste spüren. Große Unternehmen in Metropolen wie Berlin oder München sind attraktiv für junge qualifizierte Paare. Andererseits können KMU häufig ein besseres lokales Netzwerk und vielfältigere Aufstiegschancen bieten.

Wie kann der Mittelstand im Wettbewerb um Fachkräfte noch punkten?

Mittelständische Unternehmen haben in der weit überwiegenden Zahl aller Fälle ein gutes Image in ihrer Region. Sie wissen, wo ihren Mitarbeitern der Schuh drückt oder wie sie bei der Suche nach einer geeigneten Schule oder einem Haus für die Familie helfen können. Da macht sich die regionale Verwurzelung bezahlt. Zudem arbeiten viele mittelständische Unternehmen an Produkten im Hochtechnologiebereich und gehören zu den Weltmarktführern ihrer Branche – bieten also interessante und lukrative Berufsaussichten. Eine Chance für KMU, Fachkräfte zu gewinnen, sind auch Kooperationen
mit regionalen Fachhochschulen, die auf dem Land entstanden sind.

Mehr Frauen in produzierenden Unternehmen – was müssen die Unternehmen dafür tun?

Vieles ist schon auf den Weg gebracht. Es gibt schon eine ganze Reihe flexibler Arbeitszeitmodelle. Auf diesem Weg müssen wir fortfahren, wenn wir Frauen für unsere Unternehmen gewinnen wollen. In den letzten Jahren ist zudem die Ergonomie in der Produktion stark verbessert worden, so dass es keine Rolle mehr spielt, ob ein Mann oder eine Frau die Tätigkeit ausübt. Und die Unternehmen müssen insgesamt in Zukunft noch mehr darum werben, Mädchen und junge Frauen schon in der Schule oder beim Beginn von Ausbildung oder Studium für die technischen Berufe zu begeistern. Es gibt kaum eine Branche mit besseren Berufsaussichten oder höheren Durchschnittsverdiensten.

Unabhängig davon wird das Durchschnittsalter der Belegschaften deutlich steigen. Wie unterstützt Ihr Verband die Unternehmen in diesem Anpassungsprozess?

Insgesamt zeigen die Zahlen nach oben. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Anteil der älteren Beschäftigten in der M+E-Industrie mehr als verdoppelt. Noch bekommen die Unternehmen genügend Nachwuchs und müssen sich im Alltagsgeschäft oft nicht mit den mittelfristigen Alterungsprozessen in ihrer Belegschaft auseinandersetzen. Aber das wird sich ändern. Wir führen deshalb Altersstrukturanalysen in Unternehmen durch. Diese zeigen Unternehmen auf, an welcher Stelle Qualifikationsengpässe auftauchen werden. Mit einigen unserer Mitgliedsverbände haben wir zudem das Projekt länger leben. länger lernen. länger arbeiten. aufgelegt. Gemeinsam mit Wissenschaftlern haben wir beispielsweise analysiert, wie sich Führungsverhalten in den Unternehmen ändern muss.

In einem Workshop des ifaa-Kolloquiums ist darüber diskutiert worden, auf freiwilliger Basis Arbeitnehmer mit physisch weniger anstrengenden Aufgaben zum Beispiel in der Buchhaltung auch über das normale Renteneintrittsalter hinaus Arbeit zu ermöglichen.

Das ist eine logische Entwicklung, wenn sich das Arbeitskräfteangebot verringert. Wenn Mitarbeiter sagen: Ich möchte gern auch über mein 66. oder 67. Lebensjahr hinaus arbeiten, dann werden die Unternehmen das mit Sicherheit nutzen. In der Wissenschaft und in der Politik sind ja auch viele über das 65. Lebensjahr und teilweise weit darüber hinaus noch aktiv.

Was haben Sie vom Fachkolloquium des ifaa in Düsseldorf für Ihre Arbeit mitnehmen können?

Ein wichtiger Denkanstoß für mich war ein Hinweis im Vortrag von Professor Bruder: Er wies darauf hin, dass wir nicht nur darauf schauen sollten, wie wir die Gesundheit der Älteren erhalten können, sondern dass wir auch darauf achten müssen, wie die jungen Leute ins Unternehmen kommen. Meist diskutieren wir in diesem Zusammenhang nur über Bildungsdefizite oder unzureichendes Sozialverhalten. Gesundheitliche Aspekte bleiben oft außen vor. Viele Kinder und Jugendliche sind heute übergewichtig und haben noch andere Gesundheitsprobleme. Das mag Betroffenen und Betrieben heute noch erträglich erscheinen, wird aber in späteren Jahren für Probleme sorgen, die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirken. In dieser Dimension hat es das vor 20 Jahren noch nicht gegeben. Unternehmen und Betroffene müssen gemeinsam
neue Antworten auf diese Entwicklung finden. Schon heute ist Ernährungsberatung vielfach Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Das Gespräch führte Carsten Seim für die Fachzeitschrift des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft.
Erschienen in der Ausgabe 209/September 2011.