"Wir hatten nicht zu rechtfertigende Warnstreikexzesse"

"Wir hatten nicht zu rechtfertigende Warnstreikexzesse"

"Wir hatten nicht zu rechtfertigende Warnstreikexzesse"

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander in der Rheinischen Post zur Tarifpolitik der IG Metall, der Zukunft der Dieseltechnologie, Digitalisierung bei M+E und warum die Kampagne gegen Werkverträge an den Haaren herbeigezogen ist:

Herr Zander, die IG Metall bringt gerade ein Bilderbuch heraus: "Carla, Fabio und Mama streiken". Wann kommt das erste Gesamtmetall-Pixibuch – etwa "Mama und die Kinder sperren Papa aus" oder "Warum der Papi für den US-Kunden auch mal spät nachts aufstehen sollte"?

Sie werden lachen: Wir haben schon längst ein Pixibuch: "Meine Freundin, die ist Ingenieurin". Allerdings wurde das im Rahmen der Nachwuchswerbung aufgelegt – ganz ohne den ideologischen Ton, auf den die IG Metall offenbar setzt.

Die Betonung des Streiks hat einen ernsten Hintergrund. Bei der letzten Tarifrunde ging es mit massiven Warnstreiks schon deutlich ruppiger zur Sache. Haben Sie es mit einer rauflustigeren IG Metall zu tun?

Die IG Metall hat in der auch in der letzten Tarifrunde zu Warnstreiks aufgerufen, sie aber in einigen Unternehmen diesmal nicht mehr im Griff gehabt. Wir hatten nicht zu rechtfertigende Exzesse. Das waren reguläre, lange geplante Arbeitskämpfe. In einem Betrieb stand schon im Oktober 2014 am Schwarzen Brett, dass der Warnstreik am 28. Januar 2015 unmittelbar nach dem Ende der Friedenspflicht stattfindet.

Die IG Metall ist mit der Taktik aber sehr gut gefahren. Viele Ihrer Mitglieder haben beklagt, der Abschluss sei zu hoch. Das dürfte den Druck auf Sie erhöhen, nun mehr Härte zu zeigen.

Bei der Altersteilzeit haben wir uns sehr gut durchgesetzt. Auch bei der Bildungsteilzeit ist nicht das IG-Metall-Wunschpaket herausgekommen. Aber es stimmt: Das Entgelt ist zu stark gestiegen und die Laufzeit war zu kurz. Für 2016 hängt es nun davon ab, mit welcher Forderung die IG Metall um die Ecke kommt. Wenn sie die Konjunkturrisiken und auch die VW-Krise nicht ausreichend berücksichtigt, werden wir entsprechend reagieren müssen.

Bleiben wir einen Moment bei der VW-Krise. Wie groß ist der Schaden für die gesamte Branche?

Für eine ordentliche Einschätzung ist es im Augenblick noch zu früh. Klar ist aber, dass es im VW-Konzern gravierende Auswirkungen – möglicherweise auch für die Beschäftigten – geben wird. Aber um das genaue Ausmaß abzusehen, müssen wir erst die Untersuchungen abwarten. Wichtig ist, dass die Krise jetzt nicht von Umweltgruppen gegen die Automobilindustrie und den Wirtschaftsstandort instrumentalisiert wird. Und die NGOs versuchen jetzt, die Diesel-Technologie zu verteufeln.

Hat die Dieseltechnologie denn überhaupt noch Zukunft?

Sie wird gerade völlig undifferenziert betrachtet. Es wird so getan, als wären alle Dieselmotoren schlecht. Doch viele erfüllen die sehr scharfen US-Vorschriften. Der Diesel wird eine Zukunft haben.

Sind die Manipulationen ein Einzelfall, oder kommt da noch mehr?

Nach jetzigem Stand gibt es überhaupt keine Anzeichen, dass das auch woanders stattgefunden hat.

Wenden wir uns wieder der Tarifpolitik zu. Am Dienstag endet die Ära von IG-Metall-Chef Detlef Wetzel. Was überwiegt bei Ihnen: Wehmut oder Erleichterung?

Wir wählen den IG-Metall-Vorsitzenden ja nicht, wir arbeiten mit jedem Vorsitzenden zusammen. Bei Detlef Wetzel hat mir gut gefallen, dass er das Bündnis "Zukunft der Industrie" mit angeschoben hat. Eine kluge Idee. Dass er allerdings jedes Thema gleich zur Kampagne gemacht hat, um Mitglieder zu werben, ist nicht auf der Haben-Seite zu verbuchen.

Der designierte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann wird im Dezember 60, und mit Christiane Benner wird am Dienstag erstmals eine Frau Zweite Vorsitzende. Werden wir mit ihr in vier Jahren die erste IG-Metall-Chefin erleben?

Nach der IG-Metall-Arithmetik wäre das so. Aber wann das kommt, kann niemand sagen. Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass Hofmann in vier Jahren noch eine Amtszeit dranhängt.

Im kompletten Gesamtmetallvorstand sitzt nicht eine Frau. Da ist die Gewerkschaft deutlich progressiver.

Ich halte das Quotendenken für alles andere als progressiv. Es kommt darauf an, dass die richtige Person die Aufgabe übernimmt – die Frage nach dem Geschlecht ist nachrangig. Die Arbeitgeberverbände haben Verhandlungsführerinnen. Den Pilotabschluss 2013 hat eine bayerische Unternehmerin verhandelt. Und Gesamtmetall hatte bereits zwei Hauptgeschäftsführerinnen.

Wie wird sich die IG Metall unter Hofmann verändern?

Es wird sicher einen anderen Stil geben. Trotz aller Kampagnen, die es auch weiter geben wird, wird er versuchen, wichtige Themen anzupacken und zu Lösungen zu gelangen – etwa beim Thema Industrie 4.0. Hoffentlich, ohne in die alten Schützengräben zu geraten.

In einer aktuellen Studie der GfK gaben 70 Prozent der Firmen an, die Digitalisierung spiele bei ihnen keine oder nur eine sehr geringe Rolle. Klingt so, als würde die deutsche Wirtschaft schlafen.

Der Mittelstand nutzt schon sehr intensiv Informationstechnik, allerdings nicht in allen Fällen im Produktionsprozess. Die Industrie 4.0 kommt, wird aber keine Revolution, sondern eine Evolution sein. Sie wird die Produktivität erhöhen. Möglich ist es, dass wir Einzelfertigung zu Kosten von Massenprodukten hinbekommen. Deshalb werden auf kurz oder lang alle schon dank des Wettbewerbsdrucks mitmachen. Klar ist aber schon jetzt: Die oft beschworene menschenleere, nur von Robotern betreute Fabrik ist eine Illusion.

In der Belegschaft herrscht aber die Angst vor einer Lohnspreizung: einige gut bezahlte Fachkräfte und ein Heer schlecht bezahlter Kräfte für einfache Tätigkeiten.

Wir glauben, dass wir mit den jetzigen Qualifikationen im Kern auskommen. Wir werden nicht viel weniger Köpfe haben, aber ihre Qualifikation wird eine andere sein. Bei der Ausbildung sollten wir den Fokus verschieben. Ein Riesenbedarf wird es bei IT-Fachleuten, speziell Software-Entwicklern geben.

Bedarf es weiterer tarifpolitischer Regelungen, um sicherzustellen, dass alle Beschäftigen - auch die Älteren - fit für die Industrie 4.0 werden?

Unser Instrumentarium reicht aus, wir müssen nur dafür werben, dass sich die Beschäftigten weiterbilden. Die Unternehmer wissen, dass gute Leute ein Wettbewerbsfaktor sind und werden sich entsprechend darum kümmern.

Durch die Digitalisierung steigen die Anforderungen durch die Kunden. Der chinesische, australische oder amerikanische Abnehmer lebt in einer anderen Zeitzone. Werden Sie das Thema Zeitflexibilität auf die Tagesordnung der Tarifverhandlungen setzen?

Wir werden mit Sicherheit die Frage nach der Erreichbarkeit betrachten müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Da ist die Tarifrunde 2016 aber nicht der richtige Ort. Das würde sie überfrachten. Das müssen wir langfristiger vorbereiten. Und das tun wir auch.

Die Gewerkschaft macht gerade gegen Werkverträge mobil. Sie wirft Ihnen vor, damit systematisch Löhne und Tarifstandards zu umgehen.

Erst hieß es bei der IG Metall ja sogar, Werkvertragsnehmer würden die Stammbelegschaften verdrängen. Diese Mär ist inzwischen beerdigt. Wir haben in der Krise 230.000 Stammarbeitsplätze verloren, konnten seitdem aber 360.000 wieder aufbauen – flapsig ausgedrückt: 130.000 über den Durst. Und die Vorwürfe der schlechteren Arbeitsbedingungen sind auch an den Haaren herbeigezogen. Da gelten Tarifverträge, da gibt es Betriebsräte. Ich kann da keinen Missbrauch erkennen. Auf mich wirkt es eher so, als suche die IG Metall händeringend auf fremdem Terrain nach neuen Mitgliedern.

Die Bundesarbeitsministerin will das Thema aber zügig angehen. Welche Folgen befürchten Sie?

Zu viel Regulierung: Ganz klar ist für die Arbeitgeber: Es darf an keiner Stelle eine Ausweitung der Mitbestimmung geben.

Das Gespräch führte Maximilian Plück, Rheinische Post. Erschienen am 17. Oktober 2015.