"Wenn wir den Strukturwandel nicht schaffen, haben wir Riesenprobleme."

"Wenn wir den Strukturwandel nicht schaffen, haben wir Riesenprobleme."

"Wenn wir den Strukturwandel nicht schaffen, haben wir Riesenprobleme."

Gesamtmetall Präsident Dr. Stefan Wolf, Pressefoto, Copyright: Amin Akhtar

Gesamtmetall-Präsident Dr. Stefan Wolf in der Südwest Presse zum aktuellen Stand der Tarifrunde 2021 in der Metall- und Elektro-Industrie

Ist es nicht Wahnsinn, mitten in der Corona-Pandemie Tarifverhandlungen zu führen?

Nein, es liegt daran, dass die Tarifverträge auslaufen. Noch vor sechs oder acht Wochen war ich skeptischer. Es funktioniert aber ganz gut. Normalerweise sind Tarifverhandlungen eine Großveranstaltung. Jetzt treffen wir uns nur in kleiner Runde. Wir hatten am Anfang vorgeschlagen, noch einmal wie im März 2020 den Tarifvertrag zu verlängern. Das ist aber bei der IG Metall auf wenig Gegenliebe gestoßen. Und auch unsere Mitgliedsunternehmen erwarten angesichts des Strukturwandels einen zukunftsweisenden Tarifabschluss.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Metall- und Elektro-Industrie in diesem und im nächsten Jahr?

Im Frühjahr 2020 gab es einen dramatischen Einbruch, aber in der zweiten Jahreshälfte eine erfreuliche Aufwärtsbewegung. Trotzdem bleibt für das Gesamtjahr 2020 bei der Produktion ein Rückgang von rund 15 Prozent. Und leider setzt sich die Aufwärtsbewegung aktuell nicht fort. Ich habe den Eindruck, dass wir uns seitwärts bewegen und die Umsätze in einzelnen Bereichen sogar etwas zurückgehen. Da spielt der zweite Lockdown eine große Rolle. Die Unsicherheit ist groß. In so einer Situation gibt es nichts zu verteilen. Wir müssen erst wieder auf das Niveau von 2018 kommen, das Niveau vor der Industrie-Rezession in 2019 und der Corona-Krise.

Wie lange dauert das?

Sofern die Impfungen dann abgeschlossen sind, rechne ich im Herbst mit einer Fortsetzung der Belebung. Ende 2022 oder spätestens 2023 haben wir hoffentlich wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Grundsätzlich gefragt: Welches Verhältnis haben Sie zur IG Metall?

Persönlich habe ich ein gutes Verhältnis mit Roman Zitzelsberger, dem Chef der IG Metall in Baden-Württemberg, mit dem ich lange Tarifverhandlungen geführt habe. Auch den IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann kenne ich sehr gut. Zur IG Metall als Organisation habe ich in den letzten Jahren eher ein ambivalentes Verhältnis entwickelt. Ich habe den Eindruck, dass sie sich gerade von ihren Mitgliedern entfernt. Wenn Sie sich mit Mitarbeitern oder auch Betriebsräten unterhalten, dann haben die ganz andere Vorstellungen als manche Funktionäre. Die IG Metall braucht eine Erneuerung: weniger dogmatisch, mehr auf die Entwicklung im einzelnen Betrieb eingestellt. Bei einem kleinen Mittelständler sind die Verhältnisse anders als bei Bosch oder Daimler. Wir brauchen viel individuellere Lösungen. Die IG Metall muss nicht immer alles bestimmen.

Ist da der Flächentarifvertrag, an den sich alle Betriebe halten müssen, nicht viel zu starr?

Ich halte den Flächentarifvertrag für richtig und wichtig als generelle Regel. Aber wir brauchen viel mehr Differenzierungsmöglichkeiten. Es gibt Betriebe mit einer Personalkostenquote von 60 Prozent. Bei Fahrzeugherstellern sind es häufig deutlich weniger. Wir brauchen automatische Unterschiede je nach Ertragslage und die Möglichkeit, auf individuelle Besonderheiten einzugehen. Darüber sollte der Unternehmer direkt mit dem Betriebsrat verhandeln können. Der ist viel näher dran an den Problemen.

Ist die IG Metall bereit, darauf einzugehen, oder hat sie Angst um ihre eigene Macht?

Ich fürchte, dass sie noch nicht so weit ist zu erkennen, dass das der richtige Weg ist. Um langfristig eine gewichtige Position zu behalten, ist es manchmal besser, Macht abzugeben, als daran zu hängen.

Die IG Metall fordert vier Prozent, was auch zur Beschäftigungssicherung verwandt werden kann. Ist das nicht bescheiden im Vergleich zu früheren Jahren?

Vier Prozent sind angesichts unserer Situation alles andere als bescheiden. Die Umsätze sind eingebrochen, die Fixkosten aber bleiben. Dazu gehören auch die Personalkosten. Manchmal frage ich mich, ob die IG Metall die Situation unserer Branche insgesamt erfasst hat. Schon der Strukturwandel kostet wahnsinnig viel Geld. Wenn wir ihn nicht schaffen, haben wir Riesenprobleme.

Geraten da die Arbeitgeber nicht in den Verdacht, sie wollten Löhne drücken und soziale Errungenschaften kappen?

An der Höhe der Löhne wollen wir nicht rütteln. Doch es gibt in allen Tarifgebieten Regelungen, die in guten Jahren entstanden sind, die aber heute die Unternehmen belasten. Wer beispielsweise in Baden-Württemberg kurz vor 12 Uhr beginnt und bis nach 19 Uhr arbeitet, bekommt den Spätzuschlag ab 12 Uhr. Da kann man doch darüber reden, ob das noch zeitgemäß ist.

Am 1. März läuft die Friedenspflicht aus, dann sind Warnstreiks möglich. Schreckt das die Arbeitgeber derzeit überhaupt?

Manche Branchen wie die Autobauer und die Zulieferer sind schon wieder besser ausgelastet. Wenn unsere Kunden im Ausland wieder nachfragen und wir nicht lieferfähig sind, schadet das unserem internationalen Ansehen. Warnstreiks sind ein Ritual und nicht zielführend.

In Nordrhein-Westfalen haben die Arbeitgeber ein erstes Angebot gemacht: eine Nullrunde in diesem Jahr, im ersten Halbjahr 2022 eine Einmalzahlung, im zweiten Halbjahr 2022 eine prozentuale Erhöhung. Ist das Ihr Modell für ganz Deutschland?

Ja, das wäre eine gute Lösung. Wir können den Betrieben in diesem Jahr in keinem Fall eine Belastung zumuten. Da ist es schon ein Risiko, sich für 2022 festzulegen, aber wir sind trotzdem dazu bereit, denn es bringt den Unternehmen und auch den Beschäftigten Planungssicherheit. Zwei Jahre Laufzeit sind für mich das Minimum.

Dann gäbe es 2021 schon im zweiten Jahr keine Tariferhöhung. Ist das den Mitarbeitern zuzumuten?

Entscheidend ist, ob es die Menschen in den Betrieben mittragen. Sehr viele würden das tun, weil sie wissen, dass sie im Vergleich zu anderen Branchen sehr gut verdienen. Wenn wir das mit einer Sicherheit der Arbeitsplätze verbinden können, ist das den Beschäftigten heute viel mehr wert als etwas mehr Geld.

Wie ließe sich das in einen Tarifvertrag packen? Sollen die einzelnen Unternehmen auf Entlassungen verzichten?

In einem Tarifvertrag ist das so nicht zu vereinbaren. Es gibt immer wieder Unternehmen, die Kündigungen nicht vermeiden können. Aber es ist möglich, optionale tarifvertragliche Instrumente zu schaffen, um Arbeitsplätze zu sichern. Und wir müssen Mechanismen finden, wie wir die Transformation im Fahrzeug- oder im Maschinenbau bewältigen können.

Gibt es bis Ostern einen Abschluss?

Wir setzen auf eine rasche Einigung noch innerhalb der Friedenspflicht. An uns liegt es also nicht, wenn wir an Ostern keinen Abschluss haben. Es gibt Themen, die sind unverrückbar, etwa keine Tariferhöhung 2021. Die IG Metall muss erkennen, dass wir mit dem Angebot für 2022 ein erhebliches Risiko eingehen, weil wir nicht wissen, wie sich die Lage tatsächlich entwickelt. Entscheidend ist, dass das von der breiten Mehrheit in den Betrieben getragen wird.

Wie groß ist die Gefahr, dass bei einem zu hohen Abschluss Unternehmen ins Ausland abwandern?

Es ist doch so: Bei den Arbeitskosten pro Stunde sind wir weltweit mit an der Spitze. Daran hat auch die Politik ihren Anteil. Die Agenda 2010 hat uns damals wieder wettbewerbsfähig gemacht. Die letzten beiden Bundesregierungen haben jedoch vieles davon zurückgedreht. Wenn wir das nicht verändern, kommt es zu weiterer Abwanderung.

In Ostdeutschland ist die Arbeitszeit immer noch drei Stunden länger als im Westen. Gibt es Chancen, das in dieser Tarifrunde zu ändern?

Das hat nichts mit dieser Tarifrunde zu tun. Klar ist, wenn wir die Arbeitszeit von 38 Stunden im Osten verkürzen würden, sind viele Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig und viele Arbeitsplätze in Gefahr.

Das Interview führte Dieter Keller, Südwest Presse. Erschienen am 13. Februar 2021.