"Unsere Branche lebt nicht vom Privatkonsum"

"Unsere Branche lebt nicht vom Privatkonsum"

"Unsere Branche lebt nicht vom Privatkonsum"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger kritisiert die Forderungsempfehlung des IG-Metall-Vorstands in der Rheinischen Post als viel zu hoch:

Um wie viel zu hoch ist Ihnen die Forderungsempfehlung zwischen 4,5 und 5,0 Prozent?

Das ist viel zu hoch. Die IG Metall verkennt den Ernst der Lage in unserer Industrie, die allenfalls um ein Prozent im laufenden Jahr wachsen wird. Seit dem Ende der Lehman-Krise 2008 sind die Löhne und Gehälter um 20 Prozent gestiegen, die Produktivität aber nur um zwei Prozent. Zu hohe Lohnkosten gefährden den Produktionsstandort Deutschland.

Es handelt sich um die niedrigste Forderung der IG Metall seit zehn Jahren. Klingt nach Jammern der Arbeitgeber auf sehr hohem Niveau.

Das ändert nichts daran, dass die Forderung zu hoch ist. Es ist die falsche Zeit für Höhenflüge. Die Gewerkschaft setzt die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes aufs Spiel und riskiert, dass weitere Firmen ins Ausland abwandern.

Das Arbeitgeberlager hat schon den letzten Abschluss als zu hoch bezeichnet. Wie viele Unternehmen haben damals das Land verlassen?

Wir sind tatsächlich für einige Mitglieder über die Grenze des Möglichen hinausgegangen. Das Problem heute sind weniger komplette Standortverlagerungen, sondern eine schleichende Deindustrialisierung. Die Investitionen hierzulande werden massiv zurückgefahren und stattdessen im Ausland getätigt. Das sollte uns zu denken geben.

Wie müsste die Laufzeit sein, damit Sie 4,5 bis 5 Prozent akzeptieren?

Spekulieren über Zahlen macht keinen Sinn.

Die IG Metall argumentiert mit der Stärkung der Binnennachfrage. Was halten Sie dem entgegen?

Unsere Branche lebt nicht vom Privatkonsum, sondern in erster Linie von Investitionen und Export. Ein Konsument kauft keine Werkzeugmaschine. Außerdem haben wir die Nettokaufkraft unserer Mitarbeiter durch hohe Abschlüsse bei geringer Inflation in den vergangenen Jahren schon massiv erhöht. Wir stoßen da jetzt an eine Grenze. Die IG Metall muss bis zur Festlegung der endgültigen Forderung Ende Februar wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren.

Ihre Branche profitiert aber vom schwachen Euro und Ölpreis.

Wir erleben gerade einen Scheinaufschwung. Das sind beides Faktoren, die wir nicht beeinflussen können. Deshalb will ich mich auf deren Anhalten nicht verlassen. Zumal es eine Reihe von geopolitischen Unsicherheiten gibt.

Die IG Metall will deutliche Steigerungen auch bei den tarifungebundenen Unternehmen durchsetzen. Das könnte diese wieder in die Arme von Gesamtmetall treiben.

Die Tarifbindung ist freiwillig. Wichtiger ist, dass die Konditionen der Tarifverträge attraktiv sind – also auch die erzielten Abschlüsse.

Das bedeutet also: Die hohe Forderung treibt noch mehr Betriebe in die Tarifflucht?

Die Forderung von 4,5 bis 5 Prozent wird jedenfalls die Tarifbindung nicht erhöhen. Tarifbindung mit der Brechstange, so wie die IG Metall sich das vorstellt, wird nicht funktionieren.

Die Friedenspflicht endet am 28. April. Rechnen Sie mit ähnlich massiven Warnstreikaktionen wie in der letzten Runde?

Das werden die Verhandlungen zeigen.

Die Gewerkschaft hat angedroht, Warnstreiks könnten auch bis zu 24 Stunden dauern.

Wir sind auf eine reine Entgeltrunde eingestellt und würden uns wünschen, dass es zügig und ganz ohne Streikgetöse geht.

In der vergangenen Runde gab es massive Warnstreiks. Könnten Sie sich vorstellen, notfalls auch juristisch dagegen vorzugehen?

Wir warten die Aktionen der IG Metall ab und drohen derzeit noch nicht mit Gegenmaßnahmen. Die Gewerkschaft sollte sich aber keinen Illusionen hingeben: Auch wenn unsere Branche stark verzahnt ist und Arbeitskämpfe einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden herbeiführen,sollten sie unsere Streikfähigkeit nicht unterschätzen.

Das Interview führte Maximilian Plück, Rheinische Post. Erschienen am 03. Februar 2016.