"Wenn jemand weniger arbeitet, muss ein anderer die Lücke schließen und mehr arbeiten."

"Wenn jemand weniger arbeitet, muss ein anderer die Lücke schließen und mehr arbeiten."

"Wenn jemand weniger arbeitet, muss ein anderer die Lücke schließen und mehr arbeiten."

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit dem Redaktionsbüro Herholz-Schmidt zur Tarifrunde 2018 und den Jamaika-Sondierungen:

Herr Dulger, ab Mittwoch geht es in den Tarifverhandlungen der Metall- und Elektrobranche zur Sache. Neben mehr Lohn fordert die IG Metall die 28-Stunden-Woche mit einem sogenannten Teillohnausgleich. Eine berechtigte Forderung?

Die IG Metall weckt völlig falsche Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann. Die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung ist eine Kopfgeburt. Die Beschäftigten selbst wollen Flexibilität - nach oben und nach unten! Darüber sprechen wir gerne. Aber kürzere Arbeitszeiten bei Lohnausgleich: Das ist eine Stilllegeprämie für Fachkräfte, die zu einer flächendeckenden 28-Stunden-Woche führen würde. Dem können wir nicht zustimmen. Wer kürzer treten will, kann dies auch heute schon tun, aber natürlich ohne Lohnausgleich. Mehr Geld fürs Nichtstun wird es mit uns nicht geben!

Mehr Zeit wird von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern inzwischen oft höher bewertet als mehr Geld. Wie reagieren Sie auf diese Wünsche?

In der Metall- und Elektro-Industrie wird im Westen 35 Stunden pro Woche gearbeitet. Das ist eine der kürzesten tariflichen Arbeitszeiten weltweit! Wir werden unseren Wohlstand nicht erhalten können, wenn wir immer weniger arbeiten als die Generation vorher. Das wird auch gar nicht gewünscht. Selbst in der Umfrage der IG Metall haben 70 Prozent der Befragten angegeben, dass sie mit ihrer Arbeitszeit zufrieden sind. Nur viereinhalb Prozent sind wirklich unzufrieden. Und 30 Prozent der Befragten würden gerne mehr arbeiten.

Kürzere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich: Könnten sich die Arbeitgeber denn darauf einlassen?

Wir sind nicht gegen mehr Flexibilität. Aber wenn jemand weniger arbeitet, muss ein anderer die Lücke schließen und mehr arbeiten. Außerdem sind die Regeln zur Arbeitszeit in Deutschland viel zu starr. Wir brauchen hier dringend eine fortschrittliche und zeitgemäße Lösung. Dafür würde es reichen, die ausgewogene EU-Arbeitszeitrichtlinie hierzulande endlich anzuwenden. Unsere Arbeitszeitbestimmungen stammen noch aus der Zeit von Telex und Wählscheibe. In Zeiten von Internet, Laptop und iPad wollen die Menschen zu Recht ihre Arbeitszeit individueller gestalten. Wer um 14 Uhr das Unternehmen verlässt, um sein Kind aus der Kita zu holen, und sich abends aber noch mal daheim vor den Rechner setzt, sollte am Morgen wieder pünktlich zur Arbeit erscheinen dürfen, auch wenn er die starre Ruhezeit von 11 Stunden nicht ganz einhalten würde. Hier ist dringend mehr Flexibilisierung notwendig, und zwar auch im Interesse der Arbeitnehmer!

Die IG Metall fordert sechs Prozent mehr Gehalt: Die Wirtschaft brummt, die Branche wächst solide, Arbeit ist mehr als genug vorhanden. Was spricht also gegen einen kräftigen Zuschlag?

Natürlich wird es auch 2018 eine angemessene Beteiligung unserer Beschäftigten am Wachstum geben.

Was heißt angemessen?

Es ist zu früh, um über Zahlen zu reden. Der Branche geht es momentan gut. Wir sind aber noch nicht so produktiv, wie wir vor der Wirtschaftskrise gewesen sind. Es geht vielen Unternehmen besser, aber wir müssen große Herausforderungen schultern, in Digitalisierung und die Elektrifizierung der Automobilbranche investieren. Das geht nicht ohne Rücklagen. Und wir sollten im Auge behalten, dass wir bei einer 35-Stunden-Woche ein Durchschnittseinkommen von über 56.000 Euro pro Jahr haben. Das ist sehr viel Geld. Seit 2012 sind die Tariflöhne in der Metall- und Elektro-Industrie um 20 Prozent gestiegen, die Produktivität ist nur um zwei Prozent gestiegen. Diese Schere gefährdet Arbeitsplätze in Deutschland und damit Wohlstand.

Im Osten wird statt 35 immer noch 38 Stunden lang gearbeitet. Ist es nicht höchste Zeit für die Angleichung der Arbeitszeit?

Nein, soweit ist es noch lange nicht. Ostdeutschland hat noch deutliche Wettbewerbsnachteile. Kleinere Betriebsgrößen, weniger Unternehmenszentralen, weniger Forschung und Entwicklung und geringere Kapitalausstattung bei den Unternehmen. Diese Regionen brauchen aber Wettbewerbsvorteile, damit sie eine faire Chance haben. Die Einführung der 35-Stunden-Woche würde Ostdeutschland wieder zurückwerfen und die dortigen Industriestandorte gefährden!

Stellen Sie sich schon auf Streiks ein?

Wir bemühen uns um eine einvernehmliche Lösung. Der Gewerkschaft sollte indes aber klar sein: Wir sind streikfähig! Gerade beim Thema 28-Stunden-Woche mit Lohnausgleich wird mit uns nicht zu reden sein. Mehr Geld fürs Nichtstun zahlen wir nicht.

Ein Riesenproblem für Ihre Branche ist der Fachkräftemangel. Könnte die Einstellung von Flüchtlingen Abhilfe schaffen?

Wir freuen uns über jeden Ausbildungswilligen, ungeachtet seiner Herkunft. Wir können seit Jahren nicht mehr alle Ausbildungsplätze besetzen – zuletzt 7000 in ganz Deutschland. Es gibt viele Programme, um die Zuwanderer fit für die Ausbildung zu machen. Notwendig ist ein Einwanderungsgesetz, das klipp und klar regelt, wer in unserem Land willkommen ist, egal, woher er kommt. Und Flüchtlinge, die wir gebrauchen können, sollten wir nicht zurückführen. Hier muss ein "Spurwechsel" ermöglicht werden.

In den Jamaika-Sondierungen wird auch über die abschlagsfreie Rente mit 63 gestritten. Wäre eine Lockerung der Regeln sinnvoll?

Die Rente mit 63 war ein Geschenk der SPD an die Gewerkschaften. Sie ist unsinnig, teuer und hat uns zahllose und gut qualifizierte Fachkräfte gekostet, die von heute auf morgen entschieden haben, das Angebot wahrzunehmen und die Betriebe zu verlassen. Das war ein enormer Verlust an Arbeitskräften, ein richtiger Schlag. Wer ernsthaft etwas tun will für die Menschen, die erschöpft sind und wirklich nicht mehr arbeiten können, der sollte stattdessen die Erwerbsminderungsrente stärken. Die Rente mit 63 sollte von den Jamaika-Sondierern auf den Prüfstand gestellt werden, um den Fachkräftemangel zu entschärfen! Alles, was den Fachkräfteabfluss mindert, ist hoch willkommen.

Die Sozialversicherungsbeiträge sind stetig gestiegen. Muss Jamaika ein Stoppschild setzten?

Die Sozialversicherungsbeiträge müssen bei 40 Prozent gedeckelt werden! Wenn Spielraum ist, sollten sie auch gesenkt werden. Die wichtigste Botschaft aber lautet: Sie dürfen nicht über 40 Prozent steigen. Die Absicht, sie unter dieser Schwelle zu halten, reicht nicht aus. Es muss ein Gesetz her, dass eine Obergrenze von 40 Prozent auch für die Zukunft festlegt. Das ist ein ganz wichtiger Auftrag an die Politik, um Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu entlasten und den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken. Eine Ausweitung der ebenfalls beitragsfinanzierten Mütterrente, die ebenfalls diskutiert wird, hätte genau den gegenteiligen Effekt. Der Sozialstaat muss effizienter werden.

Beim Mindestlohn gibt es Forderungen nach einer deutlichen Anhebung. Ist die Zeit dafür angesichts der steigenden Tariflöhne reif?

Der Mindestlohn ist seit seiner Einführung an die allgemeine Lohnentwicklung gekoppelt. Der Ruf einzelner Politiker nach einer Erhöhung zum Zwecke der eigenen Profilierung hat hier nichts zu suchen. Dringend notwendig ist dagegen der Bürokratie-Abbau beim Mindestlohn. Der Dokumentierungspflicht können viele Betriebe nur unter allergrößten Mühen nachkommen, das ist eine Zumutung und eine echte Beschäftigungsbremse. Eine Lockerung der Dokumentationsauflagen würde viele Kräfte freisetzen und sollte von der künftigen Regierung dringend angegangen werden.

Heftig wird bei den Jamaika-Sondierungen über die Verkehrswende gestritten. Müssen jetzt die Weichen für einen sauberen Verkehr gestellt werden, um die Zukunft der Branche zu sichern?

Die Politik sollte sich hüten, den Verbrennungsmotor zu verbieten oder die E-Mobilität zu erzwingen! Hier wird der Markt die Entwicklung steuern. Ob der Elektromotor die Zukunft ist oder ob nicht die Brennstoffzelle oder eine ganz andere Technologie der Antrieb von morgen ist, ist heute nicht abzusehen. Weder die Bundesrepublik noch ein anderes europäisches Land wird in den kommenden 15 Jahren eine Infrastruktur aufbauen können, sodass wir alle elektrisch fahren. Das ist unmöglich, und daher wäre es ein Holzweg, wenn die Politik sich am Schreibtisch etwas ausdenkt und enormen Druck auf die Industrie ausübt. Die Autohersteller stehen ohnehin vor gigantischen Herausforderungen: Der Fachkräftemangel, die Digitalisierung, die Entwicklung sauberer Technologien. Zusätzliche Belastungen braucht es wirklich nicht!

Das Interview führte Tobis Schmidt, Redaktionsbüro Herholz-Schmidt. Erschienen am 14. November 2017 in verschiedenen Regionalzeitungen.