"Wir haben uns eindeutig gegen eine Veränderung des Mindestlohns ausgesprochen"

"Wir haben uns eindeutig gegen eine Veränderung des Mindestlohns ausgesprochen"

"Wir haben uns eindeutig gegen eine Veränderung des Mindestlohns ausgesprochen"

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander weist im Interview auf SR 2 KulturRadio die Dumpinglohn-Vorwürfe der IG Metall zurück:

Herr Zander, die IG Metall gilt ja als harter Hund in Verhandlungen. Wenn so ein Gewerkschaftstag ansteht, gehen da bei Ihnen eigentlich schon die Alarmglocken an?

Guten Tag, Herr Weitzmann, nein, die Alarmglocken gehen nicht an. Jede Organisation hat ihre demokratischen Regeln, also veranstaltet auch die IG Metall alle vier Jahre ihren Gewerkschaftstag. Nein, wir gucken uns das an und überlegen uns unsere Strategie.

Natürlich kann es in diesen Tagen kein IG Metall-Treffen geben, ohne dass das Thema "Volkswagen"  aufs Tablett kommt, wo die Gewerkschaft ja auch einen großen Einfluss hat. Wir erleben derzeit die Krise eines Konzerns, ausgelöst von Managern auf welcher Ebene auch immer. IG Metall-Chef Wetzel hat gestern gesagt, die Putzfrau wird es ja wohl nicht gewesen sein und er fürchtet jetzt, dass Arbeitnehmer schlimmstenfalls mit ihrem Arbeitsplatz zahlen müssen. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Gut, es ist zu früh zu wissen, was die Ergebnisse bei VW sein werden und wer die Schuld trägt, wer auch die Verantwortung zu tragen hat. Das wird ein längerer Prozess. Die Krise wird gravierende Auswirkungen für den VW-Konzern haben, das ist sicher. Und ich hoffe, eben nicht für die Beschäftigten.

Nun hat die IG Metall nicht nur Volkswagen ins Visier genommen, sondern auch andere Arbeitgeber, etwa beim Thema Flüchtlinge. Kommen wir mal darauf zu sprechen. Es gibt den Vorwurf, auch die Metallarbeitgeber wollten Flüchtlinge als neues Argument für Dumping-Löhne ausnutzen. Ist das so?

Ich weiß nicht, an wen sich der Vorwurf richtet. An uns kann er sich nicht richten. Wir haben den Eindruck, dass die IG Metall oder die Vertreter der IG Metall, die so reden, unsere Verlautbarung nicht gelesen haben.

Ihre Forderungen sind welche?

Wir haben uns eindeutig gegen eine Veränderung des Mindestlohns ausgesprochen. Wir sind keine Fans des Mindestlohns, aber halten es für eine sehr schlechte Idee, jetzt Veränderungen beim Mindestlohn vorzunehmen und die noch mit der Flüchtlingskrise zu begründen.

Aber es gibt ja Forderungen aus der Wirtschaft in der Tat, die sagen, na ja, man müsste da vielleicht für besonders geringqualifizierte Flüchtlinge ein Modell schaffen, bei dem man eben nicht von Anfang an den Mindestlohn bezahlen muss. Das ist etwas, was Sie ablehnen würden?

Herr Weitzmann, mir ist keine Stimme bekannt aus der Wirtschaft. Ich habe einzelne Wirtschaftsprofessoren wahrgenommen. Aber ich kenne keine Stimme aus der Wirtschaft dazu.

Gut, dann nehmen wir dies erst einmal zur Kenntnis. Etwas, was die IG Metall auch immer wieder thematisiert, ist das, was man unter dem Thema "Tarifflucht" zusammenfasst. Da wird immer wieder der Vorwurf erhoben, dass in den Betrieben Leiharbeit und Werkverträge benutzt werden, um Tarifverträge auszuhöhlen und Menschen als Arbeitnehmer zweiter Klasse zu beschäftigen. Ist das in Ihren Augen ein Problem?

Wir haben aktuell die Situation, dass wir in der Metall- und Elektro-Industrie Stammbelegschaften aufbauen. Wir haben in der Krise ca. 230.000 Arbeitsplätze verloren und haben seit der Krise ca. 360.000 Stammarbeitsplätze in der Metall- und ElektroIndustrie aufgebaut. Das heißt, es hat keine Verdrängung stattgefunden. Ich empfinde die Debatte seitens der IG Metall organisationspolitisch getrieben, sprich: Es geht der IG Metall um neue Mitglieder. Das ist ihr neues goldenes Kalb, um das tanzt sie und nun müssen andere Bereiche einbezogen werden, damit man die Zahlen, die man braucht, hinkriegt.

Aber dieses Gefühl hat man ja durchaus auch in der Gesellschaft, dass es tatsächlich so ist, je mehr man mit den Leuten redet, einfach auf Menschen trifft, die in solchen Verträgen stecken. Täuscht da der Eindruck, hat das nichts mit der Realität zu tun?

Ich glaube, Sie haben den Begriff Gefühl zu Recht verwendet. Sicherlich kennen wir den einen oder anderen im Bekannten- oder Freundeskreis, der Zeitarbeit leistet oder der befristet beschäftigt ist. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Wir haben einen Rückgang der Zeitarbeit und der befristeten Arbeitsverhältnisse in Deutschland. Das ist der guten Arbeitsmarktsituation geschuldet und insofern meine ich: Ja, es gibt diese Dinge, aber sie sind per se nicht schlecht, im Gegenteil, sie schaffen Arbeit und sie nehmen als Phänomen ab.

Herr Zander, zum Schluss. Es stehen bei der IG Metall ja auch Vorstandswahlen an. Dann dürften Sie bald ein neues Gegenüber haben, nämlich den bisherigen Zweiten Vorsitzenden, Jörg Hofmann. Der soll zum Ersten Vorsitzenden gewählt werden. Was erwarten Sie denn von ihm? Weiter eine harte Linie oder ist das jemand, von dem Sie sich vielleicht etwas mehr Flexibilität erhoffen können?

Ich sage es mal so, wir wählen ja den IG Metall-Vorsitzenden nicht. Wir arbeiten mit jedem, der gewählt ist, gut zusammen. Also, ich glaube, das wird zwar ein gewisser Stilwechsel sein, weg von der Kampagne und stärker hin zu Lösungen. Darauf freuen wir uns und wir glauben, dass ein erfahrener Tarifpolitiker, wie es Herr Hofmann ist, auch sehr schnell die neuen Dimensionen des Amtes begreifen und umsetzen wird.

Das Interview führte Peter Weitzmann, SR 2 KulturRadio. Gesendet am 19. Oktober 2015.