"Wir haben das erreicht, was für uns besonders wichtig war."

"Wir haben das erreicht, was für uns besonders wichtig war."

"Wir haben das erreicht, was für uns besonders wichtig war."

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger / © Alex Kraus

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit dem Redaktionsbüro Herholz-Schmidt zum Tarifabschluss in der Metall- und Elektro-Industrie:

Herr Dulger, nach wochenlangem Streit in der Metall- und Elektro-Industrie haben sich Arbeitgeber und IG Metall im Südwesten auf einen Pilotabschluss verständigt. Wie kam es zu der Einigung?

Es waren extrem schwierige Verhandlungen. Wir mussten viele Detailfragen klären. Dafür brauchte es Zeit. Überraschend kam die Einigung also nicht. Die Verhandlungsführer waren immer an einer Lösung des Konflikts interessiert.

Wie bewerten Sie den Abschluss?

Der Abschluss, der uns jetzt gelungen ist, ist richtungsweisend und enthält wichtige Neuerungen und Verbesserungen für die Betriebe. Arbeitnehmer können aus persönlichen Gründen weniger arbeiten, wenn das notwendig ist. Die Arbeitgeber haben dafür die Möglichkeit erhalten, die fehlende Arbeitszeit auszugleichen und andere Mitarbeiter, die länger arbeiten möchten auch länger arbeiten zu lassen. Das ist ein wichtiges Signal. Insgesamt ist es ein rundum vernünftiges Paket.

Es gibt ein sattes Gehaltsplus und einen Anspruch auf Arbeitszeitverkürzungen. Kommt das die Unternehmen nicht am Ende teuer zu stehen?

Nein, denn die individuellen Arbeitszeitverkürzungen sind durch individuelle Arbeitszeitverlängerungen ausgleichbar. Durch die Möglichkeit des Ausgleichs entstehen da keine Kosten. Da haben wir ein vernünftiges Gleichgewicht gefunden. Auch weil die von der IG Metall geforderten Zuschläge für den Einstieg in reduzierte Arbeitszeiten nicht in der Einigung enthalten sind.

Heißt das, die Arbeitgeber haben sich durchgesetzt?

Ein Abschluss ist immer ein Kompromiss. Da kann sich keine Seite mit all ihren Interessen voll durchsetzen. Aber wir haben das erreicht, was für uns besonders wichtig war. Ja, der Abschluss ist hoch und sehr detailreich, bietet aber viele Möglichkeiten der Flexibilisierung für die Unternehmen. Jetzt liegt es an uns, den Unternehmen die Anwendungen und Vorteile dieses Tarifvertrages zu erklären.

Schon jetzt kämpfen viele Unternehmen mit dem Problem des Fachkräftemangels. Wird das Personalproblem durch die Tarifeinigung noch verschärft?

Der Tarifabschluss sorgt da vor. So dürfen die Unternehmen von der 40-Stunden-Quote nach oben abweichen, wenn sie vom Fachkräftemangel betroffen sind. Wenn das Unternehmen nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter finden kann, dürfen die vorhandenen Fachkräfte länger arbeiten, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Sie haben die Einigung einen "Grundstein für ein modernes Arbeitszeitsystem" genannt. Wie könnte das aussehen?

Der neue Tarifvertrag gewährt beiden Seiten mehr Flexibilität. Das Unternehmen kann die Wochenarbeitszeit bei Bedarf deutlich hochfahren, und die Mitarbeiter können ihre Arbeitszeiten in bestimmten Situationen deutlich reduzieren. Das hilft Betrieben und Beschäftigten. Der starre Acht-Stunden-Tag, fünf Tage die Woche, entspricht in vielen Betrieben längst nicht mehr der Realität.

Am Donnerstag verhandeln IG Metall Küste und Nordmetall über eine Übernahme des Tarifvertrages aus Baden-Württemberg. Ist die Einigung auf andere Tarifgebiete übertragbar?

Wir empfehlen die Übernahme des Tarifvertrages in allen anderen Tarifgebieten und große Nachverhandlungen erwarten wir nicht.

Sie sind zügig zu einem Ergebnis gekommen. Ein Vorbild für die Politik?

Die Koalitionsverhandlungen sind auch ein hochkomplexes Feld. Da ist Sorgfalt geboten, das kann durchaus eine Weile dauern. Inzwischen ist aber genügend Zeit vergangen. Jetzt wird es Zeit für einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen. Ich hoffe auf ebenso vernünftige Ergebnisse.

Was erwarten Sie von einer möglichen Großen Koalition?

Die neue Bundesregierung muss mehr Wirtschaft wagen. Etwas Aufbruchstimmung wäre gut. Digitalisierung, Infrastrukturmaßnahmen, Lohnnebenkosten deckeln – das sind Möglichkeiten, Wirtschaftswachstum politisch zu fördern. Was wir nicht gebrauchen können, sind eine Ausweitung des Sozialstaats oder neue Vorschriften.

Die SPD fordert ein Ende der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen. Was würde das für die Wirtschaft bedeuten?

Ein solcher Schritt wäre absolut fatal, weil der Wirtschaft seit 2003 sämtliche Flexibilisierungsmöglichkeiten massiv beschnitten wurden. Die Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern viele Möglichkeiten zur Flexibilisierung. Aber sie müssen die fehlenden Kapazitäten ausgleichen. Da brauchen wir befristete Arbeitsverträge. Eine Abschaffung der sachgrundlosen Befristung würde die Wirtschaft nochmals schwer belasten.

Das Interview führte Andreas Herholz, Redaktionsbüro Herholz-Schmidt. Erschienen in verschiedenen Regionalzeitungen am 7. Februar 2018.