"Wir erleben einen regionalen Fachkräfte-Exodus"

"Wir erleben einen regionalen Fachkräfte-Exodus"

"Wir erleben einen regionalen Fachkräfte-Exodus"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger warnt in der Neuen Osnabrücker Zeitung vor einem Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern in ländlichen Regionen und der Abschaffung des "Made in Germany"-Siegels:

Herr Dulger, sehr wenige Frauen interessieren sich für einen Job in der Metall- und Elektro-Industrie. Werben Sie zu wenig um sie?

Im Gegenteil, wir bemühen uns bereits sehr. Denn wir brauchen dringend Frauen, die einen anderen Zugang zu unserer Branche haben. Wir appellieren immer wieder an die Eltern von jungen Frauen, dass sich ihre Kinder die Berufe in unserer Branche genauer anschauen sollen. Wir fahren mit Infobussen an die Schulen und produzieren Infofilme. Wir kontaktieren die Lehrer. Bereits in den Kindergärten versuchen wir, Mädchen für diese Jobs zu interessieren. Bei uns gibt es beste Karrierechancen und ein super Gehalt.

In der Politik wird über eine Frauenquote debattiert. Was kann die bringen?

Eine Quote, die Zwang ausübt, bringt keinen Erfolg. Jede Form von Frauenquote wäre hinderlich. Und: Der Frauenanteil in den für uns entscheidenden Ingenieursfächern liegt bei unter 20 Prozent. In unseren technischen Ausbildungsberufen sind es knapp 8 Prozent. Wo, bitte sehr, sollen denn in einem technikgetriebenen Unternehmen die Frauen herkommen, die 30 Jahre später 50 Prozent der Führungskräfte ausmachen sollen? Außerdem kann der Staat keine Frauenquote verlangen, wenn er selbst nicht genug für die Betreuung von Kleinkindern unternimmt.

Welche Rolle spielt die Flexibilisierung von Arbeitszeiten?

Der Gesetzgeber sollte die Arbeitszeiten noch erheblich mehr flexibilisieren, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Wir sollten den Zugang zu den Arbeitsplätzen generell auch spätabends ermöglichen und dafür größere Spielräume für die Zeit im Homeoffice anbieten. Beides würde zur Entlastung bei der Kinderbetreuung beitragen. Das bedeutet nicht, länger oder unbegrenzter arbeiten zu müssen - sondern ausdrücklich, die Interessen von Mitarbeitern und Unternehmen besser miteinander vereinbaren zu können.

Wie lange müssen Ihrer Ansicht nach die Arbeitnehmer künftig bis zur Rente arbeiten?

Wer arbeiten will, darf gerne bleiben, meinetwegen auch, bis er 90 ist - oder so lange er will. Arbeit macht nicht krank, sie gibt Bestätigung und hebt das Selbstwertgefühl. Bislang ist es leider nicht vorgesehen, dass viele länger arbeiten. Im Gegenteil, es müssen Beiträge zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung gezahlt werden, obwohl der Arbeitnehmer weder arbeitslos werden kann noch eine höhere Rente dadurch bekommt. Wichtig ist umgekehrt aber auch, dass diejenigen, die einfach nicht mehr können, vorzeitig aussteigen dürfen. Bei uns gibt es dafür längst einen entsprechenden Tarifvertrag.

Der Arbeitsmarkt hängt auch von der Konjunktur ab. Wie entwickelt sie sich?

Im dritten Quartal erwarten wir eine stabile Geschäftslage, vielleicht mit einer leichten Belebung. Insgesamt werden 2013 die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wir werden ein geringes Wachstum haben, über den Daumen gepeilt dürfte es bei einem halben Prozent liegen. Aber unsere Branche ist heterogen. Es gibt Unternehmen, denen es hervorragend geht, und welche, denen es richtig bescheiden geht.

Heißt das, es gibt mehr oder weniger Jobs?

Viele Unternehmen haben langfristige Pläne. Die Beschäftigung sollte daher stabil bleiben. Was mir aber Sorgen bereitet, ist die schlechter werdende Qualifikation vieler Ausbildungsanwärter und der Bewerber für die Ingenieurberufe. Und wir erleben einen regionalen Fachkräfte-Exodus.

Wo genau?

Für ein Hightech-Unternehmen in einer ländlichen Region ist es schwieriger, qualifizierte Leute dorthin zu bekommen. In den Ballungsräumen gibt es fast keine Schwierigkeiten. Das ist in Ihrer Region ja auch spürbar: Firmen in Osnabrück selbst haben das Problem seltener, aus den Landkreisen Osnabrück, Emsland und Grafschaft Bentheim ziehen junge Leute zum Studium oft weg und kommen zu selten wieder.

Themenwechsel: Ist in der Euro-Schuldenkrise jetzt das Schlimmste vorbei?

Die Krisenstaaten haben durch Reformen wieder die Nase in den Wind bekommen. Vor allem Athen hat enorm viel geleistet. Deutschland hätte das sicher nicht so schnell hinbekommen, schon deshalb gibt es keinerlei Anlass für Hochmut. Die Griechen werden jetzt bald wieder einen Aufschwung erleben. Wir sollten den Weg aus Reformen und Hilfen daher weitergehen.

Welche Konkurrenz erwächst Europa durch den Aufstieg Chinas?

Der Handel mit China ist eine riesige Chance für unsere Industrie. Das ist für unsere Branche einer der wichtigsten Absatzmärkte überhaupt. Die neuen Wettbewerber, die von dort in unser Land kommen, sind dagegen nur ein paar unter vielen. Vor dieser Konkurrenz müssen wir uns nicht fürchten.

Was bringt die Freihandelszone mit den USA?

Das ist eine gute Sache. Amerika ist einer der wichtigsten Handelspartner. Das Geschäft mit den USA könnte durch die Freihandelszone einen neuen Boom in der Metall- und Elektro-Industrie erfahren. Insbesondere der Maschinen- und Anlagenbau würde profitieren, weil die USA versuchen, die eigene Industrie wiederzubeleben - und dazu brauchen sie unsere Maschinen.

Welche Risiken sehen Sie?

Das allergrößte Risiko besteht darin, es nicht zu tun - oder zu versuchen, einzelne Branchen vom Wettbewerb auszunehmen. Ich halte gar nichts von Schutzzöllen, dezent als Norm verbrämten Vorschriften und Ähnlichem. Entweder ich bin für freien Handel und für Wettbewerb, oder ich habe Angst vor ihm - aber bitte nicht zweierlei Maß.

Zum Schluss: Die EU-Kommission plant eine Reform der sogenannten Ursprungskennzeichnung. Die Bundesregierung sieht dadurch das Siegel "Made in Germany" in Gefahr ...

Der Ausdruck "Made in Germany" gehört zum Markenkern der deutschen Industrie. Brüssel darf den Ausdruck nicht aushöhlen und keinesfalls abschaffen. Wichtig ist nicht, wo die Komponenten für ein Produkt herkommen, sondern dass es in Deutschland fertiggestellt wird. Die Vorschläge sind aberwitzig und ein Angriff auf die Kernkompetenz deutscher Ingenieure. Made in Germany muss bleiben.

Das Gespräch führte Fabian Löhe, Neue Osnabrücker Zeitung. Erschienen am 21. September 2013.